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Im Gespräch: Wladimir Sorokin : Kehrt Iwan der Schreckliche wieder?

  • Aktualisiert am

Wladimir Sorokin Bild: Burkhard Neie

Das freundliche Äußere von Wladimir Sorokin steht in Gegensatz zu seinen Büchern. Sie handeln von Terror und blutiger Gewalt. Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Autor über sein neues Buch und seine Hoffnung auf Demokratie in Russland.

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          Das freundliche Äußere von Wladimir Sorokin steht in Gegensatz zu seinen Büchern. Sie handeln von Terror und blutiger Gewalt. Im Tischtennisraum seines Hauses am Moskauer Stadtrand spricht der Autor über sein neues Buch und seine Hoffnung auf Demokratie in Russland.

          In wenigen Tagen erscheint die deutsche Übersetzung Ihres Romans „Der Tag des Opritschnik“, der in Russland in einer recht nahen Zukunft spielt. Im Land wütet ein Terrororden, ein Klon der Opritschnina-Spezialgarde von Zar Iwan dem Schrecklichen. Der Bewohner des immer offener autoritären Putin-Staats meint bei der Lektüre, in einen Prognosespiegel zu schauen. Wie kam es, dass Sie plötzlich ein derart wirklichkeitsinspiriertes Buch geschrieben haben?

          Warum, könnte ich beim besten Willen nicht sagen. Kunstwerke ereignen sich. Der Opritschnik erwischte mich völlig unerwartet. Ich hatte fünf Jahre Arbeit an der Ljod-Trilogie hinter mir, die einem brutalen, esoterisch weltflüchtigen Orden Auserwählter nachspürt, und war auf eine Ruhephase eingestellt. Beim Spazierengehen mit meinem Hund warf ich ihm einen Knochen zu. Doch statt ihn zu apportieren, tanzte das Tier um den blutigen Knochen herum. Das wirkte auf mich wie ein Katalysator. Übersättigte Salzlösungen kristallisieren sich manchmal plötzlich. Offenbar hatte sich in mir viel realgeschichtliches Salz abgelagert. Ich schrieb den Opritschnik in sechs Wochen nieder. Weitere acht Wochen schrieb ich ihn um. Der volkstümliche, von der mündlichen Rede inspirierte Tonfall, den die russische Philologie Skas nennt, macht den Opritschnik zu einer Art Prosagedicht. Nie habe ich ein Werk so sehr als Poesie erfahren. Der Text musste für die Straße taugen. Er war wie eine Partitur, keine Note durfte falsch klingen.

          Ihre vorigen Bücher, der „Himmelblaue Speck“, die „Ljod“-Trilogie, waren vor allem metaphysische Gleichnisse. Im „Opritschnik“ landen Sie nun auf dem Erdboden des neuen russischen Geheimdienststaats. Ließen sich die Brutalitäten der neunziger Jahre leichter sublimieren, weil es schien, das postsowjetische Russland habe das Schlimmste hinter sich - während es seit der Jahrtausendwende scheint, als stünde das Schlimmste noch bevor?

          Meine Ljod-Romane und der Opritschnik wurden wirklich von zwei unterschiedlichen Autoren geschrieben. Ich war immer apolitisch. Zur Sowjetzeit schrieb ich zwar antisowjetische Texte, war aber nie Dissident. In den neunziger Jahren verstand ich mich als internationaler Autor. Ich war Weltbürger, Antikommunist, dabei aber in erster Linie Metaphysiker. Putin hat unseren politischen Kompass umgestellt. Das kommunistische Gespenst ist plötzlich wieder da. Zum ersten Mal fühlte ich mich als Staatsbürger gefordert. Der Opritschnik wurde ein Buch über das Hier und Jetzt. Eine Bekannte aus der russischen Business-Elite hat gesagt, die neunziger Jahre seien lustig und schrecklich gewesen - die ersten Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts aber seien nur noch schrecklich. Solche Dinge beeinflussen das Schreiben.

          Sie verwahrten sich stets gegen den didaktischen Anspruch der russischen Literatur. Inzwischen ist auch in Ihrer Heimat die Kultur kommerziell geworden. Sie selbst sind ein Star der Hochglanzpresse. Und da erfinden Sie eine Art neuen Realismus. Welche Aufgabe stellen Sie heute an die Wortkunst?

          Immer die gleiche: mich in der Wirklichkeit zu verorten. Schreiben ist für mich eine Überlebenshilfe. Für mich steht keines meiner Bücher über den anderen. Jedes ist die Frucht einer bestimmten Epoche. Wenn der äußere Druck ansteigt, wie jetzt, wächst die Macht des Wortes. Viele nachdenkliche Russen sehen heute nicht mehr fern, Nachrichten holen sie sich aus dem Internet. Es werden mehr ernste Bücher gelesen. Die Auflagen unserer erfolgsverwöhnten Krimiautorinnen fallen. Russlands kulturelles Markenprodukt bleibt ja die Literatur. Deutschland wird durch Bach und Kant auf dem Kulturweltmarkt vertreten, wir durch Tolstoi und Dostojewski.

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