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Interview Horst Möller : Soll man „Mein Kampf“ edieren?

  • Aktualisiert am

Noch gibt es keine wissenschaftliche Edition von Hitlers „Mein Kampf” Bild: ASSOCIATED PRESS

Vor kurzem tauchten Manuskriptseiten auf, die angeblich Konzeptpapiere zu Hitlers „Mein Kampf“ sind. Was die Frage aufwirft, warum es noch immer keine wissenschaftliche Edition des 1927 erstmals veröffentlichten Buches gibt. Ist diese nicht überfällig?

          Vor einigen Wochen tauchten in Salzburg Manuskriptseiten auf, bei denen es sich angeblich um Konzeptpapiere zu Hitlers „Mein Kampf“ handeln soll. Die Meldung darüber erinnerte daran, dass eine wissenschaftliche Edition des 1925 beziehungsweise 1927 erstmals veröffentlichten Buches noch immer nicht vorliegt. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, über Hindernisse des Editionsprojekts, Sensationsmache mit „Mein Kampf“ und den merkwürdigen Mythos um das Buch.

          Trotz der neusten Funde gibt es noch immer keine wissenschaftliche Edition von „Mein Kampf“. Ist sie nicht längst überfällig?

          Das Institut für Zeitgeschichte würde eine solche Edition selbstverständlich erarbeiten. Eberhard Jäckel gab im Auftrag unseres Hauses einen Band mit ausgewählten Dokumenten für die Jahre bis 1924 heraus. Wir haben 1997 eine vierbändige Dokumentation zum Hitler-Prozess und von 1991 bis 2000 dreizehn Bände mit Hitlers Reden, Schriften und Anordnungen für die Jahre 1925 bis 1933 publiziert. Im vergangenen Jahr haben wir Othmar Plöckingers Studie zur Geschichte von Hitlers „Mein Kampf“ herausgegeben - in diesen Zusammenhang gehört also auch „Mein Kampf“.

          Warum hat man eine Edition bislang gemieden?

          Ich habe immer wieder Vorschläge zur Edition eingebracht. Doch hat der Freistaat Bayern nach 1945 die Rechte des Parteiverlages der NSDAP, des Eher-Verlages, beansprucht. Er untersagte eine vollständige Veröffentlichung des Buches, um die Verbreitung nationalsozialistischer Schriften, ein Wiederaufleben rechtsextremer Strömungen in Deutschland und eine kommerzielle Nutzung der Schriften Hitlers zu verhindern. Das sind natürlich löbliche Absichten, und verständlich ist auch, dass das Auswärtige Amt immer wieder von einem Editionsprojekt abgeraten hat, weil man eine negative Wirkung auf das Deutschland-Bild im Ausland befürchtete.

          Gleichwohl gab es an dieser Haltung mit den Jahren auch Kritik.

          Die gab es, zumal sich „Mein Kampf“ ja in jeder wissenschaftlichen Bibliothek einsehen lässt und Übersetzungen im Ausland immer wieder publiziert werden ...

          ... was der Freistaat mühsam zu verhindern sucht, wie das Beispiel eines schwedischen Verlegers zeigte.

          Mit juristischen Mitteln sind Veröffentlichungen im Ausland oft kaum zu verhindern, weder in Israel noch in einer außerdeutschen Internetpräsentation, aus der sich findige Nutzer das Buch herunterladen und mit Volltextrecherche durchsuchen können. In Deutschland hingegen ist eine Veröffentlichung ohne eine Publikationsgenehmigung des bayerischen Finanzministeriums ausgeschlossen. Ich habe neulich noch mit dem Finanzminister darüber gesprochen, und er sagte abermals nein.

          Sie haben ihn explizit um eine Genehmigung gebeten?

          Ich habe ihn verschiedentlich gefragt, zuletzt vor wenigen Wochen. Aber das ist selbstverständlich keine einsame politische Entscheidung. In seinem Ministerium und eben auch im Auswärtigen Amt rät man von einer Edition weiterhin ab. So ist die Rechtslage.

          Sie geben trotzdem nicht auf: Sie möchten für das Institut für Zeitgeschichte die Genehmigung für ein Editionsprojekt erhalten.

          Ich glaube, dass es in der Sache kaum noch begründet werden kann, warum andere Editionsprojekte (wobei die Rechte dort zum Teil nicht beim Freistaat Bayern liegen) durchgeführt werden dürfen und eine Edition von „Mein Kampf“ nicht. Wir haben die Goebbels-Tagebücher in 29 Bänden veröffentlicht, andere den Dienstkalender Heinrich Himmlers. Alle möglichen nazistischen Hetzschriften sind in wissenschaftlicher Form veröffentlicht - „Mein Kampf“ aber nicht. Es ist meines Erachtens nicht begründbar, bei einer einzigen Quelle aus Angst vor einer negativen Symbolwirkung weiterhin zu sagen: die nicht.

