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Interview zum Klimawandel : Und wenn die Eiszeit über Europa hereinbricht?

  • Aktualisiert am

Noch sieht der Nordpol beeindruckend aus Bild: dpa

Die Klimakrise als Albtraum der Zivilisation. In seinem Buch „Wir Wettermacher“ zeigt Tim Flannery die dunkle Zukunft der „Kohlenstoff-Diktatur“. Nun spricht er darüber, wie man diese Vision verhindern kann.

          5 Min.

          Die Klimakrise könnte zum Albtraum der Zivilisationen werden, schreibt Tim Flannery in seinem aufrüttelnden Buch „Wir Wettermacher“ (S. Fischer). Seine Recherche mündet in eine düstere Vision: Am Ende könnte die Welt vor der Wahl stehen zwischen Untergang im Chaos oder „Kohlenstoff-Diktatur“. Der fünfzig Jahre alte Australier lebt inzwischen ganz und gar seine Rolle als neuer Öko-Guru und bereist sämtliche Kontinente. Vor ein paar Jahren noch trieb er sich die meiste Zeit unerkannt im Busch herum und suchte nach dem Unbekannten. Mehr als dreißig Säugetierarten soll der Zoologe entdeckt haben.

          Sie sind ein erfahrener Naturforscher, sind oft draußen und haben doch den Klimawandel als Gefahr recht spät erkannt. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

          Als ich das wirkliche Ausmaß des Problems das erstemal gesehen hatte, schämte ich mich vor mir selber. Ich hätte es früher verstehen müssen. Ich bin jahrelang für die Forschung bezahlt worden, habe wissenschaftliche Literatur gelesen und doch die wahre Bedeutung des Klimawandels nicht verstanden. Ich war von meinem eigenen Versagen entsetzt.

          Jetzt werden tropische Mondfische in der Nordsee gesichtet

          Was hat Sie überzeugt?

          Das war vor ein paar Jahren, als ich von der australischen Regierung zum Wissenschaftsberater berufen wurde. Ich habe mich da erstmals intesiver mit dem Thema beschäftigt. 2004 habe ich dann angefangen, das Buch zu schreiben. Ich habe mich einfach gefragt, um wieviel schwerer die Dimension des Problems für die Durchschnittsbevölkerung zu verstehen ist, wenn ich es schon kaum zu erkennen vermochte.

          Im Buch fordern Sie ein völliges Umdenken von uns allen. Welche Konsequenzen haben Sie persönlich gezogen?

          Mein Leben hat sich völlig verändert. Wir haben in unserem Haus in Sydney Solarzellen eingebaut und beziehen unsere Energie komplett daraus. Wir besitzen auch eine kleine Wasseraufbereitungsanlage und fangen Regenwasser auf. Außerdem fahre ich heute ein japanisches Hybridauto, den Prius (Anm. d. Red. Fahrzeug mit Elektro- und Benzinantrieb). Es ist ein wirklich gutes Gefühl, seine eigene Elektrizität herzustellen.

          Sie selbst sind aber selten zu Hause, bereisen in Sachen Klimawandel die Welt.

          Ja, ich werde in den nächsten sechs Wochen verstärkt in Europa unterwegs sein, werde nach Finnland kommen, Spanien, Italien und in andere Länder, in denen mein Buch veröffentlicht worden ist.

          Und werden dabei wie viele Umweltpolitiker auch enorm viele Treibhausgas-Emissionen verursachen. Muß dieser klimaschädliche Klimaschutztourismus nicht auch das ökologische Gewissen belasten?

          Das ist ein wirklich schwerwiegender Beitrag zu den Kohlendioxydemissionen. Ich selbst gleiche meinen schädlichen Beitrag mit Beteiligungen an einer Organisation namens „Climate Friendly“ aus, die ihrerseits in Windfarmen investiert, so daß wir keine Kohlekraftwerke mehr benötigen. Das sollten alle tun.

          Haben Sie schon viele Nachahmer gefunden?

          Einen bestimmt. Mike Rann, der Premierminister von Südaustralien, hatte mich zu seiner Hochzeit eingeladen, und als Hochzeitsgeschenk habe ich ihm Kohlendioxydzertifikate überreicht, damit er seine Hochzeitsreise nach Italien klimatechnisch ausgleichen konnte. Er war sehr glücklich darüber.

          Die täglichen Wetterkarten sehen Sie als Experte inzwischen sicher mit anderen Augen. Worauf müssen wir achten, wenn wir die Spuren des Klimawandels darauf finden wollen?

          Achten Sie auf die Wirbelstürme. Für mich ist eines der wichtigsten Signale des Klimawandels die Zunahme der Hurrikan-Aktivität weltweit. Die korreliert sehr stark mit der Erwärmung.

          Aber die amerikanischen Hurrikan-Zentrale hat jetzt gerade mehr oder weniger Entwarnung für diese Hurrikan-Saison gegeben. Ist es da nicht auffallend ruhig nach der langen Hitzewelle?

          Nein, die Aktivität ist eher durchschnittlich. Die Windverhältnisse in der oberen Atmosphäre sind noch nicht so ausgeprägt, daß sich viele große Wirbelstürme bilden, aber das könnte sich im Laufe des August ändern. Vielleicht haben wir dieses Jahr auch Glück, aber in den nächsten zehn Jahren werden wir global betrachtet eine Zunahme der Hurrikan-Aktivität bekommen.

          Ist es nicht auch beunruhigend, fragen sich viele hier, wenn plötzlich tropische Mondfische in der Nordsee auftauchen, Quallen in dem Wannsee schwimmen und so viele exotische Gewächse einwandern, daß man bald mit Palmen am Fuß der Zugspitze rechnet?

