https://www.faz.net/-gqz-t1yy

Interview zum Klimawandel : Und wenn die Eiszeit über Europa hereinbricht?

  • Aktualisiert am

Ja, da gibt es viele gut belegte Hinweise und Studien an Vögeln, Pflanzen und Schmetterlingen. Die vermehrten Hitzewellen im Sommer sind ein nahezu weltweites Phänomen und vor allem in Europa, in der Arktis und auf der Antarktischen Halbinsel ausgeprägt. Viele Organismen breiten sich nordwärts aus. Die Eisbären müssen sich sogar von ihrem südlichen Verbreitungsgebiet zurückziehen, weil das Eis in der Arktis schmilzt und die meiste Zeit im Jahr fehlt.

Glauben Sie, daß das Polareis in absehrbarer Zeit ganz verschwindet?

Der Trend ist auf jeden Fall da und überaus alarmierend. Wenn die Fachleute recht haben, dürfte irgendwann zwischen den Jahren 2015 und 2100 im Sommer das Eis der Arktis verschwinden, vielleicht schon in zehn Jahren also.

Was bedeutet das für die ans Eis angepaßten Gesellschaften?

Wenn das passiert, sind wir auf dem Weg eines universalen Wandels, nicht nur in den Polargebieten. Das Meer würde sich, wenn alles Polareis schmilzt, um siebzig Meter erhöhen. Das sind epochale Veränderungen. Ich war in Kanada und in Südskandinavien. Die Leute dort sind wirklich alarmiert. Vor zwei Wochen hat mir einer der besten Klimkatologen, James Hansen vom Goddard-Institut der Nasa, gesagt, er sei extrem besorgt. Wir stünden unmittelbar vor einem irreversiblen Anstieg des Meeresspiegels. Wenn wir nur noch ein bißchen so weitermachten wie bisher, sei ein Meerespegelanstieg um 25 Meter unvermeidlich. Das Wasser werde um einen halben Meter pro Jahrzehnt hochgehen. Unsere Küsten sind extrem gefährdet.

Steckt dahinter nicht auch ein grundsätzliches Dilemma unserer Zivilisation, in der die Menschen zunehmend in die Städte und in die Isolation flüchten und ganz andere Beschäftigungen zum Überleben nötig sind als der Umgang mit der Natur. Haben wir unsere Sensibilität, unsere grüne Ader, verloren?

Viele schon. Als ich in Australien die Menschen in den Provinzen besuchte, habe ich gespürt, daß dort das Bewußtsein für die Dramtik des Vorgangs und die Ängste sehr viel stärker ausgeprägt sind als in den Großstädten.

Fühlen Sie sich manchmal als einsamer Mahner angesichts der Trägheit, mit der Gesellschaft und Politik reagieren?

Die Deutschen haben ja durchaus ein hohes Maß an Bewußtsein entwickelt. Verglichen etwa mit Australien, haben Sie schon sehr viele Gegenmaßnahmen ergriffen, zum Beispiel den Ausbau der Solar- und Windtechnik.

Gibt es die Figuren in der Politik, die gewillt sind, das Ruder herumzureißen?

Da fallen mir einige ein: Margret Thatcher zum Beispiel war schon sehr früh eine starke politische Kraft gegen den Klimawandel. Oder Arnold Schwarzenegger, der republikanische Gouverneur in Kalifornien, der sich entschlossen hat, mit Tony Blair zusammen voranzugehen gegen die Überzeugungen der republikanischen Führung in Washington. Politisch geht es nicht nach dem Links-rechts-Muster, und das macht mir Mut.

Trotzdem steigt die Konzentration an Treibhausgasen weiter an. Was kann auf die Schnelle getan werden?

Was wir brauchen, ist eine Kohlenstoffsteuer, vor allem Länder wie Australien, das mit die höchste Pro-Kopf-Emissionen an Kohlendioxyd weltweit hat.

Müssen wir uns nicht auch darauf konzentrieren, die Folgen der häufigeren Wetterextreme abzumildern - Dämme erhöhen, Flutungsräume schaffen und andere Anpassungsmaßnahmen treffen?

Anpassen an was? Ihr in Europa glaubt zu wissen, was zu tun ist, wenn der Erwärmungstrend anhält. Aber was ist, wenn wegen der Erwärmung plötzlich der Golfstrom stoppt und die sibirische Kälte über Europa hereinbricht. Das ist nach einigen Prognosen möglich. Wir sollten unser Nachdenken ganz darauf richten, Emissionen zu zu verringern.

Halten Sie die in Ihrem Buch in Aussicht gestellte Ökodiktatur wirklich für die Ultima ratio?

Nein, das wäre sicher eine unbefriedigende Lösung. Ich wollte nur zeigen, was passieren könnte, wenn wir zu spät handeln. Die gute Lösung ist eine spürbare Kohlenstoffsteuer, die weltweit eingeführt wird. Und es müßte ein Sanktionierungssystem geben, einen Boykott etwa für Staaten, die keine solche Kohlenstoffsteuer erheben. Wichtig ist, daß das Geld aus diesen Steuern den Menschen zurückerstattet wird und nur die klimaschädlichen Industrien und Produkte belastet werden. Die Preiserhöhungen blieben dann moderat, denn die Ingenieure würden sich schnell was einfallen lassen.

Wäre es dann nicht sinnvoll, das Geld in Forschung zu investieren, wo die energiesparenden Techniken schließlich herkommen sollen?

Ich glaube, das wäre politisch nicht durchsetzbar. Die Menschen akzeptieren solche neuen Belastungen nur, wenn sie nicht die Leidtragenden sind.

Weitere Themen

Topmeldungen

In Karlsruhe wird ein Verdächtiger am Samstag abgeführt.

Zerschlagene Terrorzelle : Sie planten Bürgerkriegsszenarien

Eine überregionale rechtsextreme Terrorzelle stand offenbar kurz davor, einen schweren Anschlag zu verüben. Die Mitglieder fanden sich wohl im Netz und radikalisierten sich. Nun kam heraus, welche Pläne sie hatten und wie sie gestoppt wurden.
In einem Landtag: Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, und weitere Mitglieder der AfD-Fraktion verfolgen in Erfurt die Regierungserklärung von Ministerpräsident Ramelow (Linke)

AfD und Linke : Streitbare Demokratie

Ob eine Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hängt auch vom Verhalten ihres Führungspersonals ab. Und hier marschiert die AfD bewusst in Richtung Verfassungsfeindlichkeit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.