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Internet : Geist gegen Google

  • -Aktualisiert am

Bücherfreund: Chirac in der Nationalbibliothek Bild: picture-alliance / dpa/epa

Gemeinsam gegen die Dampfwalze: Die Pläne von Google, durch massenhafte Digitalisierung eine virtuelle Weltbibliothek zu erschaffen, haben die Europäer alarmiert. Sie wollen mit einem eigenen Projekt dagegenhalten.

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          Über all der Aufregung und dem Widerspruch, den die Ankündigung des amerikanischen Unternehmens Google ausgelöst hat, innerhalb von sechs Jahren fünfzehn Millionen gedruckte Bücher zu scannen und über das Internet weltweit zugänglich zu machen, gerät leicht in Vergessenheit, daß die Idee tatsächlich so verführerisch wie monumental ist: Das gedruckte Wissen der Menschheit im Netz zugänglich zu machen, Buch für Buch, Seite für Seite, rund um den Globus abrufbar, in Tokio, im Kongo wie auf Tahiti, würde den Zugang zur Weltliteratur auf einen Schlag demokratisieren. Die Bestände der reichsten Bibliotheken stünden selbst denen offen, die nie eine Gelegenheit haben werden, sich in die Lesesäle zu setzen. Geschickt organisiert, wäre die Digitalisierung des globalen Kulturerbes ein Segen, eine einzigartige Chance.

          Genau darüber aber, wie der Zugang zu einer solchen virtuellen Weltbibliothek geregelt werden könnte, wie ihre Bestände systematisiert und erschlossen werden, wie sichergestellt werden soll, daß nicht nur das Gängige, das Allbekannte darin vertreten ist, sondern auch das Abgelegene, Schwierige - darüber ist seit Bekanntwerden der Google-Pläne eine heftige Debatte entbrannt.

          Googles Herausforderung

          Das Verdienst, sie in Gang gesetzt zu haben, kommt fraglos Jean-Noel Jeanneney zu, dem Präsidenten der französischen Nationalbibliothek. Seine Streitschrift „Quand Google defie l'Europe“, die jetzt unter dem Titel „Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek“ bei Wagenbach auch auf deutsch erschienen ist, hat die Sorgen pointiert formuliert, die das Google-Projekt auslöst: Jeanneney warnt vor einer Dominanz des Englischen und wirbt für kulturelle Vielfalt auch in der Netz-Bibliothek; er prangert das Monopol-Streben von Google an und fürchtet um die Rechte der Autoren. Google drohe zu einer „Dampfwalze“ zu werden, sagte er am Dienstag bei der Vorstellung seines Buches in der französischen Botschaft in Berlin.

          Folgt man Jeanneneys Darstellung, war die fröhliche Dreistigkeit, mit der die Chefs von Google im Dezember 2004 ihr Projekt vorgestellt haben (das sie mittlerweile schon mehrfach umtaufen und abspecken mußten), so etwas wie ein „Sputnik-Schock“ für die europäischen Bibliothekare. Aber nicht nur für sie. Mit einigem Stolz berichtete Jeanneney, sein Büchlein sei auch auf arabisch erschienen; chinesische, italienische, brasilianische Ausgaben seien in Vorbereitung. Und ausführlich zitiert er die Kritik seines amerikanischen Kollegen Michael Gorman an Googles Plänen. Es ergäbe ein schiefes Bild, würde man den Wettlauf um eine Suchmaschine für das Weltwissen als europäisch-amerikanische Konkurrenz beschreiben. Tatsächlich verläuft die Scheidelinie zwischen Kapital und Kultur, auch zwischen Markt und Staat oder, noch anders formuliert, zwischen Information und Wissen.

          Ein gemeinsamer Gegner

          Doch Jeanneney, seit 2002 Präsident der Nationalbibliothek, davor neben anderen Tätigkeiten auch Chef von Radio France, ist erfahren genug im Umgang mit Politik und Medien, um dem Konflikt von Anfang an eine politische Dimension zu geben. Vielleicht brauche es ja gelegentlich einen gemeinsamen Gegner, um Europa zum gemeinsamen Handeln zu bewegen, schreibt der Historiker, dem de Gaulles Wort, Amerika sei eine Tochter der Europa, leicht von den Lippen geht. Das vergangene Jahr, sagte Jeanneney jetzt in Berlin, sei das Jahr der Bewußtseinsbildung gewesen; er selbst hat daran fleißig mitgewirkt.

          2006 müsse nun den Anfang der Aktion markieren. Und als typischer französischer Elite-Bürokrat kann sich der Pariser Nationalbibliothekar die Aktion kaum anders denn als staatliches Eingreifen, als politische Initiative ausmalen. Mit Unterstützung von Präsident Chirac trommelt Jeanneney seit einem Jahr für eine „Europäische Digitale Bibliothek“, für eine digitale Archivierung der Buchbestände Europas und ihre systematische Erschließung. Eine Million Werke solle so jedes Jahr erfaßt werden, zwei- bis dreihundert Millionen Euro seien dafür in den nächsten zwei oder drei Jahren erforderlich. Viel Geld gewiß: „Aber für die Filmförderung gibt die EU in fünf Jahren sechshundert Millionen Euro aus.“

          Qualität gegen Masse

          Mit Ausnahme der portugiesischen Nationalbibliothek und „unserer Freunde von jenseits des Kanals“, der British Library, unterstützen alle Nationalbibliotheken der EU-Staaten das Vorhaben. Auch Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, bekundete ihre Sympathie und warb in der französischen Botschaft für eine langfristige Auswahlstrategie, die der Massendigitalisierung Qualität entgegensetze, die weniger auf die Nachfrage achte, vielmehr nach Relevanz, konservatorischem Zustand und kultureller Bedeutung eines Werkes frage. Um solche Standards sicherzustellen, schwebt Jeanneney ein System von wissenschaftlichen Beiräten in allen EU-Staaten vor, die Delegierte in eine Brüsseler Dachorganisation entsenden sollen, die ihrerseits eine Auswahlstrategie erarbeiten würde.

          Es wäre, käme derlei zustande, ein feinverästeltes bürokratisches Kunstwerk, unverkennbar eine Geburt französischer Verwaltungstraditionen, das in Berlin unvermeidlich die ironische Frage provozierte, ob denn ausgerechnet die Brüsseler Institutionen geeignet seien, schnell zu reagieren und den längst entstandenen Rückstand auf das Google-Projekt aufzuholen. Jeanneney aber ließ sich von derlei Defätismus nicht irritieren: „Eine Idee bleibt gut, selbst wenn man erst spät damit anfängt, sie umzusetzen.“ Auch Airbus sei ja ein Nachzügler gewesen und habe schließlich Boeing überholt.

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