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Indische Literatur : Zwischen Bombay und Berlin

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Hinduismus vor Hochhäusern: Eine Statue des Gottes Ganesh wird vor der Kulisse Bombays ins Meer getaucht Bild: dpa

Auf dem internationalen Buchmarkt haben es die Bücher in den zahlreichen indischen Sprachen schwer. Dabei ist die Literatur des Subkontinents viel reicher als ihr englischsprachiger Teil. Ein Überblick über die wichtigsten Titel.

          6 Min.

          Wer in die indische Literaturlandschaft blickt, wird eines nur schwer erreichen: Überblick. Trotz aller Bemühungen von Vermittlern und Übersetzern kann sich der deutsche Leser momentan nur einen profunderen Eindruck von der englischsprachigen Literatur des Subkontinents verschaffen. Der erfolgreiche Roman über Dostojewskij in der Malayalam-Sprache bleibt uns ebenso unbekannt wie die neueste Dichtung auf panjabi. Aber nicht nur uns: Selbst die indischen Intellektuellen kennen den literarischen Reichtum ihres eigenen Landes kaum, sei es, weil sie aus kultureller Arroganz Englisch vorziehen, sei es, weil sie beim besten Willen nicht mehr als einige der sechzehn offiziellen Sprachen des Landes beherrschen können. Übersetzungen zwischen den indischen Sprachen sind weiterhin Mangelware.

          Die traditionell bedeutendsten Dichter Indiens - Lal Ded, Kabir, Tukaram, Bharati, Ghalib, Tagore - haben nicht auf englisch geschrieben, und die episch-religiösen Werke, die das geistige Leben Indiens bis in unsere Zeit hinein beeinflussen, wurden auf sanskrit verfaßt: das Mahabharata und das Ramayana. Trotz der etwas schwerfälligen Bemühungen des National Book Trust, bei der Frankfurter Buchmesse einen repräsentativen Querschnitt der gegenwärtigen indischen Literatur vorzustellen - die Rahmenbedingungen des internationalen Buchmarktes und die Probleme der sprachlichen und kulturellen Übertragung erschweren den Zugang zur nicht-englischsprachigen Literatur.

          Die aufregendste Neuerscheinung: über 50 Jahre alt

          Um so mehr sollte man die wenigen Angebote aufmerksam würdigen. Die aufregendste Neuerscheinung dieses Herbstes ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt, verfaßt auf urdu von einem Autor, der chronisch verschuldet war, mit provozierender Direktheit über Sex und Gewalt schrieb, von der eigenen Ehefrau in eine Irrenanstalt eingeliefert wurde und mit 42 Jahren am Alkoholismus zugrunde ging. Saadat Hasan Mantos Leben war kein glückliches und oft auch kein würdiges, aber unter den 250 Kurzgeschichten, die er hinterlassen hat, finden sich einige der kunstvollsten Beispiele des Genres.

          Der Verlag vergleicht ihn zu Recht mit Isaak Babel, der groteske Humor und die anekdotische Zuspitzung erinnern an Bruno Schulz oder Wolfgang Borchert, und der skizzenhafte, satirische Stil an die graphischen Arbeiten von George Grosz. Auch Saadats Leben war geprägt von Krieg und Gewalt. Als 1947 die Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan erfolgte, ein administrativer Akt, auf den grausame ethnisch-religiöse Säuberungen folgten, beschloß er, von Bombay, wo er als Drehbuchautor begehrt war, nach Pakistan zu ziehen, eine Entscheidung, die er bis zu seinem Lebensende bitter bereute, denn er fand, wie er selber sagte, „keinen Platz in diesem neuen Staat“.

          Für den Rucksack jedes Indienreisenden

          Die einst blühende Filmindustrie von Lahore lag danieder; die Gerichte verboten einige seiner Geschichten wegen „Pornographie“. Zudem steigerte sich die Gesellschaft um ihn herum in eine heuchlerische Religiosität hinein. Als brillante und gnadenlose Kritik jenes Übergangs lesen sich seine Geschichten heute als Kommentare zu einem Zeitgeist, der einer symbolüberfrachteten, sinnentleerten Rhetorik huldigt. In der Erzählung „Toba Tek Singh“ beschließen die Regierungen von Indien und Pakistan, auch die Insassen ihrer Irrenanstalten auszutauschen. Was darauf folgt, sollte in den Abendnachrichten in Delhi und Islamabad vorgelesen werden, so klar desavouiert es den Wahn einer künstlichen patriotischen Identität, die sich abgrenzen muß, um sich selbst zu finden, und die schließlich im Niemandsland liegenbleibt.

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