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Don Quijote : Im Schatten von Cervantes

Vierhundert Jahre nach dem Tod des Verfassers von „Don Quijote“ ist die Magie seines Buches so lebendig wie je. Kein anderer Roman hat eine solche Faszination auf andere Schriftsteller ausgeübt. Jeder hat ihn gelesen, doch jeder anders.

          8 Min.

          Es geht um ein einzigartiges Buch, den ersten, den einflussreichsten aller Romane. Das Buch, das kurz nach der Jahrtausendwende von einem prominent besetzten Panel zeitgenössischer Autoren aus fünfzig Ländern mit ziemlich satter Mehrheit als „bestes Erzählwerk der Welt“ gekürt wurde, deutlich vor der Konkurrenz von Tolstoi, Homer oder Proust. Es stimmt, Miguel de Cervantes Saavedra hat viel mehr als „Don Quijote“ geschrieben, besonders im letzten Jahrzehnt seines Lebens, und es ist schade, dass nicht alles davon gelesen wird. Für sein Hauptwerk - his claim to fame - hielt er selbst den 1617 postum erschienenen Abenteuerroman „Persiles und Sigismunda“. Auch die „Exemplarischen Novellen“ sind hinreißend. Aber da ist nun einmal dieses Buch, das ihn unsterblich gemacht hat, und wir können es nicht übergehen, weil es eben doch mehr ist als ein Roman, eher eine flüssige Substanz, die in die kulturellen Erdschichten der Welt eingesickert ist und die Qualität des Trinkwassers für immer verändert hat.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Denn Cervantes trennt die äußere Wirklichkeit von der individuellen Wahrnehmung, er ist der heterodoxe Durchmischer, der sich mühelos zwischen Dogmen und Ideologien bewegt, der Erfinder schrankenloser Subjektivität in der erzählenden Literatur. Deshalb könnte man Descartes’ „Cogito, ergo sum“ verlängern zu dem revolutionären Satz: „Ich denke, also bin ich, auch wenn ich den größten Schwachsinn denke.“ Denn aus Schwachsinn wird bei Cervantes Sinn.

          Ein Held, der allen vor Augen ist

          Wie aber hat alles begonnen? Die Figur des Verfassers bleibt, den Biographien zum Trotz, schattenhaft, und viele Facetten seiner Existenz werden sich nicht mehr klären lassen. Geboren 1547 in Madrid, hat er Krieg, Gefangenschaft, kreativen Stillstand, einen langweiligen Beruf und eine distanzierte Ehe, ferner Gefängnishaft und vieles andere erlebt, was nicht recht zu einem seriösen literarischen Werk passen will. Alles, könnte man sagen, ist in seine Bücher eingegangen. Lope de Vega übertraf ihn auf der Theaterbühne; Anerkennung fanden vor allem seine Novellen, die das italienische Vorbild beachteten und doch einen eigenen spanischen Ton in die Literatursprache brachten. Was historisch von Cervantes belegt ist, ehrt ihn über die Maßen - seine Tapferkeit in der Seeschlacht von Lepanto, bei der ihm die linke Hand zerschmettert wurde, was er nicht bedauerte, sondern immer als Ehrenzeichen begriff; sein Mut während fünfjähriger Gefangenschaft in Algier, die Sturheit seiner Fluchtversuche, die ihrerseits lebensgefährlich waren, und die Hilfe, die er seinen Mitgefangenen zuteil werden ließ.

