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Zum Tod von Harper Lee : In der Hitze des Südens

Harper Lee 1926 - 2016 Bild: AP

Mit „Wer die Nachtigall stört“ schuf Harper Lee ein großes Buch über den amerikanischen Süden. Danach zog sie sich in ihre Heimatstadt zurück. Was bleibt von ihr?

          6 Min.

          Vielleicht könnte man diese berühmte Frage auch einmal anders stellen. Vielleicht könnte man also einmal nicht danach fragen, welches Buch man mit auf die einsame Insel nehmen würde, wenn man nur ein einziges aussuchen dürfte, sondern: Welches Buch man dort schreiben würde, wenn man nur eines schreiben könnte.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dann würde man eine Ahnung davon bekommen, wie schwer es ist, ein Buch zu schreiben, von dem andere sagen, wenn sie danach gefragt werden: Ja, dieses eine Buch würde ich mit auf meine einsame Insel nehmen, wenn ich nur eines mitnehmen dürfte.

          Denn es müsste, in diesem einen Buch, dann ja alles drinstecken: Liebe und Tod, Geheimnis und Verrat, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Verlust der Unschuld, Erkenntnis und Verwandlung, Freunde und Familie, Feinde, die Jahreszeiten, Politik und Verbrechen, Jugend und Erinnerung, Gewehre, Messer, böse Hunde und gutes Essen. Es müsste einem warm werden beim Lesen und eiskalt, man müsste Angst bekommen und vor Überraschung laut lachen, und heulen müsste man, das ganz besonders. Und gut geschrieben müsste es natürlich auch noch sein, das heißt: Jede Menge kleine unvergessliche Sätze müsste das Buch haben. Und am Ende ginge zwar nicht alles gut aus – das wäre in einer Welt, in der nach aller Erfahrung ja sowieso nie alles gut wird, weil die Menschen halt so sind, dann doch zu unwahrscheinlich. Aber zumindest wären ein paar Dinge etwas besser als noch davor.

          Schweigen nach dem großen Erfolg

          Die amerikanische Schriftstellerin Harper Lee hat dieses eine einzige Buch geschrieben. Sie hatte das nicht so geplant, dass es dieses eine einzige Buch bleiben würde, aber so ist es gekommen. Und mit diesem einen Buch hat sie sich dann auf ihre Insel zurückgezogen: Das war ihre Geburtsstadt Monroeville, sie liegt in Alabama, im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika, die ein anderes Land wären, wenn es Harper Lees einziges Buch nicht gegeben hätte: „To Kill a Mockingbird“ heißt es, auf Deutsch „Wer die Nachtigall stört...“, erschienen am 11. Juli 1960. Es hat sofort den Pulitzer-Preis bekommen, es wurde 1962 verfilmt, der Film bekam dann drei Oscars (unter anderem einen für Gregory Peck, der die Hauptrolle spielte), es wurde Schullektüre, und es wurde vor allem umso einzigartiger, je länger Harper Lee schwieg. Und nichts mehr veröffentlichte, nicht mehr mit der Presse sprach, sondern einfach nur lebte, wie ein ganz normaler Mensch, der ein Buch geschrieben hat, das sich vierzig Millionen Mal verkaufte.

          Und auch wenn ihr amerikanischer Verlag, unterstützt von Harper Lees Anwältin, den Lesern auf der ganzen Welt im vergangenen Jahr weismachen wollte, dass es da ja überraschenderweise doch noch ein zweites Buch gegeben hätte und das dann auch gleich herausbrachte: Dieses vermeintliche zweite Buch, „Go Set a Watchman“, auf Deutsch „Gehe hin, stelle einen Wächter“, war nichts anderes als eine frühe, aber verworfene Variante des ersten. Eine Vorstufe. Nein: eigentlich nur Material. Ein Manuskript, das von der Autorin und ihrer Lektorin Tay Hohoff zwei Jahre lang Ende der Fünfziger komplett umgearbeitet wurde, zeitlich, formal, motivisch. Figuren kamen dazu, verschwanden ganz oder wurden auf den Kopf gestellt. So gewaltig hatte Harper Lee den Text umgearbeitet, dass sie ihn danach weglegte (so wie man vielleicht Notizen zu einem Brief aufhebt, den man in Schönschrift abschickt).

