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Intuition : Erster Blick und siebter Sinn

Vertauscht man die Paarungen bei den Hautfarben und soll dann „verletzt“ und „wunderbar“ verteilen, ist es genauso. „Den meisten Menschen fällt es nachweisbar schwerer, gute Eigenschaften dem Wort schwarz zuzuordnen, als schlechte Eigenschaften mit schwarzen Personen in Verbindungen zu bringen“, sagt Gladwell. „In der Auswertung wurde mir eine geringfügige automatische Bevorzugung von Weißen bescheinigt. Dabei bin ich selbst dunkelhäutig, meine Mutter ist Jamaikanerin.“

Und man ist für eine Zehntelsekunde verblüfft, hält es dann aber eher für Alltagsweisheiten, in Tests exakt nachgewiesen und für ein breites Publikum aufbereitet. Gladwell hat weitere solcher Beispiele parat: Da ist die Hornistin, die hinter einem Wandschirm erfolgreich bei den Münchner Philharmonikern vorspielte, aber vom Dirigenten Sergiu Celibidache brüsk abgewiesen wurde, als der merkte, daß es eine Frau war. Das Horn ist eben ein traditionell männliches Instrument. „Wenn wir das Umfeld kontrollieren, in dem unser schnelles Denken stattfindet, können wir auch dieses kontrollieren“, sagt Gladwell - und plädiert letztlich für mehr Wandschirme, wenn es im Beruf um Körpergröße oder Geschlecht geht.

Überraschend schlicht

„Blink!“ ist manchmal also überraschend schlicht gehalten. Andererseits legt man Gladwells Buch nicht mehr aus der Hand, weil auf die banalen Passagen immer auch faszinierende folgen, wenn er etwa über die Erkenntnisse der Physiognomie berichtet: Zehntausend Gesichtsausdrücke hat der Mensch, wenn wir die wichtigsten kennen, können wir praktisch Gedanken lesen. „Das menschliche Gesicht ist wie der Penis“ - es hat ein Eigenleben, das nicht zu steuern ist.

Hätte man genau auf das Mienenspiel geachtet, dann wären eitle Doppelagenten wie Kim Philby früher aufgeflogen, der fast unmerklich grinste, als er gefragt wurde, ob er auch für die Sowjets spioniere. Leben wären zu retten gewesen, wie das von Amadou Diallo aus der Bronx, auf den im Februar 1999 vier Polizisten 41 Schüsse abfeuerten, weil sie nicht die Furcht in Diallos Gesicht erkannten. Ein Fall, der vorige Woche wieder aktuell wurde, als die englische Polizei einem Unschuldigen fünfmal in den Kopf schoß, weil sie ihn für einen der Londoner Attentäter hielt.

Die plötzliche Einsicht

Ist es nicht aber unmenschlich, von einem Polizisten zu verlangen, unter Druck, in Panik und Angst innezuhalten, um Gedanken zu lesen? Nein, sagt Gladwell, das Gehirn ist nämlich sehr wohl in der Lage, Augenblicke in Zehntelsekunden in „dünne Scheibchen“ zu schneiden, um spontan und sogar richtig zu entscheiden. Wir müssen diese Intuition nur ernst nehmen, fordert Gladwell, und sie schärfen. Hätte man sich auf die Situation eingestellt und nicht eine starre Techno-Maschinerie auf den Irak losgelassen, wäre auch dieser Krieg längst beendet, behauptet er. Und er belegt das mit dem Manöver „Millennium Challenge 2002“ der amerikanischen Streitkräfte, bei dem eine HiTech-Armee der Geistesgegenwart eines erfahrenen Generals unterlag, weil der seine Partisanen im Planspiel flexibel und intuitiv bewegte.

„Eine plötzliche Einsicht ist weniger die berühmte Glühbirne, die plötzlich in Ihrem Kopf angeht, als vielmehr eine flackernde Kerze, die beim geringsten Luftzug erlischt.“ In Sätzen wie diesem blinkt nicht nur die stilistische Klasse Malcolm Gladwells auf, sein Talent zum klaren Bild, sondern auch die Sehnsucht des unverbesserlichen Rationalisten, das kostbare Licht der Vernunft in die Welt zu tragen. „Blink!“ ist der Ratgeber zu einem sehr amerikanischen Moment in der Geschichte.

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