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Interview mit Autorin Katja Lange-Müller : Wie wahr muss Literatur sein?

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Autorin Katja Lange-Müller: von Dingen schreiben, die durch die eigene Erfahrung geerdet sind Bild: F.A.Z. - Foto Christian Thiel

In „Böse Schafe“ flieht eine Ost-Berlinerin Mitte der Achtziger in den Westteil der Stadt und verliebt sich. Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller über ihren neuen Roman, der von einem Junkie erzählt und von einem Ort, den es nicht mehr gibt.

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          In „Böse Schafe“ flieht eine Ost-Berlinerin Mitte der Achtziger in den Westteil der Stadt und verliebt sich. Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller über ihren neuen Roman, der von einem Junkie erzählt und von einem Ort, den es nicht mehr gibt.

          Ihr neuer Roman handelt von einer Frau und ihrer großen Liebe, die unglücklicherweise einem Junkie gilt. Er ist in der zweiten Person geschrieben, an den Geliebten gerichtet, der jedoch schon lange tot ist. Wie kamen Sie auf die Form?

          Ich habe viel ausprobiert, wie ich es schreiben kann, und am Anfang hatte ich diese Form, erst mal nur für mich. Und dann hab' ich alles Mögliche versucht und gemerkt, dass ich das, was ich schreiben muss, in dieser Form am besten schreiben kann.

          Ist das so beim Schreiben - wenn man erst mal den richtigen Tonfall hat, dann fließt es?

          Jaja, klar. Ich habe mich gefragt, wie ich diese Intimitäten, um die es da geht, plausibel machen kann, und ich hab' mir gedacht, so eine Art Suada, ein langer Monolog, wäre passend. Ja, und irgendwann wollte ich dann dieses Du, weil es eben die intimste Form der Anrede ist und gleichzeitig den Leser ein bisschen zum Angesprochenen macht.

          „Du“ - die zweite Person: eine mutige Erzählhaltung. Besteht da nicht Gefahr, dass es kitschig wird?

          Dieser Gefahr war ich mir bewusst, und manchmal wird es schon sehr emotional, mit Binnenmetaphern und Details, die zeigen, dass es um einerseits intelligente, andererseits aber doch plebejische Figuren geht. So eine Figur ist auch Soja, die eine der beiden Hauptfiguren. Die hat Abitur, die fühlt sich zu Höherem berufen. Irgendwann nicht mehr, irgendwann ist das durch mit dem Höheren. Und natürlich glaubte sie auch, diesem Problem gewachsen zu sein.

          Sie wusste ja auch lange Zeit gar nicht, mit was für einem Problem sie es zu tun hat.

          Na, sie kommt ja aus dem Osten. Und das war für die aus dem Osten das Einzige, was sie überhaupt nicht auf der Rechnung hatten.

          Drogen.

          Ich kenne viele Frauen, deren Kinder in dieses Milieu abgeglitten sind und die unglaublich sauer auf sich selber waren, weil sie mit allem gerechnet hatten, mit Arbeitslosigkeit und sonst was, nur an Drogen hatten sie nicht gedacht. Das war so jenseits ihrer Erfahrung, dass sie darauf gar nicht kamen. Und mir ging es eigentlich genauso. Ich hab' ja in der Psychiatrie gearbeitet, in beiden Berlins - Sucht, Alkoholiker, Tablettenabhängige, das gab es auch in der Ost-Psychiatrie. Aber diese Hardcore-Drogis, die gab's da nicht.

          Ihr Buch liest sich so wahr, dass ich kaum umhinkomme zu fragen, was ich auf keinen Fall fragen will.

          Es ist nicht autobiographisch, das ist nicht meine Geschichte. Aber ich glaube, die Frage kann man schon stellen. Der erste Junkie, den ich getroffen habe, da hab' ich gedacht, was ist denn das? - Wenn man sich diese Begegnung zu Ende ausmalt, wenn man eine Phantasie davon entwickelt, wie wäre das wohl ...

          Das war die Inspiration zu diesem Buch - Ihre erste Begegnung mit einem Junkie?

          Ich habe auch die Frauen und Mütter, die Freundinnen, die Schwestern und die Geliebten von Abhängigen erlebt, das ging mir eigentlich viel näher als diese relativ coolen und emotionslosen Junkies.

          Es gibt viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Soja und Ihnen. Beide sind ungefähr gleich alt. Beide aus der DDR, ein paar Jahre vor dem Mauerfall nach West-Berlin gekommen. Beide haben Schriftsetzer gelernt und eine hohe SED-Parteifunktionärin zur Mutter ...

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