          Rassistische Justiz

          Bis ihre Anwältin Tonja Carter den Text in Lees Papieren fand. Wie und wann genau das passiert sein soll, hat Tonja Carter mal so, mal so erklärt. Widersprüche, ungute Gefühle, Sensationen: Das Buch verkaufte sich jedenfalls rekordverdächtig schnell und gut. Seine gebrechliche Autorin, die bei klarem Verstand der Veröffentlichung zugestimmt haben soll, lebte da schon seit einiger Zeit in einem Pflegeheim. Ihre ältere Schwester, lebenslange Vertraute und Anwältin Alice war im Herbst 2014 gestorben, zu der Zeit, als das Manuskript aufgetaucht sein soll. Wie es nun auch genau gewesen ist: Der Erfolg und Reiz von „Go Set a Watchman“ lebt einzig und allein vom Erfolg und Reiz von „To Kill a Mockingbird“, davon also, dass es bis dahin nur ein einziges Buch von Harper Lee gegeben hatte. Es gab nur eins, es gibt auch nur eins.

          Mitte der dreißiger Jahre des 20.Jahrhunderts, so beginnt „To Kill a Mockingbird“. Ein Junge und ein Mädchen und ihr Vater, die Mutter lebt nicht mehr. Der Vater ist Anwalt, ein berühmter und beliebter Mann in seiner Heimatstadt, Maycomb in Alabama. Atticus Finch, so heißt der Vater, zieht seine Kinder allein auf, mit Hilfe von Calpurnia, der schwarzen Haushälterin. Die Kinder – die neunjährige Scout, der zwölfjährige Jem – nennen ihren Vater übrigens auch Atticus. Was ihre Tante Alexandra ziemlich aufregt, weil die nach Maycomb gekommen ist, um aus Scout eine Dame zu machen. Scout, die eigentlich Jean-Louise heißt, will aber keine Dame werden, sie will sich prügeln oder so sein wie ihr Bruder. Oder wie Dill, ihr Cousin, der seine Sommerferien bei den Finches verbringt und damit angibt, dass er lesen kann. Nebenan leben die Radleys und ein Phantom: Boo, der Sohn der Radleys, der das Haus seit Jahren nicht verlassen hat. Heißt es. Die Kinder schleichen um das Haus. Die Fenster des Hauses starren zurück.

          Und dann wird ein Schwarzer aus Maycomb angeklagt, eine junge Weiße vergewaltigt zu haben. Und Atticus wird als Pflichtverteidiger bestellt. Und obwohl es Atticus gelingt, vor Gericht zu zeigen, dass dieser Tom Robinson unschuldig ist und dass die junge Weiße und ihr Vater lügen, verurteilt die Jury Tom einstimmig zum Tode. Und als Tom in der Nacht zu fliehen versucht, wird er erschossen. Dann kommt der Herbst, kommt Thanksgiving, und als die Kinder, Scout verkleidet als Schinken, von einem Schulfest heimlaufen, lauert ihnen Bob Ewell auf, der lügende Vater, der geschworen hat, sich an Atticus zu rächen. Und er greift die Kinder an, mit einem Messer, aber jemand wirft sich dazwischen, in letzter Sekunde, und rettet die Kinder und tötet Bob Ewell: Es ist das Phantom von nebenan, Boo Radley.