          Ja, da gibt es viele gut belegte Hinweise und Studien an Vögeln, Pflanzen und Schmetterlingen. Die vermehrten Hitzewellen im Sommer sind ein nahezu weltweites Phänomen und vor allem in Europa, in der Arktis und auf der Antarktischen Halbinsel ausgeprägt. Viele Organismen breiten sich nordwärts aus. Die Eisbären müssen sich sogar von ihrem südlichen Verbreitungsgebiet zurückziehen, weil das Eis in der Arktis schmilzt und die meiste Zeit im Jahr fehlt.

          Glauben Sie, daß das Polareis in absehrbarer Zeit ganz verschwindet?

          Der Trend ist auf jeden Fall da und überaus alarmierend. Wenn die Fachleute recht haben, dürfte irgendwann zwischen den Jahren 2015 und 2100 im Sommer das Eis der Arktis verschwinden, vielleicht schon in zehn Jahren also.

          Was bedeutet das für die ans Eis angepaßten Gesellschaften?

          Wenn das passiert, sind wir auf dem Weg eines universalen Wandels, nicht nur in den Polargebieten. Das Meer würde sich, wenn alles Polareis schmilzt, um siebzig Meter erhöhen. Das sind epochale Veränderungen. Ich war in Kanada und in Südskandinavien. Die Leute dort sind wirklich alarmiert. Vor zwei Wochen hat mir einer der besten Klimkatologen, James Hansen vom Goddard-Institut der Nasa, gesagt, er sei extrem besorgt. Wir stünden unmittelbar vor einem irreversiblen Anstieg des Meeresspiegels. Wenn wir nur noch ein bißchen so weitermachten wie bisher, sei ein Meerespegelanstieg um 25 Meter unvermeidlich. Das Wasser werde um einen halben Meter pro Jahrzehnt hochgehen. Unsere Küsten sind extrem gefährdet.

          Steckt dahinter nicht auch ein grundsätzliches Dilemma unserer Zivilisation, in der die Menschen zunehmend in die Städte und in die Isolation flüchten und ganz andere Beschäftigungen zum Überleben nötig sind als der Umgang mit der Natur. Haben wir unsere Sensibilität, unsere grüne Ader, verloren?

          Viele schon. Als ich in Australien die Menschen in den Provinzen besuchte, habe ich gespürt, daß dort das Bewußtsein für die Dramtik des Vorgangs und die Ängste sehr viel stärker ausgeprägt sind als in den Großstädten.

          Fühlen Sie sich manchmal als einsamer Mahner angesichts der Trägheit, mit der Gesellschaft und Politik reagieren?

          Die Deutschen haben ja durchaus ein hohes Maß an Bewußtsein entwickelt. Verglichen etwa mit Australien, haben Sie schon sehr viele Gegenmaßnahmen ergriffen, zum Beispiel den Ausbau der Solar- und Windtechnik.

          Gibt es die Figuren in der Politik, die gewillt sind, das Ruder herumzureißen?

          Da fallen mir einige ein: Margret Thatcher zum Beispiel war schon sehr früh eine starke politische Kraft gegen den Klimawandel. Oder Arnold Schwarzenegger, der republikanische Gouverneur in Kalifornien, der sich entschlossen hat, mit Tony Blair zusammen voranzugehen gegen die Überzeugungen der republikanischen Führung in Washington. Politisch geht es nicht nach dem Links-rechts-Muster, und das macht mir Mut.

          Trotzdem steigt die Konzentration an Treibhausgasen weiter an. Was kann auf die Schnelle getan werden?

          Was wir brauchen, ist eine Kohlenstoffsteuer, vor allem Länder wie Australien, das mit die höchste Pro-Kopf-Emissionen an Kohlendioxyd weltweit hat.

          Müssen wir uns nicht auch darauf konzentrieren, die Folgen der häufigeren Wetterextreme abzumildern - Dämme erhöhen, Flutungsräume schaffen und andere Anpassungsmaßnahmen treffen?

          Anpassen an was? Ihr in Europa glaubt zu wissen, was zu tun ist, wenn der Erwärmungstrend anhält. Aber was ist, wenn wegen der Erwärmung plötzlich der Golfstrom stoppt und die sibirische Kälte über Europa hereinbricht. Das ist nach einigen Prognosen möglich. Wir sollten unser Nachdenken ganz darauf richten, Emissionen zu zu verringern.

          Halten Sie die in Ihrem Buch in Aussicht gestellte Ökodiktatur wirklich für die Ultima ratio?

          Nein, das wäre sicher eine unbefriedigende Lösung. Ich wollte nur zeigen, was passieren könnte, wenn wir zu spät handeln. Die gute Lösung ist eine spürbare Kohlenstoffsteuer, die weltweit eingeführt wird. Und es müßte ein Sanktionierungssystem geben, einen Boykott etwa für Staaten, die keine solche Kohlenstoffsteuer erheben. Wichtig ist, daß das Geld aus diesen Steuern den Menschen zurückerstattet wird und nur die klimaschädlichen Industrien und Produkte belastet werden. Die Preiserhöhungen blieben dann moderat, denn die Ingenieure würden sich schnell was einfallen lassen.

          Wäre es dann nicht sinnvoll, das Geld in Forschung zu investieren, wo die energiesparenden Techniken schließlich herkommen sollen?

          Ich glaube, das wäre politisch nicht durchsetzbar. Die Menschen akzeptieren solche neuen Belastungen nur, wenn sie nicht die Leidtragenden sind.

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