https://www.faz.net/-gqz-s0bw

Integration : Der türkische Mann

Den Deutschen hält sie vor - nicht als Vorwurf, sondern als Weckruf -, sich für die anderen nicht zu interessieren und vor Intervention zurückzuschrecken; man wolle sich eben nicht in „Familienangelegenheiten“ einmischen, und seien sie noch so gewalttätig und schädlich. Necla Kelek verlangt, körperliche Züchtigung, Kindesmißhandlung in Migrantenfamilien genauso zu ahnden, wie es das Gesetz vorschreibt. Sie fordert eine Aufklärungskampagne über die Gesundheitsrisiken von Ehen unter Verwandten. Sie ruft zur Ächtung der Polygamie auf und verlangt Sanktionen, um das Verbot der brutalen und riskanten Beschneidung türkischer Jungen durchzusetzen. Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, doch sind sie es nicht.

An die türkische Mittelschicht aber, die wegzieht, ja flieht aus den Vierteln, die wenig Glück verheißen - an diese Mittelschicht richtet sie den Appell, sich zu ihrer sozialen Verantwortung zu bekennen. Auch weil diese Türken, im Unterschied zu den Deutschen, keine Sprachbarriere von den Verlierern trennt, nur die Furcht, es könnte auch auf sie ein schlechtes Licht werfen, würden sie die schmerzhaften Wahrheiten bestätigen.

Massive Ablehnung

Die massive Ablehnung, die Necla Kelek nicht nur von seiten einiger Migrationsforscher erfährt, sondern auch von deutschen Türken, die es besser getroffen haben als die fremden Bräute und die Jungen und Männer dieses Buches, erinnert zuweilen an die Ost-West-Debatten vergangener Jahre. Wer autoritäre, hier islamische, dort sozialistisch geprägte Kollektivstrukturen geißelt, wird angegriffen. Und sei es nur mit dem wenig überzeugenden Argument, daß „wir“ so nicht sind. Und so wie jedesmal durch den Osten ein kollektiver Aufschrei ging, wenn auf offensichtliche Fehlentwicklungen dort hingewiesen wurde, so reagiert man gereizt, wenn türkische Dissidenten darauf bestehen, die europäische Demokratie mit all ihren Rechten und Pflichten gelte auch für sie und die Migrantengesellschaft, aus der sie kommen.

Wer die Gefängnisinterviews liest, die Kelek in Hamburger Haftanstalten geführt hat, wird sich fragen, wie derart tragische Biographien in einem Land wie unserem möglich sind. Es sind Schlaglichter, die eine Entwicklung etwas erhellen, von der wir im einzelnen wie im allgemeinen nur wenig Zuverlässiges wissen. Die Kriminalstatistiken sind nicht geeignet, zu beruhigen. Auch gibt es wenigstens einige qualitative und gelegentlich auch eine repräsentative Untersuchung, die belegen, daß traditionelle Religiosität und die Gewaltbereitschaft dieser Jungen und Männer, die alle unter ihren patriarchalischen Vätern zu leiden hatten, einander bedingen.

Das übliche „eigentlich“ - eigentlich schaffen es doch viele, eigentlich ist der Islam doch ganz nett -, das wird man auch in diesem Buch von Necla Kelek vergeblich suchen. Der „europäische Islam“, um den sich andere Gedanken machen, hat die Milieus, aus denen Keleks verlorene Söhne stammen, nicht einmal von ferne gestreift. Dort geben die Väter und die von der türkischen Regierung bezahlten Hodschas vor, was gut und schlecht, was tugendhaft und verwerflich ist. Und das läuft unserem common sense nicht selten zuwider. Kelek behauptet nicht, ihr Bericht sei repräsentativ. Sie hat eine Streitschrift verfaßt, wie sie lange überfällig war - was nicht nur Lehrer, Polizisten und Psychologen bestätigen können. Es lohnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Auch, weil die, die sie als Verlorene beschreibt, diese Chance verdienen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.