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Die französische Künstlerin, Fotografin und Schriftstellerin Sophie Calle Bild: Laif

Interview mit Sophie Calle : Die Meisterin der Indiskretion

  • -Aktualisiert am

Die französische Künstlerin Sophie Calle bedient sich seit Jahren am Leben anderer Menschen, um Kunst daraus zu machen. Ein Gespräch über Wahrheit, Indiskretion und die Beerdigung eines Goldfisches.

          7 Min.

          Es ist ein sommerlicher Nachmittag im Juni, die französische Künstlerin Sophie Calle empfängt bei sich zu Hause in Malakoff, am Stadtrand von Paris. Auf den ersten Blick sieht es in diesem lichtdurchfluteten Haus aus, als habe sie vor Kurzem den Pariser Tierpräparator „Deyrolle“ ausgeraubt, auf den zweiten ist es, als bewege man sich durch eine Art Retro­spektive: Überall, von der Toilette bis zum Dachfenster, stehen und hängen Elemente vergangener Arbeiten, Wortfetzen, Fotografien, kleine Objekte, draußen im Garten sitzen wir neben dem Grab ihrer berühmten Katze „Souris“. Dies hier sei ihr Atelier und ihr Heim, meint sie. Eben ganz ihr Kosmos.

          Ihre „Wahre Geschichten“ erscheinen jetzt erstmals auf Deutsch. Was bedeutet das für Sie, die Wahrheit?

          Einfach nur, dass etwas wirklich passiert ist. Dass es nicht erfunden ist.

          Sie erzählen in Ihrem Buch, dass Sie sich von einem Stier die Brüste haben ablecken lassen, dass eine Stripperin mal mit einem Stöckelschuh auf Sie losging, dass man Ihnen als junges Mädchen einmal ein Dessert mit dem Namen „Mädchentraum“ servierte: eine Banane mit zwei sehr suggestiv platzierten Kugeln Eis. Die Geschichten sind also alle wahr?

          Ja und nein. Man hat mich in Bezug auf meine Arbeiten immer wieder gefragt: Ist das wirklich wahr? Das beschäftigt die Leute offenbar sehr. Deshalb habe ich diese Sammlung so genannt. Die Geschichten sind laut meiner Definition der Wahrheit wahr, weil sie alle irgendwann in meinem Leben passiert sind. Aber sie sind es natürlich auch nicht, weil ich fünf Minuten von einem Moment beschreibe, der vielleicht zwei Stunden gedauert hat, weil Elemente fehlen und ich, wie alle, die eine Geschichte aufschreiben, einen Blickwinkel auswähle. Ich kondensiere, nehme rein, lasse aus. Das beste Beispiel dafür ist für mich mein Film „No Sex Last Night“: Wir hatten sechzig Stunden Material, daraus wurde am Ende ein einstündiger Film. Wir hätten neunundfünfzig andere einstündige Filme machen können, in denen es nicht um Sex, sondern, keine Ahnung, um die Landschaft geht. Es wäre ganz anders, aber ebenso wahr gewesen.

          In „No Sex Last Night“ sagt Greg, der Mann, den Sie unbedingt heiraten wollen, der aber eigentlich eine andere liebt: dass Sie die Meisterin der Indiskretion seien, dass Sie immer in der Intimität anderer herumschnüffeln würden. In „Wahre Geschichten“, das in Frankreich seit 1994 regelmäßig in erweiterter Version erscheint, geht es hauptsächlich um Sie selbst. Warum dieser Perspektivwechsel?

          Ich habe die ersten Geschichten um 1984 geschrieben, also ein Jahr nach „Das Adressbuch“.

          Sie hatten dafür das Adressbuch eines fremden Mannes durchtelefoniert und durch die Geschichten, die seine Bekannten über ihn erzählten, eine Art geschriebenes Porträt entworfen. Die Texte erschienen damals in der Zeitung Libération, am Ende zeigte der Mann sie an.

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