          In früheren Debatten wurde vorgebracht, eine Edition sei sinnlos, da die Herausgeber eigentlich hinter jeden kruden Satz Hitlers eine Anmerkung setzen müssten.

          Wir würden, wenn wir das dürften, eine aufwendige historisch-kritische Ausgabe besorgen. Sie muss durch einen Fachmann mit Erläuterungen etwa zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sowie zur Instrumentalisierung als politische Kampfschrift während der Weimarer Republik und der NS-Diktatur eingeleitet werden. Sie muss, was komplizierter ist, mit dem systematischen Nachweis verbunden sein, welche unterschiedlichen Textvarianten es gibt, angefangen mit einem Hinweis auf die unterschiedlichen und inhaltlich abweichenden Auflagen und Ausstattungen. Und man müsste klären, woher einzelne der Gedanken und Ausführungen Hitlers ursprünglich stammen: Sind das zum Beispiel eigene Ideologeme, sind das Vulgarisierungen anderer Texte, Lesefrüchte, durchdachte Argumente oder rasche Übernahmen aus persönlichen Unterhaltungen?

          Hat die Forschung in diesem Punkt schon viel Vorarbeit geleistet?

          Nein, ebendas ist zu leisten. Wir haben ja die Experten, die ähnlich schon bei der vielbändigen Edition „Hitler: Schriften - Reden - Anordnungen“ vorgegangen sind. Wir haben das Know-how. Und wir haben auch viele der zeitgenössischen Ausgaben von „Mein Kampf“ im Haus, die Quellen und die Sekundärliteratur.

          Was bedeutet das? Wie groß wäre der Personalaufwand?

          Das kommt darauf an, in welcher Zeit das Projekt fertiggestellt werden soll. Ein Experte allein würde selbst bei guter Ausstattung dafür etwa fünf Jahre brauchen. Nun ist es so: Autorenrechte (auch die der Erben) erlöschen siebzig Jahre nach dem Tod des Verfassers. Damit kann also in weniger als acht Jahren, ab 1. Mai 2015, ohnehin jeder „Mein Kampf“ nachdrucken, wenn er das möchte, und es wird genug Verlage geben, die das Buch dann mit entsprechender Sensationsmache verkaufen wollen. Ich denke: Die wissenschaftliche und die politische Vernunft gebieten es, vorher eine wissenschaftliche Ausgabe auf den Markt zu bringen ...

          ... die für Propagandazwecke völlig ungeeignet ist.

          Ja, und zwar nicht nur, weil wissenschaftliche Editionen nun einmal teuer sind. Es wird mühsam sein, eine solche Edition als Leser zu benutzen. Das ist nichts für Neonazis, deren Lesekapazitäten wohl ohnehin nicht überwältigend sein dürften. Wir sollten einer künftigen, bloß kommerziellen Nutzung das Wasser abzugraben versuchen. Das Interesse an einer Edition besteht, wie wir auch von anderen Projekten wie der Goebbels-Edition wissen, auch im Ausland - bis hin zu Kooperationsangeboten, die ich zum Beispiel aus Frankreich habe.

          Ein Lektüregenuss jedenfalls käme auf den Leser nicht zu. Joachim Fest schrieb einmal von „gedrechselten, wurmartigen Perioden, in denen sich bildungsbürgerliche Paradiersucht und österreichischer Kanzlistenschwulst umständlich verbanden“.

          Das Buch ist schlecht geschrieben, aus allerlei fremden Versatzstücken zusammengesetzt und besteht aus vielen Hasstiraden. Gerade deshalb ist es für Hitlers Politik und seine Ideologie aufschlussreich. Es gibt im Grunde kaum wirklich originelle Gedanken in diesem Buch. Aber allein das und schon Hitlers Umgang mit der Massenpsychologie sind hochinteressant, woraus sich sein Agitationsstil vor und nach 1933 erklären lässt.

          Sie meinen, eine Edition von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ lohne sich durch und durch?

          Ja. Dieses Buch ist ein Schlüsseltext für das nationalsozialistische Regime, für seine zentrale Gestalt und seine damaligen Anhänger. Und zudem: Solange „Mein Kampf“ nicht sorgfältig kommentiert vorliegt, werden die oft einfältigen Spekulationen kein Ende nehmen, was in diesem Buch wohl alles drinstehen könnte. Eine wissenschaftliche Edition könnte den merkwürdigen Mythos um „Mein Kampf“ brechen. Sie könnte eine große Desillusionierung mit sich bringen. Es wäre ein Stück politischer Hygiene, die schlechte Qualität dieses trotzdem wirkungsvollen Machwerks zu beweisen und Diskussionen, es könnte anders sein, ein Ende zu bereiten.

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