          Wir wissen, dass gleich von der ersten spanischen Ausgabe des „Don Quijote“ im Jahr 1605 sechzehn Exemplare auf ein Schiff gerieten, das sie in die südamerikanischen Kolonien trug. Es war ein wahrlich nicht perfektes, von Schreibfehlern entstelltes Buch, dessen erdbebenhafte Wirkung sich erst in den folgenden Epochen äußerte. Wir wissen auch, dass, kaum war der erste Teil des „Don Quijote“ auf den Markt geworfen, fahrende Gaukler und Schauspieler anfingen, einzelne Szenen des Romans vor Publikum nachzustellen, und vielleicht liegt hier ja auch die Wurzel der auffallenden Bildbezogenheit dieses Buches. Bis heute gibt es davon mehr illustrierte Ausgaben, als man zählen kann, und bis heute teilen die Helden Don Quijote und Sancho Panza mit einem großen weißen Wal namens Moby-Dick das Los, auch Nichtlesern in aller Welt ein Begriff zu sein, einfach nur, weil es Zeichnungen, Stiche, Ölgemälde, Skulpturen, Scherenschnitte, Nippesfiguren und Merchandising-Produkte von ihnen gibt, zu schweigen von Film, Fernsehen und Oper oder der authentischen Touristenführung an die schwer windmühlenlastigen „Originalschauplätze“ der Mancha.

          Sanfter Wahnsinn findet Achtung

          Darin liegt ein Paradox, denn der Held tut im Buch gerade alles, die Wirklichkeit zu leugnen. Warum, das sagt er nicht. Es gehört nicht zu seinen Fähigkeiten, sich von außen zu sehen. Eigentlich heißt er ja Alonso Quijana, Quijada oder Quesada - im letzten Namen spielt Cervantes mit dem spanischen Wort queso und erinnert an den Manchego-Käse, das Vorzeigeprodukt dieser Gegend. Nicht nur aus der dürftigen Haushaltsführung Quijotes, der sich mitnichten „Don“ nennen lassen dürfte, da er nur ein Hidalgo ist, ein Angehöriger des niedrigsten spanischen Adels, kann man schließen, dass Cervantes das in Agonie versinkende spanische Weltreich nicht als angenehmen Ort empfand. So taucht er die kargen Weiten Kastiliens, den Schauplatz einer sinnentleerten Gesellschaftsordnung, in der hier Elend und Duckmäusertum, dort Titelgepränge und Angeberei herrschen, in das sanfte Licht des Wahnsinns.

          Obwohl der Roman keine Ich-Erzählung ist, beginnt die quijoteske Perspektive Macht zu gewinnen: In der geistigen Verwirrung des Literaturnarren steckt Verwandlungskraft. Und indem der Roman „so tut, als ob“, vollzieht sie sich wirklich. Don Quijotes verquerer, vom Lesen alter Ritterromane getrübter Sinn transformiert die Landschaft, durch die er reitet, die Menschen, auf die er trifft, das Gemeinwesen, das er erlebt. Natürlich konnte Wahnsinn im Spanien Philipps II., das mit Sklaven handelte, Mauren und Juden ächtete und religiöse Abweichler verbrannte, nicht auf Nachsicht zählen. Das Erwartbare für den Irren wären ein Fußtritt und ein paar herzhafte Flüche gewesen. Nicht hier.

          Das ist das zweite Wunder, das dieser Roman wirkt: Auf den loco, den umnachteten alten Hidalgo, trifft eine Welt, die sich, ohne es zu merken, durch dessen naives Herz zum Spiel verführen lässt. Zunächst aus Jux: Mal sehen, welchen Spaß wir uns aus dem lächerlichen Kerl machen können! Doch dann geschieht das, was man das Überspringen des Don-Quijote-Virus nennen könnte. Als direkte Folge dieses Infekts, der sowohl die Romanfiguren als auch die Leser erwischt, treten unübersehbar zwei Symptome auf, das Lachen und die Güte.

