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Don Quijote : Im Schatten von Cervantes

Vierhundert Jahre nach dem Tod des Verfassers von „Don Quijote“ ist die Magie seines Buches so lebendig wie je. Kein anderer Roman hat eine solche Faszination auf andere Schriftsteller ausgeübt. Jeder hat ihn gelesen, doch jeder anders.

          Es geht um ein einzigartiges Buch, den ersten, den einflussreichsten aller Romane. Das Buch, das kurz nach der Jahrtausendwende von einem prominent besetzten Panel zeitgenössischer Autoren aus fünfzig Ländern mit ziemlich satter Mehrheit als „bestes Erzählwerk der Welt“ gekürt wurde, deutlich vor der Konkurrenz von Tolstoi, Homer oder Proust. Es stimmt, Miguel de Cervantes Saavedra hat viel mehr als „Don Quijote“ geschrieben, besonders im letzten Jahrzehnt seines Lebens, und es ist schade, dass nicht alles davon gelesen wird. Für sein Hauptwerk - his claim to fame - hielt er selbst den 1617 postum erschienenen Abenteuerroman „Persiles und Sigismunda“. Auch die „Exemplarischen Novellen“ sind hinreißend. Aber da ist nun einmal dieses Buch, das ihn unsterblich gemacht hat, und wir können es nicht übergehen, weil es eben doch mehr ist als ein Roman, eher eine flüssige Substanz, die in die kulturellen Erdschichten der Welt eingesickert ist und die Qualität des Trinkwassers für immer verändert hat.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Denn Cervantes trennt die äußere Wirklichkeit von der individuellen Wahrnehmung, er ist der heterodoxe Durchmischer, der sich mühelos zwischen Dogmen und Ideologien bewegt, der Erfinder schrankenloser Subjektivität in der erzählenden Literatur. Deshalb könnte man Descartes’ „Cogito, ergo sum“ verlängern zu dem revolutionären Satz: „Ich denke, also bin ich, auch wenn ich den größten Schwachsinn denke.“ Denn aus Schwachsinn wird bei Cervantes Sinn.

          Ein Held, der allen vor Augen ist

          Wie aber hat alles begonnen? Die Figur des Verfassers bleibt, den Biographien zum Trotz, schattenhaft, und viele Facetten seiner Existenz werden sich nicht mehr klären lassen. Geboren 1547 in Madrid, hat er Krieg, Gefangenschaft, kreativen Stillstand, einen langweiligen Beruf und eine distanzierte Ehe, ferner Gefängnishaft und vieles andere erlebt, was nicht recht zu einem seriösen literarischen Werk passen will. Alles, könnte man sagen, ist in seine Bücher eingegangen. Lope de Vega übertraf ihn auf der Theaterbühne; Anerkennung fanden vor allem seine Novellen, die das italienische Vorbild beachteten und doch einen eigenen spanischen Ton in die Literatursprache brachten. Was historisch von Cervantes belegt ist, ehrt ihn über die Maßen - seine Tapferkeit in der Seeschlacht von Lepanto, bei der ihm die linke Hand zerschmettert wurde, was er nicht bedauerte, sondern immer als Ehrenzeichen begriff; sein Mut während fünfjähriger Gefangenschaft in Algier, die Sturheit seiner Fluchtversuche, die ihrerseits lebensgefährlich waren, und die Hilfe, die er seinen Mitgefangenen zuteil werden ließ.

          Wir wissen, dass gleich von der ersten spanischen Ausgabe des „Don Quijote“ im Jahr 1605 sechzehn Exemplare auf ein Schiff gerieten, das sie in die südamerikanischen Kolonien trug. Es war ein wahrlich nicht perfektes, von Schreibfehlern entstelltes Buch, dessen erdbebenhafte Wirkung sich erst in den folgenden Epochen äußerte. Wir wissen auch, dass, kaum war der erste Teil des „Don Quijote“ auf den Markt geworfen, fahrende Gaukler und Schauspieler anfingen, einzelne Szenen des Romans vor Publikum nachzustellen, und vielleicht liegt hier ja auch die Wurzel der auffallenden Bildbezogenheit dieses Buches. Bis heute gibt es davon mehr illustrierte Ausgaben, als man zählen kann, und bis heute teilen die Helden Don Quijote und Sancho Panza mit einem großen weißen Wal namens Moby-Dick das Los, auch Nichtlesern in aller Welt ein Begriff zu sein, einfach nur, weil es Zeichnungen, Stiche, Ölgemälde, Skulpturen, Scherenschnitte, Nippesfiguren und Merchandising-Produkte von ihnen gibt, zu schweigen von Film, Fernsehen und Oper oder der authentischen Touristenführung an die schwer windmühlenlastigen „Originalschauplätze“ der Mancha.

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