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Interview : Sind wir etwa die ersten normalen Menschen?

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Jäger vom Stamm der San (Botswana) Bild: picture-alliance/ dpa

Der Biologe, Geograph und Historiker Jared Diamond will herausfinden, was wir von Stammesgesellschaften lernen könnten. Angesichts des Klimawandels rät er zu einem neuen Lebensstil.

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          Der Biologe, Geograph und Historiker Jared Diamond will herausfinden, was wir von Stammesgesellschaften lernen könnten. Angesichts des Klimawandels rät er zu einem neuen Lebensstil. (F.A.Z.)

          Herr Diamond, Sie haben in Ihren Bestsellern „Arm und reich“ und „Kollaps“ Aufstieg und Fall von Gesellschaften mit Umwelt- und Klimaveränderungen erklärt. Wie besorgt sind Sie über den Klimawandel?

          Besorgt bin ich, aber nicht panisch. Der Mensch ist eine erstaunliche Spezies, wir haben uns allen Klimazonen von den Heißwüsten über die Regenwälder bis zur Arktis angepasst. Wir haben aber immer wieder unterschätzt, wie verletzlich wir durch rasche Klimaveränderungen sind. Man nehme nur Australien, wo die jahrelange Dürre bis vor kurzem von der Regierung verniedlicht wurde. Inzwischen ist man dort aufgewacht, weil die Agrarproduktion in Gefahr gerät. Und sogar unser amerikanischer Präsident fängt an zu verstehen, um was es geht.

          Jared Diamond

          Bisher ist Amerika aber von der „Sucht nach Öl“, wie George W. Bush es beschrieben hat, nicht weggekommen.

          Ja, dazu müsste er den Verbrauch von fossilen Brennstoffen so hoch besteuern wie in Europa - und die Erlöse in die Energieforschung stecken. Wenn der Energieverbrauch von China und Indien nach westlichem Muster mitwächst, sehe ich schwarz. Wenn China morgen pro Kopf so viel Öl verbraucht wie wir Amerikaner, verdoppelt sich der Weltverbrauch auf einen Schlag. Und wenn die ganze Dritte Welt mitzieht, reden wir über einen Faktor elf. Es gibt keine Alternative dazu, mit aller Kraft vom Erdöl wegzukommen und unser Wohlstandskonzept zu überdenken. Zu meinen Lieblingsländern gehört das materiell nicht gerade reiche Bhutan. Die Regierung will nicht primär das Bruttoinlandsprodukt erhöhen, sondern das, was sie Bruttoinlandsglück nennt.

          Warum haben Naturkatastrophen wie der Hurrikan „Katrina“, den man zwar nicht direkt auf den Klimawandel zurückführen kann, der aber einen Vorgeschmack auf mögliche Entwicklungen gegeben hat, in Amerika keine Wirkung?

          Ich führe das darauf zurück, dass in Louisiana nur die Armen unterhalb des Meeresspiegels leben und die Reicheren auf den Hügeln. In den Niederlanden, wo ähnlich viel Land eingedeicht ist, leben Arm und Reich zusammen in Gebieten, die überschwemmt werden könnten. Da macht man sich auch gemeinsam Sorgen.

          Ist der Klimawandel wirklich die größte Gefahr für die Menschheit, wie es Al Gore am Wochenende beim großen Klimaschutz-Festival wieder sagen wird?

          Von solchen Aussagen halte ich wenig. Eine klare Rangfolge festzulegen ist so unmöglich, wie in einer Ehe zu sagen, ob Sex, Einigkeit in Geldfragen oder die Kindererziehung entscheidend sind. Wir dürfen über der Klimafrage andere Umweltfragen nicht vergessen, etwa Trinkwasserknappheit oder Giftmüll. Eine Festlegung wage ich aber: Wenn wir die großen Umweltthemen nicht lösen, sind wir erledigt.

          Der Romanautor Michael Crichton sagt, der Mensch werde sich einem neuen Klima anpassen, doch die Klimaschutz-Milliarden fehlten etwa bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Malaria.

          Man könnte Nichtstun auch damit begründen, dass der Mensch sich schon immer an Infektionskrankheiten angepasst hat. Umweltdegradierung und Klimawandel sind zu gefährlich, um sie zu ignorieren. Warum ist ausgerechnet Afghanistan eine Brutstätte des Terrorismus? Verrückte gibt es auch in Europa in ausreichender Zahl. Aber sie bekommen aus der Bevölkerung kaum Unterstützung. In Afghanistan sind die Menschen von Armut und handfesten Umweltproblemen regelrecht zermürbt, und das erhöht die Neigung, Radikalisten zu unterstützen. Hilfe beim Umweltschutz und bei der wirtschaftlichen Entwicklung sind wirksamere Waffen gegen den Terrorismus als Militäreinsätze.

          Stimmt es überhaupt, dass der Klimawandel besonders die Armen auf der Erde treffen wird, wie es häufig heißt?

          Ganz hart gedacht: Wenn die menschliche Zivilisation kollabiert, könnten Sie dann eine Axt herstellen, könnten Sie Erze aus dem Boden holen oder auf diesem Hügel hinter meinem Haus für Monate genügend zum Essen finden? Wenn es eine wirkliche Klimakatastrophe gibt, haben die einfachen Subsistenzbauern die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit. Wir in den reichen Industrieländern wären komplett aufgeschmissen.