          Alles wird verwandelt und verhandelt

          Das Lachen: Heutige Leser sehen die Komik der Handlung, anders als das Publikum des Barocks, nicht so sehr in der Burleske, den Knüffen, Stürzen und Raufszenen, sondern im Wortwitz der Dialoge und existentiellen Nonsens der Gesprächssituationen. Entschlossen, das schon seit Jahrhunderten vergilbte Ritterideal populärer Romane wieder aufleben zu lassen, nimmt Don Quijote die profane Realität, die Zauberer ihm angeblich vorgaukeln, als Maske der ruhmreichen Vergangenheit und taucht dadurch beide in neues Licht. Wäre es nur dahingebrabbelter Wahn, würde er uns gleichgültig lassen. Doch die falsche Färbung ersetzt für die Dauer eines Buches die richtige und erweist sich, weil in ihr ein utopischer Kern steckt, als die eigentliche, die bessere und befreiende: Fast alle Figuren des Romans legen den Spott ab, den der Anblick des Ritters von der traurigen Gestalt bei ihnen hervorruft, und lernen, die Welt neu zu sehen. Als 150 Jahre nach der Originalausgabe ein weiteres Imitat unter dem Titel „Der teutsche Don Quichotte oder die Begebenheiten des Markgrafen von Bellamonte, komisch und satyrisch beschrieben“ erscheint, rezensiert Lessing das Werk 1753 mit der Bemerkung, das Original des Cervantes sei niemals übertroffen worden und werde „gewiss nicht eher aufhören gelesen zu werden, als bis niemand in der Welt mehr Lust haben wird zu lachen“.

          Die Güte: Das ist keine Kategorie, die wir mit großen Romanen verbinden. In der epischen Spitzenproduktion neigen wir zu Abgesang, Verlustgeschichten und tragischer Demontage, besonders im bürgerlichen Realismus. Doch hier, bei Cervantes, ist das Werk selbst gütig, indem es den Helden Raum zur Entfaltung lässt und durch das Spiel um Wirklichkeit und Fiktion einen nachsichtigen Blick auf die größten Dummheiten wirft. Für den Tragiker Dostojewskij war „Don Quijote“ deshalb das Buch, „das der Mensch am Tag des Jüngsten Gerichts dabeihaben sollte“. Alles ist wandelbar und verhandelbar, Verkleidung und Finte sind die Norm, kein Schmerz ist von Dauer. So gibt es in diesem Buch auch keinen einzigen wirklich schlechten Menschen, nur mehr oder weniger erleuchtete Köpfe, die nach Aufklärung dürsten. „Wer mit Cervantes lacht und fühlt, hat ihn schon verstanden“, hat Karl Vossler geschrieben. „Es gibt vielleicht kein zweites Menschheitsgedicht, das so wenig verneinend, so großherzig bejahend, so gütig verstehend zu allen lebendigen Kräften des Menschen steht.“

          Gute Absicht wäre aber nicht genug; auch philanthropische Botschaften altern und wandern auf den Müll der Literaturgeschichte. Die Unzerstörbarkeit dieses Romans ist seine Mehrdeutigkeit, und diese folgt aus der offenen Form: eine unheroische Reise, die sich weitgehend in Dialogen vollzieht, so unfolkloristisch wie nur eben denkbar - mit dem weiteren Paradox, dass gerade das Verschwiegene Leuchtkraft gewinnt. Flaubert hat es am besten ausgedrückt: „Man sieht sie vor sich, diese spanischen Wege, die doch nirgendwo beschrieben werden!“ Möglicherweise hat Nabokov die Wirkungsabsicht des Romans verkannt, als er manche Landschaftsschilderung im Roman als verlogenes Schäferidyll abtat. Cervantes liefert bewusst eine leere Leinwand, auf die seine Leser die urspanische Landschaft malen können. Zwei Reiter, ein paar Mitreisende und eine Handvoll Schenken erzeugen so den Eindruck eines enormen Tiefenpanoramas. So wie William Turner nur das Meer gemalt hat, wenn wir bereit sind, seine weißen Farbschlieren als Wasser zu identifizieren, so regt Cervantes unsere Phantasie dazu an, ein mythisches Bild der endlosen Weiten der Mancha zu entwerfen.

