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Intuition : Erster Blick und siebter Sinn

Glaubt an die Macht des Moments: Malcolm Gladwell
          5 Min.

          Die folgende Episode hat der New Yorker Journalist Malcolm Gladwell nicht in sein neues Buch „Blink!“ aufgenommen, auch wenn sie dort eigentlich hineingehört: Vor einigen Jahren begleitete Gladwell die Trendforscherin Baysie Wightman in die Bronx. Es ging um Turnschuhe.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wightman trug einen Beutel neuer Exemplare der Marke Reebok bei sich, um sie im Schuhladen „Dr. Jay's“ herumzuzeigen, und zwar nicht den Verkäufern, sondern den jungen Kunden. Einer von ihnen sah ihr aufmerksam zu. „Ohh-kay“, sagte er zum ersten Sneaker, den er nicht mochte. Beim zweiten stöhnte er widerwillig, noch bevor Baysie ihn überhaupt aus dem Beutel gezogen hatte. Beim dritten allerdings, einem weißblauen Laufschuh mit einer Sohle wie aus Eis, leuchteten seine Augen auf. Er musterte ihn lange. Und dann sagte er nur zwei Worte: „No doubt.“ Kein Zweifel, dieser Schuh war heiße Ware. Nur handelte es sich bei diesem Modell um einen Frauenschuh, der sich obendrein nicht verkaufte. Also rief Wightman sofort Reebok an, um anzuordnen, den Schuh auch für Männer auf den Markt zu bringen.

          Schnell geschaltet

          Baysie Wightman hatte schnell geschaltet. Malcolm Gladwell dagegen, 1963 geboren und damit nur wenig jünger als Baysie, studierter Historiker, halber Jamaikaner und ehemaliger Wissenschaftsredakteur der „Washington Post“, hatte nur daneben gestanden und gar nichts gemerkt. Er war untauglich für den coolhunt auf Schuhe gewesen. Es war ihm schleierhaft, wie Baysie Wightman ihre Einsichten aus den Kommentaren der Jungs gewann. Seine Wahrnehmung war nicht geschult darin, „cool“ und „uncool“ zu unterscheiden. Das Porträt der Trendforscherin Baysie Wightman, das Gladwell danach für sein Magazin „The New Yorker“ verfaßte, endete mit der schlichten Erkenntnis, es einfach nicht zu kapieren. Die „Macht des Moments“ war ihm verborgen geblieben.

          Sicher aber spukte diese Episode noch in seinem Kopf herum, als Malcolm Gladwell sich jetzt daran machte, „Blink!“ zu schreiben, den Nachfolger von „The Tipping Point“, seinem Bestseller aus dem Jahr 2000. Darin hatte Gladwell anhand des „Airwalk“-Turnschuhs von Nike noch erklärt, wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Mißerfolg ist, zwischen cool und uncool, zwischen angesagt und ausgemustert. Um diesen Umschlagpunkt war es ihm damals gegangen. Darum, daß sich nicht nur Schuhmoden, sondern auch neue Ideen, Innovationen in der Gesellschaft epidemisch ausbreiten können.

          Der erste Blick

          In „Blink!“ geht es Gladwell jetzt dagegen um den ersten Blick, um das sogenannte „adaptive Unbewußte“ des Gehirns, das für uns schnelle, einfache Entscheidungen trifft. „Blink!“ handelt davon, diesen ersten Blick für den Alltag zu trainieren. Der Junge aus dem Schuhgeschäft in der Bronx brauchte eine Zehntelsekunde, um den einen Schuh zu lieben und den anderen zu hassen. Diese Zehntelsekunde entschied über das Schicksal einer ganzen Schuhkollektion.

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