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Interview Horst Möller : Soll man „Mein Kampf“ edieren?

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Wir würden, wenn wir das dürften, eine aufwendige historisch-kritische Ausgabe besorgen. Sie muss durch einen Fachmann mit Erläuterungen etwa zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sowie zur Instrumentalisierung als politische Kampfschrift während der Weimarer Republik und der NS-Diktatur eingeleitet werden. Sie muss, was komplizierter ist, mit dem systematischen Nachweis verbunden sein, welche unterschiedlichen Textvarianten es gibt, angefangen mit einem Hinweis auf die unterschiedlichen und inhaltlich abweichenden Auflagen und Ausstattungen. Und man müsste klären, woher einzelne der Gedanken und Ausführungen Hitlers ursprünglich stammen: Sind das zum Beispiel eigene Ideologeme, sind das Vulgarisierungen anderer Texte, Lesefrüchte, durchdachte Argumente oder rasche Übernahmen aus persönlichen Unterhaltungen?

Hat die Forschung in diesem Punkt schon viel Vorarbeit geleistet?

Nein, ebendas ist zu leisten. Wir haben ja die Experten, die ähnlich schon bei der vielbändigen Edition „Hitler: Schriften - Reden - Anordnungen“ vorgegangen sind. Wir haben das Know-how. Und wir haben auch viele der zeitgenössischen Ausgaben von „Mein Kampf“ im Haus, die Quellen und die Sekundärliteratur.

Was bedeutet das? Wie groß wäre der Personalaufwand?

Das kommt darauf an, in welcher Zeit das Projekt fertiggestellt werden soll. Ein Experte allein würde selbst bei guter Ausstattung dafür etwa fünf Jahre brauchen. Nun ist es so: Autorenrechte (auch die der Erben) erlöschen siebzig Jahre nach dem Tod des Verfassers. Damit kann also in weniger als acht Jahren, ab 1. Mai 2015, ohnehin jeder „Mein Kampf“ nachdrucken, wenn er das möchte, und es wird genug Verlage geben, die das Buch dann mit entsprechender Sensationsmache verkaufen wollen. Ich denke: Die wissenschaftliche und die politische Vernunft gebieten es, vorher eine wissenschaftliche Ausgabe auf den Markt zu bringen ...

... die für Propagandazwecke völlig ungeeignet ist.

Ja, und zwar nicht nur, weil wissenschaftliche Editionen nun einmal teuer sind. Es wird mühsam sein, eine solche Edition als Leser zu benutzen. Das ist nichts für Neonazis, deren Lesekapazitäten wohl ohnehin nicht überwältigend sein dürften. Wir sollten einer künftigen, bloß kommerziellen Nutzung das Wasser abzugraben versuchen. Das Interesse an einer Edition besteht, wie wir auch von anderen Projekten wie der Goebbels-Edition wissen, auch im Ausland - bis hin zu Kooperationsangeboten, die ich zum Beispiel aus Frankreich habe.

Ein Lektüregenuss jedenfalls käme auf den Leser nicht zu. Joachim Fest schrieb einmal von „gedrechselten, wurmartigen Perioden, in denen sich bildungsbürgerliche Paradiersucht und österreichischer Kanzlistenschwulst umständlich verbanden“.

Das Buch ist schlecht geschrieben, aus allerlei fremden Versatzstücken zusammengesetzt und besteht aus vielen Hasstiraden. Gerade deshalb ist es für Hitlers Politik und seine Ideologie aufschlussreich. Es gibt im Grunde kaum wirklich originelle Gedanken in diesem Buch. Aber allein das und schon Hitlers Umgang mit der Massenpsychologie sind hochinteressant, woraus sich sein Agitationsstil vor und nach 1933 erklären lässt.

Sie meinen, eine Edition von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ lohne sich durch und durch?

Ja. Dieses Buch ist ein Schlüsseltext für das nationalsozialistische Regime, für seine zentrale Gestalt und seine damaligen Anhänger. Und zudem: Solange „Mein Kampf“ nicht sorgfältig kommentiert vorliegt, werden die oft einfältigen Spekulationen kein Ende nehmen, was in diesem Buch wohl alles drinstehen könnte. Eine wissenschaftliche Edition könnte den merkwürdigen Mythos um „Mein Kampf“ brechen. Sie könnte eine große Desillusionierung mit sich bringen. Es wäre ein Stück politischer Hygiene, die schlechte Qualität dieses trotzdem wirkungsvollen Machwerks zu beweisen und Diskussionen, es könnte anders sein, ein Ende zu bereiten.

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