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Indische Literatur : Zwischen Bombay und Berlin

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1997 erschien ein ganz schmaler Band mit einigen von Saadats Geschichten im Lotos-Verlag, seit Jahren der zuverlässigste Vermittler indischer Literatur, unter dem Titel „Blinder Wahn“. Die schöne Ausgabe der Suhrkamp-Bibliothek bietet nun eine reichhaltigere Auswahl, die in den Rucksack jedes Indienreisenden gehört. Denn in einem hatte dieser großartige Autor völlig recht: „Saadat Hasan wird eines Tages sterben, doch Manto wird niemals vergehen.“

Zwischen „Chutneysierung“ und Containersprache

Nun könnte man argumentieren, wenn die eigene Sprache schon international keine Chance habe, dann müsse man eben die englische Sprache zu einer indischen umformen. Chinua Achebe, der große alte Mann der afrikanischen Literatur, hat diese postkoloniale Haltung einmal so formuliert: „Ich werde mich so lange in der englischen Sprache aufhalten, bis man ihr das anmerkt.“ Vorbereiter dieses Weges in Indien war der exzentrische Außenseiter Govindas Vishnoodas Desani. Sein einziger Roman „All about Hatarr“ ist reinste Sprachalchimie, beschworen mit unkanonischen Mantras der Hybridität, und daher - davon hat mich ein gescheiterter Selbstversuch überzeugt - unübersetzbar. Die Zöglingshaltung der Babus, britisch dressierter indischer Bürokraten, wird entlarvt anhand ihrer eigenwilligen Lexik und Satzstellung.

Salman Rushdie hat, als erfolgreichster Schüler von Desani, die stilistische „Chutneysierung“ wie kein anderer vorangetrieben. Doch trotz des Erfolges ist kaum ein zeitgenössischer Autor seinem Beispiel gefolgt. Die meisten Werke, die dieser Tage auf deutsch erscheinen, sind in einer glatten Containersprache geschrieben, die in Vancouver ebenso leicht wie in Wellington konsumiert werden kann. Vielen Autoren ist zudem eine - gewiß auch biographisch bedingte - Entfremdung von den Realitäten Indiens anzumerken, die von den Lesern, überwiegend mit dem Sujet der Bücher unvertraut, nicht bestraft wird.

Vom literarischen Wert eines Nintendo-Spiels

Shashi Tharoor und Vikas Swarup sind Diplomaten, Kiran Desai und Jhumpa Lahiri leben wie viele andere „indische“ Autoren in Amerika. Swarups Erfolgsroman „Rupien Rupien“ ist ein Paradebeispiel für das Branding der globalisierten indischen Literatur. Eine unglaubwürdige, dafür aber um so deftigere Jugendgeschichte wird eingebettet in eine Rahmenhandlung, die internationalen Wiedererkennungswert hat: Der Held hat beim Fernsehquiz „Wer wird Milliardär?“ gewonnen und wird als Mann aus den unteren Schichten des Betrugs angeklagt. Die Beschreibungen klingen touristisch, jedes Klischee kommt zum Einsatz, und die Szenen in dem Dharavi-Slum in Bombay sind teilweise so abwegig, daß man sich fragt, ob der Autor jemals dort war.

„Rupien Rupien“ hat den literarischen Wert eines Nintendo-Spiels, findet aber weltweit einen reißenden Absatz, der dem zur Zeit wohl bedeutendsten unter den in Indien lebenden Prosaautoren, Kiran Nagarkar, versagt bleibt. Seine Romane finden in England oder in Amerika keinen Verleger. Wir haben es den Bemühungen des A1-Verlages zu verdanken, daß in diesem Herbst schon sein dritter Roman auf deutsch erscheint, mit dem vielversprechenden Titel „Gottes kleiner Krieger“. Nagarkar hat eine dichte Romanstudie über einen intelligenten, begabten und neurotischen Menschen verfaßt, der, wo andere Schattierungen erkennen, nur schwarz und weiß sieht. Obwohl Zia im multikulturellen und religiös vielfältigen Bombay aufwächst, drängt es ihn schon in jungen Jahren, die Sündhaftigkeit der Welt zu bekämpfen. Von seiner Tante als Auserwählter indoktriniert, versucht er, den räudigen Hund eines Straßenhändlers mit seinem Taschenmesser umzubringen.

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