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Islamkritiker : Die Panikmacher

Die Islamkritik unterschlägt die verbindliche Prämisse: Wenn erörtert wird, ob der Gläubige den Glauben verleugnen darf, ist eine Situation äußerster Bedrängnis vorausgesetzt. Es geht um das moralphilosophische Problem der Notlüge in Lebensgefahr. Goldziher führt aus, dass die Tradition der Worte und Taten des Propheten in diesem Punkt nicht einhellig ist. Bei den „älteren Gesetzeslehrern“ bleibt die Erlaubnis zur Verstellung „ein Zugeständnis für die Schwächeren“.

Die Islamkritik reproduziert das Klischee des verschlagenen Orientalen, wenn sie die Erlaubnis zur lebensrettenden Gottesleugnung als islamisches Sondergut ausgibt. Goldziher gebrauchte mit Selbstverständlichkeit einen Begriff der christlichen moraltheologischen Diskussion: Spätere Rechtsgelehrte hätten es „als erforderlich bezeichnet, die Verleugnung des Bekenntnisses in solchen Notfällen möglichst durch doppelsinnige Worte auszudrücken, die eine reservatio mentalis ermöglichen“.

Die Wahrhaftigkeit des Verkehrs wird zerstört

Der „Brockhaus“ von 1839 definiert: „Reservatio mentalis heißt ein heimlicher, innerer oder Gedankenvorbehalt bei der Leistung von Versprechen und Eiden, denen man dadurch in seinen Gedanken eine verschiedene Bedeutung von der unterlegt, welche Andere in dem schriftlich oder mündlich gegebenen Versprechen finden können.“ Die Jesuiten hätten dies gelehrt und dadurch der Konversation den moralischen Boden entzogen: „Hiernach wäre denn niemand sicher, dass sie bei einem Versprechen sich innerlich nicht grade das Gegenteil von dem vornehmen und nach dieser Meinung beschwüren, was sie laut aussprechen und wozu sie sich dann nicht als verpflichtet ansehen.“

Der „Meyers“ von 1888 legt im Artikel „Jesuiten“ unter der Dachzeile „Wachsender Einfluss des Jesuitismus in der Gegenwart“ dar, „jede Wahrhaftigkeit des Verkehrs“ werde „dadurch zerstört, dass bei Eiden, Versprechungen oder Zeugnissen ein geheimer Vorbehalt (reservatio mentalis) und Zweideutigkeit des Ausdrucks als zulässig gelten“. Von einer „wachsenden Empörung“ weiß das Lexikon zu berichten, „welche diese in Predigt, Beichtstuhl und Jugendunterricht verbreiteten Grundsätze allmählich hervorriefen“.

Mit dem Einfluss des Jesuitismus wuchs die Empörung: Das Jesuitengesetz von 1872, das den Orden vom Gebiet des Deutschen Reiches ausschloss, war in dieser Geschichtssicht eine vom normalen moralischen Empfinden gebotene Notwehrmaßnahme.

Der Kampf wurde philologisch geführt

Nur im Schiitentum wurde das Prinzip der Taqiya nach Goldzihers Darstellung zur Doktrin entwickelt. Aus der Situation einer im Geheimnis verbundenen verfolgten Minderheit erklärt Goldziher, dass die Verstellung den Schiiten nicht wie den Sunniten als Konzession an die Schwachen gegolten habe, sondern als „unerlässliche Pflicht, die niemand aus Übereifer unterlassen darf“.

Es blieb bei der Bindung an die Lebensgefahr; die Täuschung hatte den Zweck, die Gemeinschaft der unerkannt lebenden Gläubigen zu schützen. Als ketzerische Übertreibung ordnet Goldziher von der sunnitischen Propaganda überlieferte Meinungen ein, dass auch zum privaten Vorteil in vermögens-, blut- und eherechtlichen Angelegenheiten falsch Zeugnis abgelegt werden dürfe.

Die antijesuitische Polemik der liberalen Kulturkämpfer sah darüber hinweg, dass es im Orden auch Kritiker der Lehre vom Mentalvorbehalt gegeben hatte. Gleichwohl wurde der Kampf bis in die Konversationslexika hinein philologisch geführt, mit Stellen aus den Lehrbüchern der Moraltheologie. Die Islamkritiker bleiben Belege für die These einer gesamtislamischen, entgrenzenden Rezeption der Doktrin der Taqiya schuldig. Die Schwierigkeiten der Anwendung selbst der schiitischen Lehre auf Gesellschaftsverhältnisse ohne Glaubenszwang liegen auf der Hand.

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