https://www.faz.net/-gqz-83v7d

Literatur in Indonesien : Was liest man denn so auf Sulawesi?

  • -Aktualisiert am

Die traditionelle indonesische Kultur ist performativ, nicht textbasiert: traditionelle Tanzaufführung Bild: Picture-Alliance

Indonesier widmen sich nicht gern anspruchsvollen Büchern. Noch nicht einmal in der Schule pflegt man die Nationalliteratur. Das könnte der Gastlandauftritt bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse womöglich ändern.

          5 Min.

          Alle Indonesier sagen, dass ihre Mitbürger ungern lesen. Schriftsteller, Literaturkritiker und Hochschullehrer klagen darüber. Die anderen stellen es so gleichgültig fest wie eine Vorliebe für Nasi Goreng oder eine Abneigung gegen Bratkartoffeln. Gleichzeitig aber gibt es nicht nur in der Hauptstadt Jakarta, sondern auch in den Einkaufszentren aller größeren Städte fast immer auch ein umfangreiches Buchgeschäft, häufig von einer der großen indonesischen Buchladenketten wie Gunung Agung und Gramedia.

          Letztere ist die größte dieser Ketten, und hinter ihr steht ein Unternehmen, das auch die literarisch wie kommerziell bedeutendsten Buchverlage des Landes, Gramedia Publishers nebst Ablegern, besitzt. Das gesamte Buchgeschäft von Gramedia verzeichnete bis 2010 nach eigenen Angaben ein jährliches Wachstum von bis zu dreißig Prozent. Und auch wenn es seitdem deutlich zurückgegangen ist, läuft das Geschäft doch so gut, dass die Zahl der Gramedia-Buchläden in den nächsten Jahren von 109 auf 129 Filialen steigen soll.

          Religiöse Romane und Erfolgsgeschichten

          Wenn man sich nun fragt, wie das zusammenpasst, die Wachstumsraten und das Klagen über das Nichtlesen, kommt man vor allem auf zwei Dinge: Zum einen beschränken sich die Buchläden auf die größeren Städte des Landes mit einer nennenswerten Mittelschicht – außerhalb dieser Zentren ist es mühsam bis unmöglich, an Literatur zu kommen. Zum anderen kaufen die Leser in den Buchläden nicht hauptsächlich anspruchsvolle Literatur. Die erfolgreichsten Genres in Indonesien sind sogenannte „islamische“ Romane mit religiös-muslimischem Hintergrund und „From zero to hero“-Bücher, motivierende Erfolgsgeschichten, wobei Erfolg fast ausschließlich materiell interpretiert wird.

          Nun ist es natürlich auch in anderen Ländern nicht so, dass die anspruchsvollsten Bücher die meisten Käufer fänden. Während sich in Deutschland aber doch auch einmal ein Jonathan Franzen, eine Siri Hustvedt oder ein Jan Wagner auf den Bestsellerlisten wiederfindet, gilt im 250-Millionen-Einwohner-Land Indonesien ein Nicht-Genre-Roman bereits als großer Erfolg, wenn von ihm 10.000 Exemplare verkauft werden. Zum Vergleich: Religiöse Romane und Erfolgsgeschichten verkaufen sich regelmäßig zu Hunderttausenden. Habiburrahman El Shirazys islamischer Roman „Ayat-Ayat Cinta“ (2004) verkaufte sich sogar mehr als eine Million Mal und begründete den Trend so erst mit.

          Zeichen der Zuversicht: Der indonesische Autor Ahmad Tohari (r) und Sri Kuwati auf der Buchmesse in Leipzig

          Um mehr Indonesier zum Buchkauf zu animieren, setzen die Verlage auch auf kleine Tricks. Ein beliebter ist, dass Übersetzungen aus dem Englischen ins Indonesische häufig ihren Originaltitel behalten. Der soll Weltläufigkeit signalisieren und dem Käufer einen sozialen Distinktionsgewinn verschaffen. Inzwischen wird dieses Erfolgsrezept auch auf die Buchtitel indonesischer Autoren angewandt: Die jüngste Veröffentlichung der Starautorin Ayu Utami etwa heißt „Simple Miracles“. Der Rest des Buches ist auf Indonesisch, es wurde auch noch nicht ins Englische übersetzt. Sie habe sich lang gewehrt, erzählt Utami, aber am Ende nachgegeben und gesagt: na gut, wenn es helfe, mehr Leser zu finden.

