https://www.faz.net/-gqz-ac3qh

Gespräch mit Ulrike Edschmid : Ich bin aus einer anderen Zeit

  • -Aktualisiert am

Das muss ich jetzt mal gestehen. Die Wahrheit ist, dass ich nie wirklich Film studiert habe. Mein erster Mann und auch mein späterer Freund Philip Sauber haben an der DFFB studiert. Mit anderen Studenten sind sie 1968 von der Akademie geflogen. Philip Sauber, über den ich in „Das Verschwinden des Philip S.“ schreibe, wollte weiter Filme machen. Wir planten, ein eigenes Studio aufzubauen und eine Gegen-Abendschau zu produzieren. Dafür brauchten wir natürlich Kameras. Die konnte man nur ausleihen, wenn man Student der Filmakademie war. Deswegen habe ich mich beworben und einen Platz bekommen. Wir konnten dann nur ein halbes Jahr arbeiten. 1970 wurden wir gemeinsam mit unserem Mitbewohner Holger Meins verhaftet wegen eines Anschlags auf ein Polizeiauto, den wir nicht begangen hatten.

In Ihren Romanen kehren sie immer wieder in diese Zeit zurück. In „Das Verschwinden des Philip S.“ beschreiben Sie, wie Ihr damaliger Freund Philip Sauber in den Untergrund ging und 1975 bei einem Schusswechsel mit der Polizei starb. In „Frau mit Waffe“ erzählen Sie die Geschichten von Astrid Proll und Katharina De Fries, zwei Frauen, die dem Umfeld der RAF zugerechnet wurden. Was lässt Sie an dieser Zeit nicht los?

Ich habe innerhalb eines halben Jahres drei Freunde durch einen gewaltsamen Tod verloren. Das sind Prägungen, die das, was man miteinander erlebt hat, sehr kostbar erscheinen lassen. An solchen Erlebnissen stellen sich auch die Fragen nach dem eigenen Leben auf eine ganz andere Weise. Wenn man mich fragt, wann ich am stärksten Zeitgenossin gewesen bin, dann waren es die siebziger und achtziger Jahre. Da ist der Humus gewachsen, auf den die folgenden Jahre aufgebaut sind. Im letzten Drittel des Lebens verarbeitet man dann die Erfahrungen.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Die Bewegung 2. Juni, an deren nichtmilitanten Rändern Sie sich zumindest über Ihren Freundeskreis bewegt haben, hat sich 1980 aufgelöst, das ist nun 41 Jahre her. Wie blicken Sie zurück?

Mit Entsetzen und Fremdheit. Was für ein Wahnsinn das war. Andererseits wäre ich nie die geworden, die ich heute bin. Ich bin froh, dass ich das alles überstanden habe. Nicht mit Philip S. den legalen Boden zu verlassen war eine bewusste Entscheidung. Es war für mich undenkbar, meinen Sohn zurückzulassen. Das hätte ich nicht gekonnt, aber es wäre auch falsch gewesen. Einen Weg zu gehen, auf dem man das, was einen mit dem Leben verbindet, hinter sich lassen soll. Das zieht doch eine seelische Verkümmerung nach sich. Dafür, dass die Kinder zurückgelassen wurden, gab es ja zu dieser Zeit Vorbilder. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ina Siepmann.

Wie erleben Sie die Repolitisierung der jungen Generation heute?

Ich bin von den Klimaaktivisten sehr beeindruckt. Das sind junge Leute mit einem erstaunlichen Wissen. Wir haben damals hauptsächlich Meinungen und Theorien verkündet. Die Umwelt war kein Thema für uns, und das lässt mich heute schamrot werden. Ich erlebe durch diese junge Generation ein politisches Umfeld und einen Widerstand, den ich für lebenswichtig und unterstützenswert halte. Aber mein aktiver Widerstand ist das nicht mehr. Ich bin aus einer anderen Zeit.

Es werden auch vermehrt Romane zu politischen Themen veröffentlicht.

Was heißt eigentlich politisch? Auf mich kommen Themen zu. Ich schreibe Lebensdramen, und in jedem Leben spielt sich auch etwas Politisches ab. Das ist nicht herauszulösen.

Autofiktionale Literatur ist ja sehr beliebt. Literatur also mit einem starken Ehrlichkeitsanspruch und einer nachdenklichen Ich-Stimme. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Nein. Annie Ernaux beispielsweise arbeitet etwas auf. Sie analysiert ihre Verhältnisse. Ich betrachte. Ich habe in den achtziger Jahren mal ein autofiktionales Buch geschrieben, in dem sich alles um meine Befindlichkeiten gedreht hat. Ein großes Lamento. Das hat mich irgendwann so gelangweilt, dass ich es weggelegt habe. Aber diese Literaturbegriffe haben auch immer etwas Falsches.

Begriffe, schreiben Sie, vernichten die Geschichte des Einzelnen.

Ich gehe dem nach, was ich sehe. Es gibt einen Satz von Ernst Kreuder: „Alles, was Du wissen wolltest, ist Geheimnis.“ Das beschreibt meine Suche. Manchmal sieht man aus der Ferne besser als aus der Nähe.

Weitere Themen

Topmeldungen

Am Morgen nach der Tat sicherten Polizisten die Tankstelle, deren Kassierer erschossen worden war.

Mord in Idar-Oberstein : Corona-Leugner mit „sehr kurzer Zündschnur“

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Kassierer in Folge eines Streits um die Maskenpflicht dauern die Ermittlungen an. Nachbarn beschreiben den mutmaßlichen Täter als Corona-Leugner und hoch aggressiven Einzelgänger.
Vor einem Jahr: Demonstranten gegen Lukaschenko im Zentrum von Minsk im August 2020

Lukaschenko-Gegner in Minsk : Im Land der Verschwörer

Der nationale Aufbruch in Belarus wird vom Regime Alexandr Lukaschenkos brutal unterdrückt. Doch aufgegeben haben seine Gegner nicht. Ein Besuch in der Hauptstadt Minsk.
„Wachstumsschmerzen sind etwas Positives, wie bei Teenagern“, sagt Vorstandsvorsitzender Joachim Kreuzburg, 56.

Sartorius-Chef Kreuzburg : Der deutsche Börsenstar

40.000 Prozent Kursplus in 18 Jahren: Joachim Kreuzburg hat aus Sartorius einen Weltkonzern gemacht. Alle Impfstoffhersteller sind auf die Produkte angewiesen. Analysten sehen weiteres Kurspotential.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.