          Sie sind als Evolutionsbiologe ausgebildet worden, arbeiten aber als Historiker. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

          Wie Astronomen, Evolutionsbiologen oder Klimaforscher wollen Historiker herausfinden, was passiert ist. Deshalb sollten sie immer vergleichend arbeiten und selbstverständlich statistische Analysen nutzen. Der typische Historiker kennt sich aber nur mit einer bestimmten Periode aus und würde nicht auf die Idee kommen, sein Gebiet mit einem anderen zu vergleichen. Oder er macht statistische Aussagen ohne statistische Methodik. Das ist unproduktiv.

          Was machen Sie anders?

          Die klassische Geschichtsschreibung tut so, als ob die ganze Menschheitsentwicklung durch freie Willensentscheidungen geprägt wurde. Ich halte das für eine Illusion. Warum kollabieren Somalia und die Schweiz nicht? Das hat viel damit zu tun, dass Somalia ein ausgetrocknetes Land ist, während die Schweiz fruchtbare Böden hat. Ich finde es unglaublich, dass viele Historiker solche Faktoren ignorieren oder sogar leugnen.

          Was dürfen wir als Nächstes von Ihnen erwarten? Eine Zunkunfts-Exkursion?

          Nein, ich bleibe bei der Vergangenheit. Da viele der wichtigsten Erlebnisse in meinem Leben mit Stammesvölkern zu tun hatten, will ich Stammesgesellschaften mit unserem modernen Staatenwesen vergleichen, das für die Menschheit als Ganze noch immer ziemlich untypisch ist. Bis vor siebentausend Jahren war die Menschheit in Stämmen organisiert, erst vor fünftausend Jahren sind die ersten Staaten moderner Prägung entstanden. Das Zusammenleben in Stämmen prägt unsere Kultur noch immer stark. Sie sind in mein Privathaus gekommen, und wir haben uns nicht sofort den Kopf eingeschlagen, sondern uns die Hand gereicht. Wenn man in Stammesgesellschaften einen Fremden trifft, tötet man ihn oder man läuft weg oder man beginnt ein langes Gespräch darüber, ob man irgendwelche Verwandten teilt, um einen Grund zu haben, sich nicht zu töten. Erst seit kurzem geht die Entwicklung in Richtung Händeschütteln.

          Was verbindet das moderne Leben mit dem von Stämmen?

          Nicht nur in den Gangs von L. A., die wie moderne Stämme funktionieren, ist unsere Vergangenheit eingraviert. Unser gesamter Stoffwechsel etwa stammt aus der Zeit der Stammesgesellschaften, in denen der Körper unglaublich viel Energie aufnehmen musste, sobald nach Wochen der Jagd ein Mammut erlegt war. Unser Insulinsystem ist damals entstanden, und es hat sich bis heute kaum verändert, obwohl wir unsere Körper kaum noch bewegen und obwohl Kalorien im Überfluss zur Verfügung stehen. Der Schlüssel, um Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Herr zu werden, die heute Millionen Menschen in der westlichen Welt und bald auch in China und Indien das Leben schwermachen, liegt in den Lebensgewohnheiten der Stammesgesellschaften.

          Sie wollen ermitteln, was wir von Stammesgesellschaften lernen können?

          Denken Sie nur an den Umgang mit alten Menschen. Es gab zwar Stämme, hauptsächlich Nomaden, bei denen in Extremsituationen die Alten zurückgelassen wurden. Bei den Ache-Indianern in Paraguay spezialisierten sich sogar junge Männer darauf, die kranken Alten zu töten. Doch meine eigenen Erfahrungen mit sesshaften Stammesgesellschaften in Neuguinea zeigen mir, dass die Alten dort viel besser in das Dorfleben integriert sind als bei uns im Westen, wo sie in Heime abgeschoben werden. Auch in der Kindererziehung können wir viel lernen. Die meisten von uns würden die Erziehung etwa in heutigen Stammesgesellschaften bewundern, wenn sie nur mehr darüber wüssten. Die Kinder lernen sehr früh, Verantwortung zu übernehmen, und sind früh selbständig. Sie arbeiten im Garten, machen mit zehn Jahren in eigenen Booten Speerjagd auf Fische oder ziehen aus eigenem Antrieb zu Freunden oder Verwandten.

          Mit der Kindererziehung sind Sie schon wieder bei einem sehr aktuellen Thema gelandet. In Deutschland wird darüber gestritten, ob Kinder Entwicklungsschäden erleiden, wenn sie in den ersten Jahren nicht ganz hauptsächlich von ihrer Mutter betreut werden.

          Das war in der Menschheitsgeschichte definitiv nicht so. Die meisten Kinder wurden bisher in einem Netz von Tanten, Onkeln und Freunden erzogen, das hat unsere Spezies geprägt. Wenn sich nur Kinder gut entwickeln, die in den ersten Jahren an ihren Müttern kleben, dann wären die Kinder der Hausfrauen in den reichen Industrienationen die ersten und einzigen normalen Menschen auf der Erde.

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