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Interview: Loest über Grass : Ich kann an nichts anderes denken

  • Aktualisiert am

Möchte von Grass Antworten haben: Erich Loest Bild: ddp

Erich Loest ist ein Kollege von Günter Grass - und sein Freund. Loest erzählt, wie er mit dem Geständnis von Grass umgeht, seit wann er von dessen SS-Vergangenheit wußte und ob sich seine Meinung über Grass nun geändert hat.

          Erich Loest ist ein Kollege von Günter Grass - und sein Freund. Loest erzählt, wie er mit dem Geständnis von Grass umgeht, seit wann er von seiner SS-Vergangenheit wußte und ob sich seine Meinung über Grass dadurch geändert hat.

          Herr Loest, Sie kennen Günter Grass seit 1983. Was werden Sie ihm jetzt sagen?

          Wir haben viele gute Schlachten gemeinsam geschlagen. Aber jetzt möchte ich ganz gerne einige Antworten von Günter haben. Wir treffen uns demnächst.

          Warum hat Grass geschwiegen?

          Und? Was werden Sie ihm sagen?

          Ich warte es mal ab.

          Die Lebenserinnerungen von Grass erscheinen im Steidl Verlag, in dem auch Sie publizieren. Seit wann wußten Sie von der SS-Mitgliedschaft?

          Seit gut einer Woche. Das Buch ist mir zugeschickt worden, ich habe es sofort gelesen.

          Bewegt Sie das?

          Ich bin seit Tagen sehr aufgeregt und kann an nichts anderes mehr denken. Wie denn auch nicht?!

          Grass hat uns, wie wir jetzt wissen, nur die halbe Wahrheit über sich erzählt; Sie haben von Anfang an die ganze Wahrheit über sich gesagt: daß Sie Mitglied in der sogenannten Werwolf-Gruppe waren, die unmittelbar vor Kriegsende noch kämpfte. Sie haben vieles, zum Beispiel in Ihrem Roman „Im Abhang“ und in Ihren Erinnerungen „Durch die Erde ein Riß“, dazu geschrieben.

          Es gab zwei Begriffe vom „Werwolf“ - die erste, die Goebbels propagandistisch überhöht und ins Feuer geschickt hat; und zweitens die Kleinkampfgruppen innerhalb der Wehrmacht. Zu denen gehörte ich. Das waren speziell ausgebildete Kämpfer, man kann auch sagen: Partisanen, die es in jeder Armee gibt. Ich bin im März 1945 zu den Werwölfen gestoßen.

          Was ist in diesen letzten Kriegswochen vor sich gegangen?

          Ich bin gar nicht mehr in die Ausbildung gekommen, sondern gleich zum Einsatz geschickt worden. Wir waren vierzig Leute in der Oberpfalz und sollten uns vom Gegner überrollen lassen, um dann zuzuschlagen. Dazu kam es aber nicht mehr. Nur zwei von uns sind durchgekommen.

          Was ist mit den anderen achtunddreißig passiert?

          Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich sind sie von den Amerikanern niedergekämpft worden.

          Wie nah ist das alles noch?

          Ich war zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes, am 8. Mai 2005, noch einmal in der Oberpfalz und habe jeden Bunker, jedes Stück Wald wiedererkannt. Und ich habe mich sehr bemüht, den dort anwesenden sechzehn-, siebzehnjährigen Schülern diese Jugendtorheit zu erklären - daß ich dazu nicht gezwungen worden war, sondern das freiwillig getan habe.

          Sie würden das also eine Jugendtorheit nennen?

          Was denn sonst?!

          Und? Was haben die Schüler gesagt?

          Die haben zugehört. Und sie haben Fragen gestellt. Das waren zum Teil falsche Fragen, die ich richtiggestellt habe. Dann sind die Schüler mit sehr nachdenklichen Gesichtern gegangen.

          Aber in der Waffen-SS waren Sie nicht?

          Ich hatte mich zu ihr melden wollen, aber Bedingung für die Aufnahme war das Einverständnis des Schuldirektors. Die hat er mir verweigert - und mir so das Leben gerettet: Die Division „Hitlerjugend“, zu der ich gekommen wäre, wurde in der Normandie aufgerieben. Glauben Sie mir, ich kenne all die Gründe, die junge Leute dazu bewogen haben, sich zur Waffen-SS zu melden.

          Haben Sie, wie Grass, auch bis zuletzt an den Endsieg geglaubt?

          Ja, unbedingt! Erst als es hieß: „Der Führer ist gefallen“, da fühlte ich mich frei und von meinem Eid entbunden. Aber zunächst ist da für mich eine Welt eingestürzt.

          Wenn also die SS-Mitgliedschaft, zumal die von damals sehr jungen Leuten, so bewertet werden kann, warum hat Grass dann geschwiegen?

          Ich verstehe es nicht. Nachdem es doch spätestens in den siebziger Jahren, als man über die SS detaillierter Bescheid wußte, möglich gewesen wäre, so etwas zuzugeben...

          Sie selbst haben später sieben Jahre in Bautzen gesessen wegen konterrevolutionärer Gruppenbildung, hatten Schreibverbot und sind 1981 in die Bundesrepublik ausgereist. Grass hat sich auf Sie berufen und gesagt, Sie und Christa Wolf seien im Gegensatz zu ihm gleich nach dem Krieg mit einer neuen Ideologie versorgt worden. Hatten Sie es denn leichter?

          Das weiß ich nicht. Wir hatten nach 1945 gleich mit der KPD und SED zu tun, mit Marxismus-Leninismus. Wir wurden sofort wieder in die Pflicht genommen: Entweder man war, laut Ideologie, für den Frieden oder dagegen. Grass war in seinen Entscheidungen freier.

          1985, als Helmut Kohl mit Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg war, auf dem auch SS-Angehörige liegen, hat Grass sich dagegen ausgesprochen.

          Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen zu sagen: Hier hätte ich auch liegen können.

          Denken Sie jetzt anders über Grass?

          Er hat Gegner, die werden sich ins Fäustchen lachen und ihn mit Hohn und Spott übergießen.

          Und Sie?

          Ich zähle mich weiterhin zu seinen Freunden, zu jenen, die sagen: Er ist spät, aber er ist doch noch mit der Wahrheit ans Licht gekommen.

          Kommt er damit zu spät? Und hätte er es lieber ganz verschweigen sollen?

          Nein, es ist immer besser, man sagt es selber, als wenn andere darauf kommen, so, wie es Christa Wolf mit ihrer Stasi-Vergangenheit erging. Aber noch einmal: Ich verstehe dieses lange Schweigen nicht.

          Ist die Autorität von Günter Grass jetzt beschädigt?

          Nein, aber wenn er es beizeiten gesagt hätte, dann wäre seine Mitgliedschaft nur eine Fußnote in seiner Biographie, das wäre nur ein Prozent von ihm gewesen - neunundneunzig Prozent sind die „Blechtrommel“.

          In Tschechien denkt man schon daran, ihm einen Preis abzuerkennen.

          Ich bin neugierig, was die Polen sagen werden, gerade in der jetzigen Situation mit der Vertreibungsausstellung.

          Lech Walesa hat Grass zur Rückgabe seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig aufgefordert. Sollte Grass sie zurückgeben?

          Nein, das sollte er nicht tun. Grass hat sich um die deutsch-polnische Aussöhnung unendlich verdient gemacht. Da soll er jetzt nicht kneifen.

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