          Lieber tanzen als lesen

          Wenn man über die Leseunlust vieler Indonesier spricht, was anspruchsvolle Literatur betrifft, den vergleichsweise geringen Stellenwert, den Politik und Gesellschaft ihr geben, kommt man an der Geschichte des Landes nicht vorbei. Die traditionelle indonesische Kultur ist performativ, nicht textbasiert. Die beliebtesten Künste sind der Tanz und das „Wayang Kulit“, das traditionelle Schattenspiel, meist von Gamelan-Musik begleitet. Mit ihm wurden und werden nicht immer wieder neue Inhalte auf die Bühne gebracht, sondern vor allem die großen alten indischen Epen „Ramayana“ und „Mahabharata“ mündlich tradiert.

          Darüber hinaus muss man immer bedenken, dass eine Alphabetisierung weiter Bevölkerungsanteile über eine schmale Elite an den Höfen des Inselarchipels hinaus in Indonesien nur sehr spät stattgefunden hat. Die holländischen Kolonialherren begannen erst mit Einführung der sogenannten „ethischen Politik“ ab 1901, einem – prozentual kleinen und nur sehr langsam wachsenden – Teil der einheimischen Bevölkerung eine westliche Ausbildung zu ermöglichen. Noch zur Jahrhundertwende waren kaum mehr als zwei Dutzend Einheimische auf einer weiterführenden Schule.

          Nun weiß man aus der Leseforschung, dass vor allem eins wichtig ist, um aus Kindern spätere begeisterte Leser zu machen, nämlich, ob Kindern im Elternhaus eine Wertschätzung von Büchern vorgelebt wird: ob etwa Kleinkindern vorgelesen wird und ob die Eltern selbst gern lesen. Selbst in den westlichen Industrieländern trifft das nur auf eine bildungsorientierte Mittelschicht zu. In Indonesien ist so eine Schicht im großen Maßstab immer noch erst im Entstehen begriffen.

          Nur Lippenbekenntnisse

          Trotzdem könnte die aktuelle indonesische Politik einiges unternehmen, um das Lesen zu fördern – als Erstes in der Schule. Denn gerade dort, wo die Pflege der Literatur des Landes als lebendiges Erbe eigentlich stattfinden sollte, tut sie das nicht oder nicht mehr. Indonesien dürfte eines der wenigen Länder der Welt sein, in dem die nationale Literatur bereits seit der Regierungszeit Suhartos nicht mehr Teil des schulischen Curriculums ist. Folglich werden selbst indonesische Klassiker im Unterricht gar nicht oder wenn doch einmal, dann im Wahlfach Literatur in Auszügen gelesen.

          Erfolgsgeschichten verkaufen sich gut in Indonesien, wobei Erfolg fast ausschließlich materiell interpretiert wird.

          Das führt mitunter zu bizarren Erlebnissen, von denen etwa die preisgekrönte junge Schriftstellerin Okky Madasari berichtet. Sie wurde zusammen mit anderen Autoren von der norwegischen Botschaft dafür rekrutiert, indonesischen Schülern den Dramatiker Henrik Ibsen nahezubringen. Als sie bei einer dieser Veranstaltungen in einer der besseren Schulen Jakartas auch einmal Bücher von Pramoedya Ananta Toer und Achdiat Karta Mihardja hochhielt – moderne indonesische Klassiker, die zum geistigen Grundbestand jedes indonesischen Intellektuellen gehören – und fragte, wer diese Autoren oder ihre Bücher kenne, habe sich kein einziger Schüler gemeldet. „Und das war in einer der besten Schulen von Jakarta!“, klagt Madasari. „Was für eine Chance haben dann Schüler auf Sulawesi oder Papua, unsere Literatur kennenzulernen?“ Die Antwort darauf muss wohl lauten: gar keine – oder jedenfalls eine verschwindend geringe. Dass viele Schulen und Universitäten sogenannte „duta baca“, Lesebotschafter, wählen, die ihre Mitschüler und Kommilitonen vom Nutzen des Lesens überzeugen sollen, mag demgegenüber eher als Folklore erscheinen.

