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Literaturfestival in Berlin : Fast schon gefährlich

Die Schriftstellerin Leila Slimani bei ihrer Eröffnungsrede auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

Leila Slimani setzte mit ihrer Eröffnungsrede den ersten Akzent. Weitere werden folgen: Das Internationale Literaturfestival Berlin glänzt auch in diesem Jahr wieder mit vielen Präsenzveranstaltungen.

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          Es kann nicht nur Dusel sein, es muss auch mit Mut und Geschick zu tun haben, dass das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) – im Pandemiejahr 2020 mutmaßlich der größ­te Lesezirkus in einem schockgefrorenen Europa – auch in diesem Jahr mit vielen Präsenzveranstaltungen glänzt. Etliche der 269 Autoren aus 47 Ländern sind wirklich dabei, und selbst das sonnige Wetter spielt mit. Andere, wie der fast hundertjährige Georg Stefan Troller oder der dreiundneunzigjährige Georges-Arthur Goldschmidt, werden beim 21. ILB in frisch produzierten Videoporträts vorgestellt. Vor allem aber heißt „live“ wieder Drängelei, Ge­schnatter, Herdenwärme und ein Glas Weißwein danach. Bei der Er­öffnung in der Betonhalle des Silent-Green-Kulturquartiers im Wedding saß das Publikum dicht an dicht, weil die Formel „3G plus FFP2“ sich laut Festivaldirektor Ulrich Schreiber auch im Berliner Konzertbetrieb be­währt hat, und hier und da wurden sogar unzureichend desinfizierte Hän­de geschüttelt.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Aus dem Jammern über fehlende Subventionen hat der Direktor eine hoch komische Improvisationskunst entwickelt, die jedes Jahr in anderen Farbnuancen erstrahlt. War Schreiber früher mal knatschig über die kargen 350 000 Euro, die das Festival vom Hauptstadtkulturfonds erhielt, freute er sich vor ein paar Jahren über die höhere Summe von 600 000 Euro, merkte aber an, mehr könne man immer gebrauchen. Diesmal kom­mentierte er die 660 000 Euro, die der Hauptstadtkulturfonds von 2022 an für mindestens drei Jahre zuschießt, mit einer mysteriös zwischen Tiefsinn und Flachsinn schwebenden Formulierung als „nicht ganz, ganz toll, aber schon sehr, sehr gut“. Insgesamt kann das Festival mit Fördermitteln von rund 900 000 Eu­ro jährlich rechnen und dürfte in der Lage sein, die geschrumpften Er­löse beim Ticketverkauf auszugleichen.

          Durch Lesen werden Frauen gefährlich

          Die Eröffnungsrednerin Leila Slimani aus Marokko, die seit gut zwanzig Jahren in Frankreich lebt und 2016 mit ihrem Roman „Dann schlaf auch du“ den Prix Goncourt gewann, lieferte am ersten Abend eine lebendige Schilderung der Unterdrückung von Frauen in traditionellen mus­limischen Gesellschaften, ihrer so­zia­len Fesseln und allmächti­gen Schwei­gegebote. Mit Motiven wie se­xuelle Unabhängigkeit und Ent­hemmung (in ihrem ersten Roman) und Kindsmord durch eine Nanny (in ih­rem zweiten) hat sich Slimani in die maximale denkbare Entfernung zu ihren kulturellen Wurzeln ge­schrieben. So wurde ihre Kunst zur Geste des Bruchs – und zum Manifest für die Nachkommenden.

          Es spricht für die Homogenität des Berliner Publikums und seiner Er­wartungen, dass Slimanis Ausführungen auch dort, wo sie von Simone de Beauvoirs „Das andere Ge­schlecht“ und der ersten Getränkebestellung im Pariser Café de Flore handelten, mit sakraler Andacht aufgenommen wurden. Der uralte Feminismus mit seinen obligatorischen Ver­beugungen vor Virginia Woolf, die irgendwie bekannten Sätze, die schon durch unzählige Reden gegeistert sein dürften („Das Bedürfnis, zu gefallen, ist ein Gefängnis, das uns entfremdet und einschränkt“), das Pathos einer Menschwerdung durch Schrift, das wohl den Allerwenigsten im Publikum etwas sagte, weil es in Deutschland dann doch nicht so re­pressiv zugeht („Ich war eine Frau und eine Leserin. Ich war gefährlich“), all das wurde nicht als militant, exzentrisch oder veraltet empfunden, sondern als frische Wunde ge­würdigt. Für Berlin muss es vor allem authentisch sein.

          In der Tat ist dem Redetext nach der Preisgabe Afghanistans durch den Westen eine traurige Aktualität zu­gewachsen, die er vor zwei Monaten noch nicht hatte. Gerade die Freiheiten, die Slimani sich durch ihren Umzug nach Frankreich und die Entscheidung fürs Schreiben er­kämpft hat (und welche zahlreiche afghanische Frauen und Mädchen in den letzten zwanzig Jahren zumindest in gewissem Umfang kennenlernen konnten), schaffen einen bitteren Kontrast zu dem, was die weibliche Bevölkerung Afghanistans nach dem Siegeszug der Taliban erwartet. „Vorsicht durch Kühnheit zu ersetzen, Höflichkeit durch Unverschämtheit“, wie Slimani ih­ren Leserinnen empfiehlt, wird sich im Alltag dieser muslimischen Welt kaum realisieren lassen. So läuft es am Ende doch wieder auf die Be­schwörung des Utopischen hinaus („Schreiben heißt, ein Risiko einzugehen, und es ist immer eine Revolte“) – in der Hoffnung, dass noch je­mand bleibt, die Botschaft zu empfangen.

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