          Norm der Abschweifung

          Jedes Zeitalter, sagt man, erkenne sich selbst im „Don Quijote“, und das heißt auch: wer man als lesender, empfindender und denkender Mensch ist. Das ist im Roman selbst vorausgespiegelt. Denn nicht nur sind die Ausfahrten des Ritters von der traurigen Gestalt - drei an der Zahl, dann kommt der Tod - eine Lebens- und Erkenntnisreise, die so ziemlich alle existentiellen Erfahrungen der damaligen Epoche umfasst; auch „Don Quijote“ als Kunstwerk aus Wörtern und Sätzen versucht gewissermaßen, sich selbst zu erkennen. Einmal, weil Don Quijote und seine Gesprächspartner immer wieder über literarische Gattungen und literarischen Stil sprechen - vermutlich ein Zeichen dafür, dass Cervantes ein gespaltener Autor war, der in seinem instinktiven Schreiben die Normen der Gattungslehre über den Haufen warf, im Reden darüber aber ein aristotelisch geschulter Schriftsteller sein wollte, der nach der Anerkennung lechzte, die seine Zeitgenossen ihm oft genug versagten.

          Die wahre Raffinesse verbirgt sich jedoch in der Schachtelung der Erzählerinstanz. „Don Quijote“ gibt sich als Manuskript eines Muslims namens Cide Hamete Benengeli aus, der den allergrößten Teil geschrieben haben soll; als Übersetzer aus dem Arabischen habe ein Moriske fungiert, der im zweiten Teil des Romans immer stärker in das metafiktionale Spiel eingebunden wird. Cervantes tritt so als Autor hinter seine Schöpfung zurück. Abschweifungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Ganz im Sinne des Literaturtheoretikers Michail Bachtin hat „Don Quijote“ kein Zentrum, keine übergeordnete Autorität des Sagens und Meinens.

          Gleichgewicht der Temperamente

          Selbst auf einen plagiierten zweiten Teil durch einen Mann mit dem Pseudonym Avellaneda, der 1614 auf den ersten Teil von Cervantes folgte und eine reale Gefährdung seines Markts darstellte, reagiert der Autor des zweiten Teils im Jahr darauf mit sorgsam gezügelter Wut („Soll ihn die eigene Sünde strafen, soll er selber auslöffeln, was er sich eingebrockt hat, ja soll er in der eignen Brühe schmoren“) sowie weiterem Spiel: Er lässt sich von seinem plumpen Nachahmer zu immer neuen Höhenflügen der Phantasie anspornen, er verwandelt den „Don Quijote“ nun erst recht in eine Schaubühne des Literaturgesprächs.

          Vor der Frage, wie ein jedes Zeitalter das Hauptwerk des Cervantes interpretiert hat, müsste man auf die Bibliothek der Spezialisten verweisen. Einen schönen Abriss liefert Susanne Lange im Nachwort ihrer bravourösen Neuübersetzung des „Don Quijote“ aus dem Jahr 2008. Vom deutschen Barock, den vor allem die derbe Geschichte von dem Narren und dem Bauern interessierte, über die Aufklärung bis zum romantischen Bild vom Idealisten Don Quijote führt der Weg, bevor Nietzsche sich gegen den oft brutalen Humor des Romans verwahrt: Auch die Anlässe unseres Lachens, so scheint es, durchlaufen historische Phasen.

          Tatsächlich aber stand Nietzsche ziemlich allein mit seiner Empfindlichkeit. Die verschiedensten Autoren zwischen Aufklärung und Moderne haben sich vom „Don Quijote“ verzaubern lassen - John Locke und Henry Fielding, Laurence Sterne, Tobias Smollett, Goethe und Dickens, Stendhal, Kafka, Borges. Haben alle dasselbe Buch gelesen? Ja und nein. Haben alle an denselben Stellen gelacht? Man wüsste es gern. Am Ende des Romans hat Don Quijotes Disputierkunst auf Sancho Panza abgefärbt, während dessen Sprichwortmanie sich im Munde des alten Hidalgo wiederfindet: Die Gegensätze nähern sich an, die Welt kommt für Momente ins Gleichgewicht. Dann folgt eine der kürzesten Todesszenen der Weltliteratur. „Der Notar war zugegen und sagte, in keinem einzigen Ritterbuch habe er gelesen, dass ein fahrende Ritter je so friedlich und christlich in seinem Bett gestorben sei wie Don Quijote, welcher unter Klagen und Tränen aller Anwesenden seinen Geist hingab, will sagen, er starb.“

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