          Verletzter Stolz des Südens

          Harper Lee, das ist der Süden der amerikanischen Literatur – so wie John Steinbeck Kalifornien ist, Salinger New York, Mark Twain der Mittlere Westen und Herman Melville das Meer. „Wer die Nachtigall stört...“ ist der Versuch, diesen Süden, seine Geheimnisse und Schönheiten und Konflikte dem Rest der Welt verständlich zu machen, und dabei vielleicht sogar so etwas wie Zuneigung und Liebe für ihn zu wecken – oder wenigstens eine sentimentale Neugier für eine Gegend, in der die Uhren anders laufen, die Hitze heißer und feuchter ist, die Traditionen herrischer. Dieser Süden (Alabama, die Carolinas, Georgia, Louisiana, Mississippi und so weiter) beansprucht ja bis heute ein Sonderbewusstsein für sich, das man jetzt auch wieder im Präsidentschaftswahlkampf erleben kann, es speist sich aus dem Überlegenheitsgefühl des Unterlegenen oder dem Unterlegenheitsgefühl des Überlegenen, jedenfalls aus verletztem Stolz und alter Größe. All das geht natürlich auf den verlorenen amerikanischen Bürgerkrieg zurück, den der Norden und Süden Mitte des 19.Jahrhunderts gegeneinander führten, weil die einen die Sklaverei beenden wollten, auf der die anderen ihre Lebensform gegründet hatten – was die jungen Vereinigten Staaten fast zerrissen hätte. Ein Riss ist jedenfalls geblieben.

          Harper Lee balancierte auf diesem Riss. Als sie Mitte der fünfziger Jahre an ihrer Geschichte zu schreiben begann, die auch ihre eigene Geschichte ist, das Buch hat starke autobiographische Züge, da formierte sich in den Vereinigten Staaten gerade die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Sie wollte endgültig mit allen Ungerechtigkeiten aufräumen, die trotz der Abschaffung der Sklaverei immer weiterbestanden hatten: nach schwarz und weiß getrennte Schulen und Universitäten, nach schwarz und weiß getrennte Plätze in Bussen und Restaurants, nach schwarz und weiß getrennte Zugänge in die Welt. Mitten hinein in diesen brutal umkämpften Umbruch erschien Harper Lees Buch.

          Traditionen können die Welt ja oft hartnäckiger und langlebiger ordnen als Gesetze. Atticus Finch ist ein Mann des Gesetzes, aber auch der Traditionen. Und er ist ein Symbol für Harper Lees Hoffnung, dass reine Menschlichkeit den Konflikt zwischen Tradition und Gesetz mildern kann. „Wer die Nachtigall stört...“ ist kein umstürzlerischer Roman, er pocht vielmehr auf die Vernunft des Herzens als Kraft gegen den Hass. Weswegen das Buch bis heute auch kritisiert wird, als windelweich und kompromisslerisch. Dabei hatte Harper Lee, die nach dem College nach New York gezogen war, nur versucht, einen Roman zu schreiben, der in ihrer neuen Heimat genauso verstanden würde wie in ihrer alten. Und so einen Balanceakt schafft nur die Kunst.

          In ihrer neuen Heimat New York regierte damals ihr Freund Truman Capote: Die beiden hatten sich gegenseitig beim Schreiben geholfen, seit sie Nachbarskinder waren, hatten ihre Schreibmaschine von einem Haus zum anderen getragen, sie hat ihn als Dill in „Wer die Nachtigall stört...“ verewigt, und als er dann gleichzeitig die wahre Mordgeschichte in Kansas recherchierte, aus der dann „In Cold Blood“ wurde, war sie an seiner Seite. Capote hat es ihr damit gedankt, dass er nie das Gerücht aus der Welt schaffte, er habe eigentlich Harpers Buch geschrieben. Was sie gemeinsam hatten, außer der Heimat, von der auch Capote nie loskam, in was für weichen und warmen und sehnsüchtigen Worten hat er sie wieder und wieder beschworen – ist, dieses eine Buch geschrieben zu haben. Das für sie und für den Rest der Welt alles veränderte. Auf das aber nichts mehr folgte. Capote versuchte immer wieder noch einmal so genial zu sein wie in „Kaltblütig“, und verbitterte auch darüber. Harper Lee, die von ihren Freunden nur Nelle genannt wurde, schwieg. „Wenn man einmal oben ist, führt von dort der Weg nur noch in eine Richtung.“

          Harper Nelle Lee ist am Freitag im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben, im Schlaf, in Monroeville.

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