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„Inferno“ von Dan Brown : Lasst allen Dante fahren

Bild: Vatikanische Bibliothek

Millionenauflage garantiert: Dan Brown schickt in „Inferno“ seinen Ermittler Robert Langdon zum vierten Mal auf die Spur einer Weltverschwörung. Das Zeichensystem liefert diesmal Dante.

          Den sechsundzwanzigsten Gesang seines „Inferno“, des ersten Teils der „Göttlichen Komödie“, beginnt Dante mit einem ironischen Lobpreis seiner Heimatstadt Florenz. In der wunderbaren Prosaübersetzung des jüngst verstorbenen Hartmut Köhler lautet es so: „Freue dich, Fiorenza, wo du doch so groß bist, dass über Land und See du die Flügel schlägst und dein Name sich auch in der Hölle verbreitet.“ Denn in der Unterwelt, die Dante beschreibt, finden sich viele Florentiner.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im letzten Kapitel von Dan Browns „Inferno“, dem gestern erschienenen neuen Roman des amerikanischen Bestseller-Autors, der von Dante nicht nur den Titel übernommen hat, heißt es vollkommen unironisch: „Langdon schoss ein Gedanke durch den Kopf. Wenn Dante gewusst hätte, welche Auswirkungen seine Dichtung noch Jahrhunderte später haben würde, in einer Zukunft, die nicht einmal der große florentinische Poet sich je hätte ausmalen können...was hätte er dazu gesagt?“

          Und Robert Langdon, der in Harvard lehrende Kunsthistoriker und Symbologe, der zum vierten Mal die Hauptrolle in einem von Browns Romanen spielt, beantwortet sich die Frage selbst: „Er hat das ewige Leben gefunden.“ Dazu hätte es weder Dan Brown noch das Geschehen in dessen neuem Buch gebraucht. Zumindest aber wird Dantes Werk nun auf einen Schlag ein paar Millionen Lesern mehr bekannt sein.

          Zweihundert Millionen verkaufte Romane

          Denn Brown hat bisher schon zweihundert Millionen Romane absetzen können - gewiss mehr, als Dante in siebenhundert Jahren gelesen wurde -, und es spricht alles dafür, dass das „Inferno“ des Amerikaners diese Zahl noch einmal erheblich steigern wird. Gestern erschien das Buch nicht nur in Amerika, sondern auch in zahlreichen Übersetzungen, darunter auch der deutschen. „Illuminati“, der erste Thriller, der sich um den Rätselknacker Robert Langdon drehte, hatte noch drei Jahre gebraucht, ehe er 2003 auf Deutsch herauskam, und für „The Da Vinci Code“, der hierzulande unter dem Titel „Sakrileg“ erschien und das erfolgreichste Buch von Dan Brown wurde, nahm man sich immer noch ein Jahr Übersetzungszeit.

          Dann explodierten auch hier die Verkaufszahlen, und um die Leser nicht in die Flucht ins englische Original zu treiben, setzte der Bastei-Lübbe Verlag auf den dritten Langdon-Roman, „Das verlorene Symbol“, 2009 gleich eine ganze Armada von Übersetzern an, so dass er schon zehn Tage nach der amerikanischen Publikation auf Deutsch zu lesen war. Aber auch das ist im Zeitalter des viralen Marketings zu lang. Deshalb wurden diesmal die Übersetzer aus aller Welt vorab in Mailand kaserniert (F.A.Z. vom 7.Mai), wo sie unter Bewachung arbeiten mussten, damit nur ja kein Sterbenswörtchen über die Handlung vorzeitig laut würde.

          Dan Browns Bücher sind schließlich keine Literatur, an deren Formen- oder Einfallsreichtum man sich berauschen könnte; sie sind profanes Lesefutter, das den Nährwert aus der Spannung generiert, die bei der Verfolgung eines möglichst winkelreichen Systems von Spuren entsteht. Wer einzelne Volten oder gar das Ende vorher kennt, wird von der Lektüre nicht mehr viel haben.

          Von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten

          Das ist in „Inferno“ nicht anders, aber die spezifisch Brownsche Erzählstrategie des think and run, die stete Abwechslung von erstaunlich geduldigen Überlegungen (die Handlung von „Inferno“ umfasst bei fast siebenhundert Seiten nur einen einzigen Tag) und temporeichen Verfolgungsjagden, lässt es gar nicht zu, sich über das sprachliche Niveau zu beklagen, das durch die amerikanismengesättigte Übersetzung von Axel Merz und Rainer Schumacher nicht eben gehoben wird.

          Und als publiziere Brown noch im Stile von Charles Dickens, nämlich von Fortsetzung zu Fortsetzung, endet jedes der insgesamt 104 Kapitel mit einem Paukenschlag. Dadurch fühlt man sich nach einem intensiven Lektüretag wie verprügelt. Dass Robert Langdon diesmal nach Florenz kommt und damit nach Rom in „Illuminati“ und Paris in „Sakrileg“ die dritte Kunstmetropole betritt („Das verlorene Symbol“ spielte in Washington, auch wenn es dort wieder um Kunst und deren geheime Botschaften ging), ist nichts, was man potentiellen Lesern verschweigen muss.

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