          Bekundungen durch offizielle Stellen, das Lesen fördern zu wollen, hält der Amerikaner John McGlynn für Lippenbekenntnisse. Er kam in den siebziger Jahren nach Indonesien, um die Kunst des Schattenspiels zu studieren, verliebte sich in das Land und seine Literatur und blieb. 1987 gründete er mit einer Gruppe befreundeter indonesischer Schriftsteller die Lontar Foundation. Die in Jakarta ansässige Stiftung hat seitdem mehr als jede andere Institution dafür getan, die Sichtbarkeit indonesischer Literatur für eine internationale Öffentlichkeit zu erhöhen.

          Vorsichtig zuversichtlich stimmende Entwicklungen

          Im hauseigenen Verlag hat Lontar bis heute fast 200 Bücher veröffentlicht, darunter Übersetzungen zahlreicher moderner indonesischer Klassiker ins Englische ebenso wie eine dreibändige Dramen-Anthologie, der bis zur Frankfurter Buchmesse noch Anthologien moderner indonesischer Poesie und Kurzgeschichten, ebenfalls auf Englisch, zur Seite gestellt werden sollen. McGlynn, der auch maßgebliche Lobby-Arbeit dafür geleistet hat, dass Indonesien in diesem Jahr Gastland der Buchmesse wird, sieht den geringen Stellenwert der Literatur in Indonesien dafür verantwortlich, dass das Kulturministerium unter der im letzten Jahr abgelösten Regierung sehr lange dafür gebraucht habe, die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse zu begreifen.

          Das hat sich unter dem neuen Kulturminister Anies Baswedan geändert. Nun hofft die indonesische Literaturszene darauf, dass der Auftritt als Gastland im Herbst langfristig positive Anstöße mit sich bringen wird. Es gibt aber auch andere vorsichtig zuversichtlich stimmende Entwicklungen. So gibt es inzwischen immerhin schon drei jährlich stattfindende Literaturfestivals in dem riesigen Land.

          Das älteste und bekannteste ist das seit 2003 bestehende „Ubud Writers and Readers Festival“ auf Bali, das namhafte indonesische und internationale Schriftsteller zusammenbringt. Seit dem letzten Jahr gibt es auch in der Hauptstadt Jakarta ein Literaturfestival, das „ASEAN Literary Festival“, welches Autoren aus ganz Indonesien mit ihren Kollegen aus den südostasiatischen Nachbarländern zusammenführen möchte. Und in Makassar auf der Insel Sulawesi konzentriert sich seit jetzt bereits fünf Jahren das „Makassar International Writers Festival“ auf den östlichen, häufig als kulturell vernachlässigt geltenden Teil des Inselarchipels. Einige weitere Festivals, die unregelmäßig oder in größeren Abständen stattfinden, kommen hinzu. Von Ubud abgesehen, sind die Festivals fast durchweg kostenlos für Besucher, wie überhaupt viele literarische Veranstaltungen in Indonesien. Was auch zeigt, dass es durchaus möglich ist, finanzielle Unterstützung durch die lokale Politik und private Unternehmen für die Sache der Literatur zu gewinnen. Und das Publikum ist auffällig jung – die meisten sind Oberschüler und Studenten.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Andernorts ergibt sich die Dringlichkeit der Präsentation aus der Umgebung. Im neoklassizistischen Palast am Wannsee muss sie mit kuratorischen Mitteln erzwungen werden.

          Haus der Wannseekonferenz : Was wir fühlen sollen

          Von einer Gedenkstätte zum Geschichtsmuseum: In der neuen Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz soll der Holocaust nicht nur als historisches Geschehen, sondern als stets gegenwärtige Mahnung begriffen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.