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Integration : Der türkische Mann

Einwandererkinder bleiben bei der Bildung oft außen vor Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Eine Streitschrift, die lange überfällig war: Necla Keleks Buch „Die verlorenen Söhne“ erzählt von den Kindern türkischer Einwanderer, die den Spagat zwischen Tradition und moderner Gesellschaft nicht bewältigen.

          Die Kinder türkischer Einwanderer: Sie sind überfordert, haben die schlechteren und sehr viele gar keine Schulabschlüsse. Ihre gewalttätigen Väter werden sie nie in Frage stellen, was immer diese Väter ihnen auch antun. Die Kinder verachten Frauen, die ihren eigenen Weg gehen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Es sind Kinder, die den Spagat zwischen traditionellen Regeln, die von ihnen Gehorsam und Unterwerfung verlangen, und der modernen Gesellschaft, unserem Alltag, nicht bewältigen. In dieser Weise beschreibt die Soziologin Necla Kelek türkische Einwanderer-Kinder in ihrem Buch „Die verlorenen Söhne“. Dieses Buch wird denen nicht gefallen, die argwöhnen, Kelek skandalisiere die Lebenssituation von Einwanderern, um Vorurteile festzuschreiben.

          Migranten als Mündel

          Die Autorin urteilt hart, wirft der Politik, den politischen Stiftungen, den Kirchen und Wissenschaftlern vor, Migranten als Mündel zu behandeln, sie damit in ihrer Rückständigkeit gleichsam einzumauern. Jede Anpassungsleistung stehe unter dem Verdacht, die Zugewanderten zu überfordern, ja ihre Kultur zu mißachten. Vor allem aber habe die Unterschätzung der kulturellen Dimension ihres Muslim-Seins alle Hoffnungen begraben, die Moderne werde ihre Kraft entfalten können, und statt dessen, unübersehbar in unseren Städten, zum Aufblühen einer Gegenkultur geführt.

          Die Anreize, sich in der neuen Heimat eine „eigene Geschichte“ zu erwerben, schreibt Kelek in Anlehnung an den Kulturanthropologen Werner Schiffauer, seien zu gering bis nicht vorhanden. Der Sozialstaat versorgt auch die mit dem Nötigsten, die weder einen Schulabschluß noch einen Beruf, noch die Chance haben, eine legale Arbeit zu finden. Das führe zu Mißständen, die Kelek schonungslos benennt und mit dem, was Gesetze und Verfassung eigentlich jedem Bürger auferlegen, vergleicht.

          Deprimierende Rechnung

          Die Rechnung, die sie aufmacht, ist deprimierend, zumal Kelek sich weigert, bei Mißständen wie grausamen Kindesmißhandlungen oder der brutalen Verteidigung vermeintlicher Familienehre oder der gewalttätigen Unterwerfung der Söhne unter den Willen der Väter sich des Rituals zu bedienen, mit dem Autorinnen wie sie ungeschoren davonkämen: Sie relativiert ihre Berichte nicht unentwegt. Natürlich schließen einige Kapitel mit dem Hinweis, auch sie wisse, daß nicht alle so leben wie die Familien der von ihr skizzierten exemplarischen Beispiele. Nur würde auch niemand erwarten, in einem Bericht über Obdachlosigkeit zu lesen, wie gut es diejenigen getroffen haben, die ein Dach über dem Kopf haben.

          Sie berichte, so Kelek, über die verlorenen Söhne der türkisch-muslimischen Gesellschaft, so wie sie sie angetroffen habe. Kelek erzählt nicht von den Gewinnern, sondern von den Verlierern der Bürger mit Migrantenhintergrund - von solchen auch, die in die Kriminalitätsstatistiken eingingen und sich zum Teil in den Gefängnissen wiederfinden. Die Autorin sucht nach den Ursachen für deren Scheitern und entdeckt dabei die ritualisierte Gewalt in den Familien, die archaischen Traditionen, welche diese Verhaltensmuster von Generation zu Generation weiterzugeben erlauben.

