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Buch über Ingeborg Bachmann : Hingetrimmt zum Typus neuer Weiblichkeit

  • -Aktualisiert am

Als Objekt der Bildermaschine: Ingeborg Bachmann um 1960. Bild: Ullstein

Die Deutungshoheit über den Tod der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann beschäftigt immer noch einige. Ina Hartwigs Annäherung ist mehr eigener Erfahrungsbericht als Biographie.

          Das Buch beginnt am Ende: beim „Krieg am Sterbebett“. Ingeborg Bachmann hat ihr Kunststoffnachthemd mit einer Zigarette versengt und liegt mit Brandverletzungen auf einer Intensivstation des römischen Hospitals Sant’Eugenio. Gespräche mit der Patientin, um die sich Ärzte bemühen, können per Telefon geführt werden. Die Verbrennungen sind schwer, aber vielleicht doch nicht lebensgefährlich. Informationen über die Drogenabhängigkeit der Patientin fließen spät und nur spärlich. Vielleicht hätte die Behandlung besser auf den vom Entzug geplagten Körper eingestellt werden müssen.

          Nach einiger Zeit fällt Bachmann ins Koma und stirbt am 17. Oktober 1973. Zu diesem Zeitpunkt tobt bereits der Kampf um die Deutungshoheit zwischen Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern, der sich in der Öffentlichkeit und Forschung fortsetzt. Bachmann hatte sich jahrelang mit dem „Todesarten“-Projekt befasst, zu dem auch das Flammeninferno des Romans „Malina“ (1972) zählt. War es da nicht konsequent, dass Leben und Werk in einem tödlichen Feuer miteinander verschmelzen? Was aber hätte es für den Mythos „Bachmann“ bedeutet, wenn sie nicht den Flammen zum Opfer gefallen wäre, sondern lediglich ihrer Drogensucht?

          Ina Hartwig: „Wer war Ingeborg Bachmann?“ Eine Biographie in Bruchstücken.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 320 Seiten, Abb., gebunden, 22 Euro.

          Ina Hartwig, lange Jahre als Journalistin tätig, seit 2016 Kulturdezernentin in Frankfurt, wertet die schriftlichen Quellen kenntnisreich aus. Vor allem aber verschafft sie sich ein lebendiges Bild vom Schicksal Ingeborg Bachmanns. Auf einer Berliner Party etwa unterhält sie sich zufällig mit einer Schriftstellerin, die als Kind in der Nachbarschaft von Heidi Auer lebte – über die Arztgattin konnte Bachmann ihre Tablettensucht befriedigen. „Und so ergab sich eines aus dem anderen“: Im Telefongespräch bestätigt die Tochter Heidi Auers, wie „maßlos“ und „freizügig“ die Eltern mit Medikamenten umgegangen waren.

          Dann ein Schnitt: In Rom fährt Hartwig die Strecke ab, die der Krankenwagen mit der verletzten Ingeborg Bachmann genommen hatte. Im Krankenhaus entdeckt sie die alten Wandtelefone, mit denen man einst in den Krankenzimmern anrufen konnte. Ihre Begleiterin, Ruth Beckermann, stellt ohne Erlaubnis eine Kamera auf. Polizisten greifen ein. Sie befinden sich in Alarmbereitschaft, weil eine Woche zuvor in Paris das islamistische Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ stattgefunden hat. Beckermann hat ihren Ausweis im Hotel vergessen, wird abgeführt und von einem Kommissariat ins nächste verfrachtet. Das eigentliche Delikt, die unerlaubten Filmaufnahmen, spielen keine Rolle mehr. „Die Aufnahmen hatten wir“.

          Für die Frage, wer den „Krieg am Sterbebett“ gewonnen hat, folgt daraus nichts. Unmerklich driftet Hartwig von einer Szene zur anderen, von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sie nutzt die Gunst der Stunde, zufällige Begegnungen, Funde bei Gelegenheit. Bisweilen vertieft sie ihre Analyse, bohrt sich in eine Fragestellung. Bachmanns politische Einstellung wird genauer durchleuchtet oder das zwiespältige Verhältnis zum Vater, einem NSDAP-Mitglied und Wehrmachtsoffizier. Manchmal begnügt Hartwig sich mit einem klugen Arrangement von Gerüchten, Meinungen und Erinnerungen, stellt die richtigen Fragen, lässt die Antwort jedoch offen.

          Ina Hartwig beherrscht die große Kunst der Beiläufigkeit

          Einige Recherchen belegen lediglich, wie unzuverlässig die Informationen sind. Bei der Suche etwa nach dem Berliner Domizil Ingeborg Bachmanns erinnert sich Peter Härtling genau an eine Wohnung im Parterre, Adolf Opel an eine im ersten Obergeschoss, und eine Nachbarin ist sich sicher, dass Ingeborg Bachmann im zweiten Stock gewohnt hat. Diese Angabe wird von einer Nachmieterin bestätigt. In den „Gesprächen mit Zeitzeugen“, die sich häufig spontan am „Rand einer Party oder einer Veranstaltung“ ergeben, verraten Enzensberger, Martin Walser oder Peter Handke womöglich mehr über sich als über Ingeborg Bachmann. Dieser locker-lose Zugriff verleiht der ganzen Darstellung etwas unaufdringlich Leichtes selbst dort, wo die Analyse in die seelischen Abgründe Bachmanns blickt. Ina Hartwig beherrscht die große Kunst der Beiläufigkeit.

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