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Interview : Wie geht es unserer Literatur, Frau Bovenschen?

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Gedanken aus dem Panikraum der Literatur: Silvia Bovenschen Bild: Christian Thiel

Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen hat in fortgeschrittenem Alter den Sprung von der Analyse zur Fiktion gewagt. Im Gespräch räsonniert sie über das unerklärbare Verschwinden von Dingen und das Gefühlsbiedermeier in der zeitgenössischen Literatur.

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          Silvia Bovenschen steht in der Tür ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg und strahlt. Eigentlich wollen wir über ihr neues Buch sprechen, aber noch bevor ich das Aufnahmegerät auch nur auspacken kann, hat sie sich schon eine Zigarette angesteckt und fröhlich die Malaisen der deutschen Gegenwartsliteratur aufgezählt. Endlich ist die Technik so weit - und Silvia Bovenschen legt gleich los.

          Silvia Bovenschen: Ich habe auch so ein - allerdings nie benutztes - Aufnahmegerät. Das gehört zur Entstehungsgeschichte von „Verschwunden“. Denn am Anfang gab es tatsächlich einmal die vage Idee, Geschichten zu sammeln. Nach dem unerwarteten Erfolg von „Älter werden“ fragten mich meine Freunde vom Verlag: Was schreibst du als Nächstes? Mehr, um die Fragerei vom Hals zu kriegen, sagte ich: Na ja, ich komme nicht mehr so viel raus, aber ich habe oft netten Besuch, und ich könnte Gäste wie euch ja ein bisschen quälen, indem ich euch Geschichten abnötige. Eine Woche später legte mir dann Oliver Vogel, mein Lektor, dieses Aufnahmegerät auf den Tisch. Aber die Geschichtensammelei war meinerseits nie ganz ernst gemeint . . .

          Wie kam es dann tatsächlich zu Ihrem Buch?

          Das Buch ist im Grunde mein Panikraum gewesen. Eigentlich will ich, wenn überhaupt, nur noch gutgelaunte Bücher schreiben, und das ist dieses Buch ja nur in Teilen. Als ich es schrieb, war ich zum ersten Mal in meinem Leben in eine enorme Panik geraten. Das kannte ich nicht an mir. Und dann sagte ich mir: Du kannst nicht hier dauernd durch die Wohnung irren und diese Angst haben, das ist nicht gut.

          Darf ich Sie nach dem Grund für diese Angst fragen?

          Ich wurde zum zweiten Mal in meinem Leben mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Man kann das, was danach mit einem geschieht, ja dann nicht richtig steuern, da tobt es in Geist und Seele los, da lösen irgendwelche biochemische Prozesse so eine Panik aus. Und ich überlegte, wie ich meinem Kopf noch eine andere Bühne bieten konnte. Durch das Schreiben - vier Wochen lang habe ich nichts anderes gemacht - habe ich mich diszipliniert. Dabei ist mir die Idee des Geschichtensammelns wieder eingefallen. Und dann dachte ich mir: Na, die Geschichten kannst du dir auch selber ausdenken. Nach diesen vier Wochen war das Buch natürlich nicht fertig; ich habe es noch mal drei Monate ruhen lassen und dann überarbeitet, aber es ist in seinem Aufbau und in seinen Grundfesten in dieser Situation entstanden.

          Erleben Sie seither, dass Ihnen Ihre Besucher Geschichten erzählen? Als Leser von „Verschwunden“ überlegt man ja unwillkürlich, welche Geschichte man selbst abliefern würde.

          Ja, sehr häufig. Da hat jeder ein kleines Drama in petto. Sehr gefreut hat mich, dass noch während der Überarbeitung des Buchs Ingo Schulze kam und mir eine Geschichte vom Verschwinden schenken wollte. Leider musste ich ihm sagen, dass das Konzept einer Sammlung selbst nur fiktiven Charakter hatte. Aber eine Geschichte aus zweiter Hand habe ich doch aufgenommen. Ich musste ins Krankenhaus, gerade in dieser Phase, und ein Arzt, der natürlich nichts wusste von meinem Thema, hat mir ahnungslos von den beiden jungen Männern erzählt, die in einem Boot auf die Ostsee fahren und verschwinden. Die habe ich dann etwas verändert aufgenommen. Diesen merkwürdigen Zufall konnte ich nicht ignorieren.

          Wie kamen Sie dazu, übers Verschwinden zu schreiben? War das gewissermaßen eine Fortführung von Gedanken, mit denen Sie sich bereits in „Älter werden“ beschäftigt haben?

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