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Literatur in Indonesien : Was liest man denn so auf Sulawesi?

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Lieber tanzen als lesen

Wenn man über die Leseunlust vieler Indonesier spricht, was anspruchsvolle Literatur betrifft, den vergleichsweise geringen Stellenwert, den Politik und Gesellschaft ihr geben, kommt man an der Geschichte des Landes nicht vorbei. Die traditionelle indonesische Kultur ist performativ, nicht textbasiert. Die beliebtesten Künste sind der Tanz und das „Wayang Kulit“, das traditionelle Schattenspiel, meist von Gamelan-Musik begleitet. Mit ihm wurden und werden nicht immer wieder neue Inhalte auf die Bühne gebracht, sondern vor allem die großen alten indischen Epen „Ramayana“ und „Mahabharata“ mündlich tradiert.

Darüber hinaus muss man immer bedenken, dass eine Alphabetisierung weiter Bevölkerungsanteile über eine schmale Elite an den Höfen des Inselarchipels hinaus in Indonesien nur sehr spät stattgefunden hat. Die holländischen Kolonialherren begannen erst mit Einführung der sogenannten „ethischen Politik“ ab 1901, einem – prozentual kleinen und nur sehr langsam wachsenden – Teil der einheimischen Bevölkerung eine westliche Ausbildung zu ermöglichen. Noch zur Jahrhundertwende waren kaum mehr als zwei Dutzend Einheimische auf einer weiterführenden Schule.

Nun weiß man aus der Leseforschung, dass vor allem eins wichtig ist, um aus Kindern spätere begeisterte Leser zu machen, nämlich, ob Kindern im Elternhaus eine Wertschätzung von Büchern vorgelebt wird: ob etwa Kleinkindern vorgelesen wird und ob die Eltern selbst gern lesen. Selbst in den westlichen Industrieländern trifft das nur auf eine bildungsorientierte Mittelschicht zu. In Indonesien ist so eine Schicht im großen Maßstab immer noch erst im Entstehen begriffen.

Nur Lippenbekenntnisse

Trotzdem könnte die aktuelle indonesische Politik einiges unternehmen, um das Lesen zu fördern – als Erstes in der Schule. Denn gerade dort, wo die Pflege der Literatur des Landes als lebendiges Erbe eigentlich stattfinden sollte, tut sie das nicht oder nicht mehr. Indonesien dürfte eines der wenigen Länder der Welt sein, in dem die nationale Literatur bereits seit der Regierungszeit Suhartos nicht mehr Teil des schulischen Curriculums ist. Folglich werden selbst indonesische Klassiker im Unterricht gar nicht oder wenn doch einmal, dann im Wahlfach Literatur in Auszügen gelesen.

Erfolgsgeschichten verkaufen sich gut in Indonesien, wobei Erfolg fast ausschließlich materiell interpretiert wird.

Das führt mitunter zu bizarren Erlebnissen, von denen etwa die preisgekrönte junge Schriftstellerin Okky Madasari berichtet. Sie wurde zusammen mit anderen Autoren von der norwegischen Botschaft dafür rekrutiert, indonesischen Schülern den Dramatiker Henrik Ibsen nahezubringen. Als sie bei einer dieser Veranstaltungen in einer der besseren Schulen Jakartas auch einmal Bücher von Pramoedya Ananta Toer und Achdiat Karta Mihardja hochhielt – moderne indonesische Klassiker, die zum geistigen Grundbestand jedes indonesischen Intellektuellen gehören – und fragte, wer diese Autoren oder ihre Bücher kenne, habe sich kein einziger Schüler gemeldet. „Und das war in einer der besten Schulen von Jakarta!“, klagt Madasari. „Was für eine Chance haben dann Schüler auf Sulawesi oder Papua, unsere Literatur kennenzulernen?“ Die Antwort darauf muss wohl lauten: gar keine – oder jedenfalls eine verschwindend geringe. Dass viele Schulen und Universitäten sogenannte „duta baca“, Lesebotschafter, wählen, die ihre Mitschüler und Kommilitonen vom Nutzen des Lesens überzeugen sollen, mag demgegenüber eher als Folklore erscheinen.

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