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Intuition : Erster Blick und siebter Sinn

In „Blink!“ erzählt Gladwell gleich zu Beginn die ganz ähnliche Geschichte der höchstwahrscheinlich gefälschten „Kouros“-Statue, die 1983 dem Getty-Museum in Los Angeles angeboten wurde. Experten hatten der Marmorstatue nach monatelanger Prüfung bescheinigt, echt zu sein. Also kaufte das Museum sie an, für geschätzte sieben bis neun Millionen Dollar. Doch gleich drei Kunsthistoriker mißtrauten diesem Kouros auf den ersten Blick, innerhalb von zwei Sekunden. Dem einen mißfielen die Fingernägel, der zweiten paßte die ganze Richtung nicht, der dritte dachte nur: „Frisch“, irgendwie aus dem Ei gepellt sieht die Statue aus und nicht nach zweieinhalbtausend Jahren unter der Erde. Unschlüssig geworden, ließ das Museum sie nochmals prüfen: Die ersten Gutachten wankten. Bis heute heißt es im Katalog: „Circa 530 vor Christus oder moderne Fälschung.“

Vierzehn Monate gegen zwei Sekunden

Bei der Statue standen also vierzehn Monate gegen zwei Sekunden. „Wenn wir uns selbst und unser Verhalten besser verstehen wollen“, sagt Gladwell, „dann müssen wir uns eingestehen, daß eine Spontanentscheidung genauso gut sein kann wie eine monatelange rationale Analyse.“ Monatelang hatten Designer einen Frauenschuh entwickelt, den sie für cool hielten - aber es dauerte nur den Wimpernschlag eines jungen Typen aus der Bronx, sie zu widerlegen.

Doch Gladwell geht es nicht darum, Turnschuhe zu verkaufen. Er will Leben retten und Ehen, er will die herkömmliche Marktforschung auf den Kopf stellen und kleineren Leuten eine bessere Chance im Beruf geben. Er will, daß wir, seine Leser, die er immer wieder direkt anredet, begreifen, wie wichtig es ist, die eigenen Sinne zu schärfen, um sich nicht von den eigenen Sinnen täuschen zu lassen: „Wir sehen einen großgewachsenen Menschen und liegen ihm zu Füßen“, schreibt Gladwell. Deshalb befänden sich auch so viele große Männer in Führungsrollen. Ein Aberglaube, der sich sogar messen lasse - ein Zentimeter Körpergröße mehr ergibt 0,6 Prozent mehr Bruttogehalt, hat eine Studie der Universität München ermittelt, die Gladwell zitiert: „Selbst bei der Vergabe wichtigster Positionen entscheiden wir weit weniger rational, als wir wahrhaben wollen.“

Die Intuition

Gladwell, hochbezahlter Redner und „Busineß-Guru“, klingt manchmal wie ein Missionar, wie ein Volksaufklärer. Das nervt und beginnt schon beim Ausrufezeichen im Titel: „Blink!“ erscheint im Verlag von „Simplify your life“, jenem millionenfach verkauften Ratgeber, „einfacher und glücklicher zu leben“.

Ob das Kalkül aufgeht? Bislang taucht „Blink!“ jedenfalls noch nicht auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten auf. Dabei hat Gladwell in sein Buch sogar Übungen aufgenommen, mit denen sich belegen läßt, daß selbst politisch korrekte Zeitgenossen (wie Gladwell selbst) die Welt in schwarz-weiße Kategorien teilen. Es geht um Assoziationsketten: ein weißes Gesicht und das Adjektiv „gut“, ein schwarzes und „böse“, männlich und Beruf, weiblich und Familie. Sortiert man nun aber um, stellt „männlich“ zu „Familie“ und „weiblich“ zu „Beruf“ und soll den Paarungen Begriffe wie „Haus“ und „Kapitalismus“ zuordnen, fällt die Entscheidung immer schwerer.

Schwarz ist schlecht

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