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James Lovelock wird 100 : Sie werden uns nicht töten

Nach dem Anthropozän: Elektronisches Leben entwickelt nach Lovelocks Dafürhalten seinen eigenen Lebenscode und wird zur Krone der menschlichen Schöpfung. Bild: Picture-Alliance

Kein Krieg, keine Öko-Apokalypse: Der Weltdeuter James Lovelock wird am Freitag hundert Jahre alt und feiert in seinem neuen Buch „Novozän“ die Zukunft einer von künstlicher Intelligenz beherrschten Erde.

          Gedanklich sind die meisten, die sich intensiv mit dem ökologischen Zustand unseres Planeten auseinandersetzen, stets nur einen Fußbreit von der Apokalypse entfernt. Man hadert mit der Gegenwart, mit der Vergangenheit sowieso, vor allem aber mit der Gattung Mensch und seinem ökologischen Management – und damit mit der Zukunft. Wer da auszubrechen versucht, ist entweder sehr jung, zählt sich politisch zur Generation Thunberg und fordert eine radikale Umkehr oder frönt einem horrenden Fortschrittsoptimismus. Der unverwüstliche James Lovelock hat sich jetzt endgültig an die Spitze dieser zweiten Gruppe gestellt – in einem Alter, in dem man mit Technikeuphorie nicht unbedingt rechnet. Lovelock wird heute hundert Jahre alt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein ökologisches Urgestein mit einer großen Utopie also. Der englische Chemiker und Weltdeuter, der vor vielen Jahrzehnten die These vom Organismus Erde entwickelt und sich mit „Gaia“ zugleich wissenschaftlich ins Abseits gestellt hat, weil er viel Kreativität, aber wenig Empirie in die naturwissenschaftliche Waagschale geworfen hatte, ist kein Ökologe oder Gelehrter im klassischen Sinne. Er ist mittlerweile zwar Visiting Fellow an der Universität Oxford, doch im Grunde war er stets ein unakademischer, unabhängiger Praktiker: ein Ingenieur und Erfinder.

          Begründer der Gaia-Hypothese und genialer Erfinder: James Lovelock, 100, lebt in seiner Heimat im Südwesten Englands.

          Eine Reihe von Sensoren hat Lovelock entwickelt, die von der Nasa auf den Mond und zur Erkundung außerirdischen Lebens auf den Mars gebracht wurden. Er hat die entscheidenden Techniken geliefert, mit denen in den siebziger Jahren die ozonschädlichen und später verbotenen Fluorchlorkohlenwasserstoffe in der Atmosphäre nachgewiesen wurden. Und nicht nur dieser Technophilie wegen, sondern auch wegen seines breiten Wissens um die Mechanismen der Evolution und die Selbstheilungskräfte der Natur glaubte Lovelock nie wirklich an den Untergang.

          Beschönigt hat Lovelock dabei nichts, die Überhitzung des Planeten etwa hält er für eine der größten realen Gefahren der Zukunft. Lovelock nimmt die vielen Bedrohungen sehr wohl wahr, die der Mensch seit der Erfindung der Dampfmaschine zu verantworten hat, aber er sieht darin nicht den Anfang einer planetaren Katastrophe. Er glaubt an das „gute Anthropozän“. Diese nach dem Menschen benannte Epoche ist für ihn nur ein Durchlauferhitzer auf dem Weg zur Durchsetzung kosmischer Intelligenz.

          Die Herrschaft der Hyperintelligenz

          In „Novozän“, so der Titel seines, wie es im Vorwort heißt „letzten Buches“, beschreibt er seine Spekulationen sehr anschaulich: wie der Mensch als vorletzte evolutionäre Instanz von Gaia den Weg ebnet für eine „IT-Gaia“ – eine Erde, auf welcher der Mensch und alles andere organische Leben zwar geduldet, aber längst dem elektronischen Leben heillos unterlegen sein werde. Die Herrschaft der hyperintelligenten Maschinen ist für Lovelock unausweichlich. Zu groß sind die Defizite und Grenzen der organischen Evolution verglichen mit dem Potential der Technik. „Wir haben unseren Part erledigt. Wir sind die Eltern und Geburtshelfer, doch Gleiche können wir unmöglich sein.“ Sie, die elektronischen Nachfolger als mächtigste, sich reproduzierende Lebensform auf dem Planeten, „werden uns wahrscheinlich sehen, wie wir heute die Pflanzen sehen – als Wesen, die mit ihren unfassbar langsamen Prozessen der Wahrnehmung und des Handelns Gefangene ihrer selbst geworden sind“.

          Lovelock sieht sein essayistisches Finale mit diesem schmalen Buch nicht nur als intellektuelles Gegenprogramm zu den ökologischen Dystopien unserer Tage. Er will auch dem KI-Katastrophismus, wie ihn Tesla-Gründer Elon Musk oder Stephen Hawking verbreitet haben, eine posthumanistisch friedliche Perspektive entgegensetzen. Die Ablösung des Menschen durch Künstliche Intelligenzen, die telepathisch Informationen austauschen und auch sonst unermessliche Superkräfte besitzen sollen, werde ohne Krieg ablaufen, prophezeit Lovelock. Er beschreibt das mit einer so tiefen inneren Überzeugung und einer so klaren Sprache, dass man sich fast wünscht, die paar Jahrzehnte, die das Anthropozän noch dauern soll, mögen schnell vorübergehen. Zu bereuen gibt es nichts, „wir haben unseren Part gespielt“.

          James Lovelock: „Novacene“. The Coming Age of Hyperintelligence. Allen Lane, London 2019. 160 S., geb., 16,90 .

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