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Islamkritiker : Die Panikmacher

In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nannte Wolfgang Schäuble es im Mai 2008 „eine Legende, dass die Muslime sich alle verstellen“. Ihm komme die Frage, ob man ihnen glauben könne oder nicht, „merkwürdig bekannt vor“. In der deutschen Geschichte hätten Katholiken und Protestanten einander jahrhundertelang wechselseitig der Verlogenheit bezichtigt. Der islamkritische Generalvorbehalt gegen die Glaubwürdigkeit muslimischer Gesprächspartner sei „institutionalisierte Dummheit“.

Dass ausgerechnet Schäuble, damals als Tag- und Nachtwächter um die Sicherheit der Republik besorgt, eine so entschiedene Entwarnung gab, wies ihn in den Augen der Islamkritik als den für den Feind nützlichsten Idioten aus. Er bestritt, dass man hinter dem Sozialverhalten von Muslimen eine Kriegslist vermuten muss, und spielte eben dadurch die Rolle, die die Kriegslist ihm zugedacht hatte.

Entscheidung an allen Orten und mit allen Mitteln

Der Krieg, den die Islamkritik führt, muss mit einem Sieg zu Ende gehen, dem vollständigen Sieg der einen Partei oder der anderen. Ayaan Hirsi Ali sagte im Gespräch mit Rogier van Bakel: „Es kommt der Augenblick, da man den Feind zerquetscht. Und wenn man das nicht tut, muss man damit leben, dass man von ihm zerquetscht wird.“ Diesem totalen Begriff des Krieges entspricht, dass die Entscheidung an allen Orten und mit allen Mitteln gesucht wird - zuerst und zuletzt im Alltag.

Ayaan Hirsi Ali kämpft für das Recht der Muslime, ihrem Glauben abzuschwören. Das korrespondierende Recht der Ungläubigen, sich zum Islam zu bekehren, will sie suspendieren - für die Zeit, bis der Islam unschädlich gemacht ist. Auch die Freiheit von Forschung und Lehre und die Versammlungsfreiheit möchte sie für die Dauer des Krieges eingeschränkt sehen. Das Verbrennen von Symbolen - eine Form des Protests, die in den Vereinigten Staaten selbst bei Verwendung der Landesflagge den Schutz der Verfassung genießt - soll der Westen verbieten, um mit dieser Antwort auf die Provokationen seinerseits ein Zeichen zu setzen. „Man blickt dem Feind ins Auge, lässt seine Muskeln spielen und gibt ihm eine letzte Warnung: Wir nehmen das nicht mehr hin.“

Der Sphäre der symbolischen Selbstdarstellung wächst auf dieser Linie geradezu kriegsentscheidende Bedeutung zu. Am Tragen oder Ablegen von Kleidungsstücken, am Dulden oder Verbieten architektonischer Gesten zeigt sich der Siegeswille der Kriegsparteien. Der Bürgerkrieg, dessen Ausbruch laut Hirsi Ali längst hinter uns liegt, ist ein Partisanenkrieg mit umgekehrtem Vorzeichen: Die Muslime streben in die Sichtbarkeit, okkupieren den öffentlichen Raum. In kleinen Schritten kommen sie voran, aber auf breiter Front, und ebendas Unaufdringliche des Vormarschs im Schutz allgemein akzeptierter Vorstellungen vom Radius der privaten Lebensgestaltung macht drakonische Gegenmaßnahmen erforderlich. Muslimischen Verhüllungsvorschriften antwortet der Enthüllungsbefehl der Islamkritik.

Wer gerrettet sein will, darf nicht zimperlich sein

Die Illiberalität ihrer Maßregeln nimmt die Islamkritik in Kauf, ja, sie mag ihr als Zeichen der Dringlichkeit ihres Anliegens sogar willkommen sein. Gerade im nachbarschaftlichen Alltag schlagen die Islamkritiker einen aggressiven Ton an, dem man ablesen soll, dass sie in Notwehr tätig werden. So mobilisierte Ralph Giordano den Unmut gegen den Kölner Moscheebau, indem er im Fernsehstudio der Lokalzeitung sagte: „Auf dem Wege hierher hatte ich einen Anblick, der meine Ästhetik beschädigt und gestört hat: eine von oben bis unten verhüllte Frau, ein menschlicher Pinguin.“

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