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Indische Literatur : Zwischen Bombay und Berlin

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Die größte aller Blasphemien

Dies ist die erste von vielen Gewalttaten, mit denen Zia versucht, die vermeintlichen Aufträge Gottes zu erfüllen, die sich in seinem Kopf stauen. Als Student in Cambridge fühlt er sich berufen, den satanischen Salman Rushdie mit dem Tod zu bestrafen, doch als er ihm endlich bei einem Literaturfest begegnet, stellt er fest, daß sein Revolver nicht geladen ist - sein älterer Bruder Amanat hat heimlich die Kugeln aus der Waffe entfernt. Amanat ist das Gegenstück zu Zia; er hat, aus der Erfahrung heraus, daß Spiritualität zweifeln bedeutet, ein Buch über den mystischen Rebellen Kabir geschrieben, eine mittelalterliche Ikone in Indien, die von allen Seiten vereinnahmt wird. Nagarkar zitiert Ausschnitte aus diesem Buch, die von so einleuchtender Weisheit sind, daß der fanatische Bruder die Lektüre kaum aushält und schließlich auch seinen eigenen Bruder zu erdolchen versucht.

Kaum hat man die Richtung des Romans erkannt, entführt uns Nagarkar in ein Trappistenkloster, wo wir einen Mönch namens Lucens kennenlernen, der sich als christliche „Wiedergeburt“ von Zia erweist. In einigen der dichtesten Stellen des Romans wird das Kloster in der Sierra Nevada als Versuchslabor verschiedener Zugänge zu Gott beschrieben. Am Ende bleibt der Leser im positiven Sinne verstört zurück. Nagarkar hat ein imposantes Buch über die Selbstgerechtigkeit des Gläubigen geschrieben. Am Ende glaubt man begriffen zu haben, daß der Fanatiker die größte aller Blasphemien begeht: im Namen Gottes alles besser wissen zu wollen.

Riajvinder Singh, ein Dichter aus Berlin

Indien ist jedoch auch ein Land der Lyrik. Eine Reihe neuer Anthologien führt kundig durch die enorme Vielfalt an Themen und Ausdrucksformen, doch erstaunlicherweise erscheint jetzt nur ein Gedichtband eines jüngeren indischen Dichters: Ranjit Hoskotés „Die Ankunft der Vögel“ (Hanser-Verlag). Hoskoté ist treuer Apostel einer Tradition, die er selber entfaltet. Die Referenzpunkte seines Schreibens sind von eklektischer Eigensinnigkeit. Er verknüpft Familienerinnerung mit Weltgeschichte, den Dialog mit der mystischen Dichterin Lal Ded aus dem Kaschmir des 15. Jahrhunderts mit der poetischen Vereinnahmung der Gemälde von Francis Bacon. In seinen Gedichten offenbaren sich durch überraschende Nachbarschaft unvermutete Verwandtschaften, die immer wieder der eigenen Weltsicht widersprechen. Diese Technik erinnert an die Parabeln von Sufi-Mystikern oder an die Gedichte Kabirs, der seine Zuhörer zu provozieren versuchte, indem er Sinn und Sprache bis an die Grenze des Surrealen oder gar des Nonsens erschütterte. Hoskoté, ein mitfühlender Skeptiker, geht nicht soweit - dazu fehlt es ihm an einer missionarischen Motivation. Aber er verfaßt Gedichte, die unverschämt gut sind.

Rajvinder Singh, ein Dichter aus dem Panjab, lebt seit zwanzig Jahren in Berlin, und er schreibt kontinuierlich Gedichte (sie erscheinen im Lotos-Verlag), welche die Distanz zur Sprache ihrer Entstehung reflektieren. Jedes ist ein kleines memento vitae, von einer inszenierten Flüchtigkeit, als würde ein Passant einem etwas zuflüstern, bevor er um die Ecke biegt. Und mögen aus vielen indischen Sprachen auch kaum Gedichte den Weg zu uns finden - wir können uns derweil mit jenen trösten, die auf deutsch geschrieben werden.

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