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Digitaler Lesesaal : Über Geschmack lässt sich trefflich streiten

Runder Lesesaal in der British Library in London Bild: Picture-Alliance

Wir laden ein zum digitalen Leseexperiment: Diskutieren wir über Literatur! Was versprechen wir uns davon? Nicht zuletzt einen kleinen Beitrag zur Widerlegung der Thesen vom Ende des Buchzeitalters.

          Bücher, sagte einst Marshall McLuhan, isolieren ihre Leser. Denn Lesen ist ein einsamer Vorgang. Als der kanadische Philosoph 1962 das „Ende der Gutenberg-Galaxis“ ausrief, sollte das darum eine frohe Botschaft sein. Leser von gedruckten Texten teilten, so das Argument, anders als beispielsweise Fernsehzuschauer, nicht millionenfach eine gemeinsame Welt. Immer liest jemand etwas anderes als man selbst, und nicht einmal davon erfährt man. Selbst Leute, die ins Programm schauen, um zu erfahren, „was im Kino läuft“, haben eine höhere Chance auf kollektive Erfahrung als Buchleser; von Radiohörern, den Besuchern der Popkonzerte und der Fußballstadien ganz zu schweigen.

          Dass inzwischen landauf, landab Lesezirkel gegründet werden, ist ein Anzeichen dafür, dass die Unterscheidungen McLuhans porös sind. Die Einsamkeit des Lesens kann mit einem wie immer überschaubaren kollektiven Austausch darüber kombiniert werden. Solche Lesegesellschaften kannte schon das achtzehnte Jahrhundert. Wenn man die Mediatheken des Fernsehens und das Internet heranzieht, verwandelt sich hier umgekehrt ein ehemals kollektives Medium derzeit stärker in Richtung Buchausleihe: zeitlich entkoppelter, stärker individualisierter Zugriff.

          Individuelles Lesen und soziales Gespräch

          Es scheint also die Frage, ob ein Medium eher „protestantisch“ ist oder eher „katholisch“, eher Individuen adressiert oder große Gruppen, nicht an seiner materiellen Erscheinung, seiner Technik zu hängen, sondern an seiner sozialen Organisation.

          Das vorausgeschickt, wollen wir hier auf einen Versuch hinweisen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung startet ihn unter faz.net/lesesaal zusammen mit der Hamburger Firma Sobooks. Es geht um eine elektronische Plattform für das Lesen und Kommentieren von Büchern, den Austausch über sie mit anderen Lesern, mit Kritikern, mit Autoren. Es geht um eben jene Kombination von individuellem Lesen und sozialem Gespräch darüber.

          Wie das funktioniert, wird unter www.faz.net/neuesliteraturforum erläutert. Hier nur so viel: Wir, die Redakteure der Feuilletonredaktion dieser Zeitung, stellen ein Buch, das uns interessant erscheint, so vor, wie wir es immer tun, in Form einer Besprechung. Dabei geben wir eine signifikante Stichprobe aus dem Buch zum Beleg unserer Eindrücke und unseres Urteils. Die Kooperation mit den jeweiligen Verlagen erlaubt es uns, diesen längeren Textabschnitt auf unserer Website zur Verfügung zu stellen. Leser, die ihn kommentieren wollen, das ganze Buch kommentieren wollen oder in ein Gespräch untereinander über beides treten möchten, können das mittels der von Sobooks entwickelten Technologie tun. Die Kommentare werden moderiert, die Redaktion wird nach Kräften antworten, es werden Zeitfenster geöffnet zum Dialog mit den Lesern.

          Streit in der Sache oder ästhetische Kontroverse – Sie entscheiden!

          Was versprechen wir uns davon? Diskussionen. Beobachtungen an Büchern. Urteilsbildung. Und nicht zuletzt: einen kleinen Beitrag zur Widerlegung der Thesen vom Ende des Buchzeitalters wie von den zentrifugalen Wirkungen des Internets. Warum sollten die Stärken zweier Medien – beispielsweise: hier Konzentration, dort Interaktivität – nicht auch kombinierbar sein? Der Versuch dazu lohnt sich.

          Die Bücher, zu deren Lektüre wir anregen wollen, sollen für einen Austausch und mitunter auch für den Streit besonders geeignet sein. Dabei kann es sich um Streit in der Sache handeln, wenn es Bücher mit Thesen, Argumenten, Tatsachenbehauptungen sind. Dabei kann es sich aber auch um die ästhetische Kontroverse darüber handeln, ob und warum ein Werk reizvoll, gelungen oder misslungen ist. Über Geschmack, sagt ein Sprichwort, lässt sich nicht streiten. Das mag stimmen, wenn ausschließlich sinnliche Reize im Spiel sind. Sobald aber der Verstand und die Urteilskraft beteiligt sind, lässt sich gerade über Geschmack sehr gut diskutieren. Wir können uns Diskussionen darüber, was einen gelungenen Krimi ausmacht, genau so vorstellen wie solche zur Frage, was guter Satzbau ist oder ob ein Roman seinem Stoff gerecht wird.

          Unsere erste Einladung zur Lektüre und zum Austausch darüber gilt Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“, der gerade auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Felicitas von Lovenberg, die Leiterin des Literaturessorts der F.A.Z., hat ihn für unsere Leseplattform besprochen. Unter faz.net/lesesaal finden Sie ihre Rezension und alles Weitere. Wir würden uns freuen, von Ihnen zu lesen.

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