          Sanktionen gegen Beschneidungen

          Den Deutschen hält sie vor - nicht als Vorwurf, sondern als Weckruf -, sich für die anderen nicht zu interessieren und vor Intervention zurückzuschrecken; man wolle sich eben nicht in „Familienangelegenheiten“ einmischen, und seien sie noch so gewalttätig und schädlich. Necla Kelek verlangt, körperliche Züchtigung, Kindesmißhandlung in Migrantenfamilien genauso zu ahnden, wie es das Gesetz vorschreibt. Sie fordert eine Aufklärungskampagne über die Gesundheitsrisiken von Ehen unter Verwandten. Sie ruft zur Ächtung der Polygamie auf und verlangt Sanktionen, um das Verbot der brutalen und riskanten Beschneidung türkischer Jungen durchzusetzen. Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, doch sind sie es nicht.

          An die türkische Mittelschicht aber, die wegzieht, ja flieht aus den Vierteln, die wenig Glück verheißen - an diese Mittelschicht richtet sie den Appell, sich zu ihrer sozialen Verantwortung zu bekennen. Auch weil diese Türken, im Unterschied zu den Deutschen, keine Sprachbarriere von den Verlierern trennt, nur die Furcht, es könnte auch auf sie ein schlechtes Licht werfen, würden sie die schmerzhaften Wahrheiten bestätigen.

          Massive Ablehnung

          Die massive Ablehnung, die Necla Kelek nicht nur von seiten einiger Migrationsforscher erfährt, sondern auch von deutschen Türken, die es besser getroffen haben als die fremden Bräute und die Jungen und Männer dieses Buches, erinnert zuweilen an die Ost-West-Debatten vergangener Jahre. Wer autoritäre, hier islamische, dort sozialistisch geprägte Kollektivstrukturen geißelt, wird angegriffen. Und sei es nur mit dem wenig überzeugenden Argument, daß „wir“ so nicht sind. Und so wie jedesmal durch den Osten ein kollektiver Aufschrei ging, wenn auf offensichtliche Fehlentwicklungen dort hingewiesen wurde, so reagiert man gereizt, wenn türkische Dissidenten darauf bestehen, die europäische Demokratie mit all ihren Rechten und Pflichten gelte auch für sie und die Migrantengesellschaft, aus der sie kommen.

          Wer die Gefängnisinterviews liest, die Kelek in Hamburger Haftanstalten geführt hat, wird sich fragen, wie derart tragische Biographien in einem Land wie unserem möglich sind. Es sind Schlaglichter, die eine Entwicklung etwas erhellen, von der wir im einzelnen wie im allgemeinen nur wenig Zuverlässiges wissen. Die Kriminalstatistiken sind nicht geeignet, zu beruhigen. Auch gibt es wenigstens einige qualitative und gelegentlich auch eine repräsentative Untersuchung, die belegen, daß traditionelle Religiosität und die Gewaltbereitschaft dieser Jungen und Männer, die alle unter ihren patriarchalischen Vätern zu leiden hatten, einander bedingen.

          Das übliche „eigentlich“ - eigentlich schaffen es doch viele, eigentlich ist der Islam doch ganz nett -, das wird man auch in diesem Buch von Necla Kelek vergeblich suchen. Der „europäische Islam“, um den sich andere Gedanken machen, hat die Milieus, aus denen Keleks verlorene Söhne stammen, nicht einmal von ferne gestreift. Dort geben die Väter und die von der türkischen Regierung bezahlten Hodschas vor, was gut und schlecht, was tugendhaft und verwerflich ist. Und das läuft unserem common sense nicht selten zuwider. Kelek behauptet nicht, ihr Bericht sei repräsentativ. Sie hat eine Streitschrift verfaßt, wie sie lange überfällig war - was nicht nur Lehrer, Polizisten und Psychologen bestätigen können. Es lohnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Auch, weil die, die sie als Verlorene beschreibt, diese Chance verdienen.

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