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Interview : Sind wir etwa die ersten normalen Menschen?

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Wie Astronomen, Evolutionsbiologen oder Klimaforscher wollen Historiker herausfinden, was passiert ist. Deshalb sollten sie immer vergleichend arbeiten und selbstverständlich statistische Analysen nutzen. Der typische Historiker kennt sich aber nur mit einer bestimmten Periode aus und würde nicht auf die Idee kommen, sein Gebiet mit einem anderen zu vergleichen. Oder er macht statistische Aussagen ohne statistische Methodik. Das ist unproduktiv.

Was machen Sie anders?

Die klassische Geschichtsschreibung tut so, als ob die ganze Menschheitsentwicklung durch freie Willensentscheidungen geprägt wurde. Ich halte das für eine Illusion. Warum kollabieren Somalia und die Schweiz nicht? Das hat viel damit zu tun, dass Somalia ein ausgetrocknetes Land ist, während die Schweiz fruchtbare Böden hat. Ich finde es unglaublich, dass viele Historiker solche Faktoren ignorieren oder sogar leugnen.

Was dürfen wir als Nächstes von Ihnen erwarten? Eine Zunkunfts-Exkursion?

Nein, ich bleibe bei der Vergangenheit. Da viele der wichtigsten Erlebnisse in meinem Leben mit Stammesvölkern zu tun hatten, will ich Stammesgesellschaften mit unserem modernen Staatenwesen vergleichen, das für die Menschheit als Ganze noch immer ziemlich untypisch ist. Bis vor siebentausend Jahren war die Menschheit in Stämmen organisiert, erst vor fünftausend Jahren sind die ersten Staaten moderner Prägung entstanden. Das Zusammenleben in Stämmen prägt unsere Kultur noch immer stark. Sie sind in mein Privathaus gekommen, und wir haben uns nicht sofort den Kopf eingeschlagen, sondern uns die Hand gereicht. Wenn man in Stammesgesellschaften einen Fremden trifft, tötet man ihn oder man läuft weg oder man beginnt ein langes Gespräch darüber, ob man irgendwelche Verwandten teilt, um einen Grund zu haben, sich nicht zu töten. Erst seit kurzem geht die Entwicklung in Richtung Händeschütteln.

Was verbindet das moderne Leben mit dem von Stämmen?

Nicht nur in den Gangs von L. A., die wie moderne Stämme funktionieren, ist unsere Vergangenheit eingraviert. Unser gesamter Stoffwechsel etwa stammt aus der Zeit der Stammesgesellschaften, in denen der Körper unglaublich viel Energie aufnehmen musste, sobald nach Wochen der Jagd ein Mammut erlegt war. Unser Insulinsystem ist damals entstanden, und es hat sich bis heute kaum verändert, obwohl wir unsere Körper kaum noch bewegen und obwohl Kalorien im Überfluss zur Verfügung stehen. Der Schlüssel, um Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Herr zu werden, die heute Millionen Menschen in der westlichen Welt und bald auch in China und Indien das Leben schwermachen, liegt in den Lebensgewohnheiten der Stammesgesellschaften.

Sie wollen ermitteln, was wir von Stammesgesellschaften lernen können?

Denken Sie nur an den Umgang mit alten Menschen. Es gab zwar Stämme, hauptsächlich Nomaden, bei denen in Extremsituationen die Alten zurückgelassen wurden. Bei den Ache-Indianern in Paraguay spezialisierten sich sogar junge Männer darauf, die kranken Alten zu töten. Doch meine eigenen Erfahrungen mit sesshaften Stammesgesellschaften in Neuguinea zeigen mir, dass die Alten dort viel besser in das Dorfleben integriert sind als bei uns im Westen, wo sie in Heime abgeschoben werden. Auch in der Kindererziehung können wir viel lernen. Die meisten von uns würden die Erziehung etwa in heutigen Stammesgesellschaften bewundern, wenn sie nur mehr darüber wüssten. Die Kinder lernen sehr früh, Verantwortung zu übernehmen, und sind früh selbständig. Sie arbeiten im Garten, machen mit zehn Jahren in eigenen Booten Speerjagd auf Fische oder ziehen aus eigenem Antrieb zu Freunden oder Verwandten.

Mit der Kindererziehung sind Sie schon wieder bei einem sehr aktuellen Thema gelandet. In Deutschland wird darüber gestritten, ob Kinder Entwicklungsschäden erleiden, wenn sie in den ersten Jahren nicht ganz hauptsächlich von ihrer Mutter betreut werden.

Das war in der Menschheitsgeschichte definitiv nicht so. Die meisten Kinder wurden bisher in einem Netz von Tanten, Onkeln und Freunden erzogen, das hat unsere Spezies geprägt. Wenn sich nur Kinder gut entwickeln, die in den ersten Jahren an ihren Müttern kleben, dann wären die Kinder der Hausfrauen in den reichen Industrienationen die ersten und einzigen normalen Menschen auf der Erde.

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