https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ingeborg-bachmann-preis-in-klagenfurt-unter-freiem-himmel-18125369.html

Lesewettbewerb Klagenfurt 2022 : Ein Co-Working-Space für den Bachmann-Preis

Klagenfurt, 23. Juni: Der Bachmann-Kandidat Alexandru Bulucz hört zu, wie der Bachmann-Juror Michael Wiederstein seinen Text kritisiert. Bild: tob

Es wird wieder um die Wette gelesen in Klagenfurt. Unter freiem Himmel und vor Publikum. Die Jury der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ bleibt aber im Studio isoliert. Und der Bürgermeister ist etwas beunruhigt. Ein Zwischenbericht.

          5 Min.

          Ob es Menschen gibt, die durch Kulturveranstaltungspausenjazz zu Jazzfans geworden sind? Aber Kulturveranstaltungspausenjazz gehört zu den Ritualen von Kulturveranstaltungen in Kulturbahnhöfen und Kulturfabriken und bei Preisverleihungen aller Art. Ein Rückversicherungssignal, dass man sich hier zu höherem Kunstgenuss versammelt hat, aber auch mal relaxen kann, mit Niveau! Und so spielen in Klagenfurt, zum Auftakt des diesjährigen Bachmann-Lesewettbewerbs, am Mittwochabend die Jazz All Stars von der einheimischen Gustav-Mahler-Privatuniversität für Musik.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie spielen ihre Standards im ORF-Studio, wenn nicht gerade feierliche Eröffnungsreden gehalten werden oder die Abfolge der Lesungen für die folgenden drei Tage ausgelost wird. Klagenfurt ist eine Hauptstadt der Rituale für den deutschsprachigen Literaturbetrieb. Aber irgendwie passt dieser rituelle Kulturveranstaltungspausenjazz diesmal nicht so richtig her. Weil hier in diesem Juni einiges anders werden soll, als es früher war.

          Noch immer lesen in Klagenfurt zwar Autorinnen und Autoren Texte in deutscher Sprache um die fünf Preise, die in Klagenfurt zu gewinnen sind: Der berühmteste von ihnen ist der Ingeborg-Bachmann-Preis; im vergangenen Jahr hatte ihn die iranischstämmige und in Graz lebende Autorin Nava Ebrahimi erhalten. Noch immer nimmt sich auch eine siebenköpfige Jury die Wettbewerbstexte vor, sobald sie gelesen sind. Noch immer moderiert Christian Ankowitsch das Ganze, wie seit 2013 schon.

          Alle wieder leibhaftig versammelt

          Aber seit Neuestem folgt die Jury-Abstimmung über die Preise einer Punktevergabe, die an den Eurovision Song Contest erinnert: Nicht mehr nur eine Stimme pro Jury-Mitglied, sondern insgesamt neun, verteilt auf die Kandidatinnen und Kandidaten, was bei Gleichstand zu einer Stichwahl führen kann, dann muss die Jury am Sonntag noch mal abstimmen, live.

          „Mehr Spannung“ verspricht Ankowitsch bei der Begrüßung am Mittwochabend, und überhaupt lassen der Moderator und seine Kollegin Cécile Schortmann es sich nicht nehmen, den übertragenden Sender 3sat zu loben, dass er dem Bachmannpreis fünfzehn Minuten mehr Zeit gönnt.

          Auch das ist also in diesem Jahr anders, dem ersten seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie, an dem wieder alle leibhaftig versammelt sind in Klagenfurt, Autorinnen und Autoren, Jury, Publikum, der Wörthersee ist auch da: fünfzehn Minuten mehr Sendezeit als früher. Der Bachmannpreis ist auch eine Fernsehshow und hat sich längst in die sozialen Medien verlängert, wo auf Twitter und Instagram mitkommentiert wird, und da kommt es auf jede Minute an.

          Sehr bequeme, bedruckte Liegestühle

          Aber am neuesten ist die Inszenierung dieser 46. Tage der deutschsprachigen Literatur selbst: Die Jury sitzt im Studio und bespricht dort die Texte. Die Lesungen aber finden im Garten vor dem ORF-Theater statt, auf einer überdachten Bühne, mit Schilf bepflanzt, das Pu­blikum sitzt drum herum auf Bierbänken und in Liegestühlen, bedruckt mit dem Konterfei der Klagenfurter Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und einem ihrer berühmten Zitate: „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“

          Ein Satz, der in diesem Kriegsjahr 2022 umso schwerer wirkt, der aber, als würde er sich selbst erklären, seine Erkenntnis offenbar allein schon damit freigeben soll, dass er irgendwo hingedruckt wird: auf die Liegestühle (in denen man fast schon zu bequem den Lesungen zuhören kann), aufs Programmheft.

          „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht“: Das ist das komplette Gegenteil eines Slogans. Doch Klagenfurt ist eben auch der Ort von Bachmann-Bekenntnisritualen der Sponsoren und der Lokalpolitik, das jedenfalls hat sich nicht geändert: Unter anderem hatte der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser ein Literaturstipendium im Ingeborg-Bachmann-Haus in Aussicht gestellt, das gerade zum Museum umgestaltet wird: In der Henselstraße 26 hatte die Schriftstellerin als Kind mit ihrer Familie die Bombenangriffe auf Klagenfurt erlebt.

          Der Ukraine-Krieg und die Sprache

          Auch jetzt, Klagenfurt 2022, herrscht wieder Krieg in Europa. Die Jury-Vorsitzende Insa Wilke hatte in ihrer Begrüßung an den Österreich-Abend auf der kleinen Leipziger Buchmesse im März erinnert, bei dem auch die ukrainische Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk aufgetreten war – und wie die sich damals fast schon dafür entschuldigt hätte, den bis dahin lustigen Abend damit zu unterbrechen, vom Krieg zu sprechen.

          Weitere Themen

          Lauter bunte Musik

          Lucerne Festival : Lauter bunte Musik

          Das Lucerne Festival setzt auf „Diversity“: Afrobrasilianische Klänge treffen auf Robert Schumann, People of Color klagen ihre Rechte ein – aber bei Rachmaninow schwimmen alle im Glück.

          Topmeldungen

          Das Terminal für Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Barcelona

          Unmut über Kreuzfahrtschiffe : Barcelona hat genug

          Viele Einheimische in Barcelona empfinden die Touristenflut als Plage. Die Forderung nach einer Obergrenze für Urlauber wird lauter. Der Unmut richtet sich vor allem gegen die Kreuzfahrtschiffe.
          Tote Fische, Muscheln und Schnecken haben sich an einer von der Feuerwehr verlegter Sperre in der Westoder, auf der Wasseroberfläche gesammelt.

          Fischsterben an der Oder : Algenblüte oder Zementverklappung?

          Noch immer ist nicht geklärt, wie es zu dem Fischsterben in der Oder kommen konnte. Es mehren sich aber die Hinweise, dass eine Alge die Ursache sein könnte – gepaart mit menschlichem Zutun.

          Wahlkampf in Brasilien : Bolsonaro zielt gegen das Establishment

          Während einer Veranstaltung am Obersten Wahlgericht kommen sich Jair Bolsonaro und sein Kontrahent Lula da Silva so nah wie nie. Dabei entsteht ein Bild, das dem brasilianischen Präsidenten wohl nur recht ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.