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Im Gespräch: Ulla Unseld-Berkéwicz : Wird der Tod eines Tages abgeschafft, Frau Berkéwicz?

  • -Aktualisiert am

„Ohne Metaphysik gibt es keine Kultur”: Ulla Unseld-Berkéwicz Bild: F.A.Z.-Burkhard Neie

Wir brauchen eine dritte Wissenskultur: Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz über Metaphysik und Kultur, ihren verstorbenen Mann Siegfried Unseld, ihre männlichen Widersacher und ihr neues Buch „Überlebnis“.

          Im Haus in der Frankfurter Klettenbergstraße, das sie mit Siegfried Unseld bewohnte, duftet es nach Lilien. Ulla Unseld-Berkéwicz hat Heuschnupfen, was aber die Konzentration und Ernsthaftigkeit, mit der sie spricht, nicht beeinträchtigt.

          „Überlebnis“ ist, anders als viele erwarten werden, kein Schlüsselroman. Auch haben Sie das Buch nicht als Gelegenheit benutzt, um mit den Angriffen, die Ihnen nach dem Tod Ihres Mannes begegnet sind, abzurechnen. Wie gehen Sie mit der Beobachtung um, unter der Sie und der Suhrkamp Verlag stehen?

          Dass alles, was bei Suhrkamp passiert, in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, habe ich in den sechzehn Jahren, die ich mit Siegfried Unseld gelebt habe, schon erlebt. Es gab von Anfang an Leute, die mein Recht bestritten haben, das zu tun, was Siegfried Unseld mich zu tun geheißen hat. Sie wollten ans Erbe, und da es kein Zeugnis gibt, weder mündlich noch schriftlich, dass Siegfried Unseld sie ans Erbe lassen wollte, können sie nur eins tun: Ihr Anspruch ist nicht zu begründen, also muss meiner untergraben werden. Von Hexerei und von Inszenierung war die Rede - das sind uralte Männerphantasien. Die sind öffentlich und nichtöffentlich verbreitet worden als Zermürbungsoffensive, per SMS, Brief, Gerücht, mit den Waffen derer, die angreifen wollen und nicht aus der Deckung kommen. In Wahrheit geht es aber nur um die große und wichtige Sache des Verlages. Darauf ist meine Konzentration gerichtet. Das ist das eine. Das andere ist das Buch. Dessen Thema, nämlich die Liebe und der Tod, ist so wichtig für mich, dass ich nie zulassen würde, dass es mit solchem Zeug belastet wird, das nicht in ein Buch gehört.

          Siegfried Unseld ist vor fünfeinhalb Jahren gestorben. Brauchten Sie diese Zeit, um Ihren Mann, den die Öffentlichkeit stets für sich reklamiert hat, auf privater Ebene für sich zurückzugewinnen?

          Ich habe mir, was den Verlag angeht unzulässigerweise, ein ganzes Trauerjahr genommen. Habe mich nach Siegfried Unselds Tod in eine Situation begeben, von der ich wünschen würde, dass sie institutionalisiert wird. Man sollte Siedlungen für Trauernde bauen, damit sie nicht auch noch unter den Erbärmlichkeiten und Erbarmungslosigkeiten anderer Leute leiden müssen. Trauern ist ein Bestandteil des Lebens wie Verliebtsein. Trauern macht unverwundbar. Es wird irgendwann als große Menschenkraft gelten, rückhaltlos trauern zu können, ohne nach Ablenkung zu suchen, nach Linderung der Schmerzwucht und der Verlassenheit. Solche, die trauern, können sowieso nur reden mit solchen, die Trauer kennen. Also sollte man ihnen Schutz gewähren vor der Angstaggression der Gesellschaft. Die Angst ist eine Heidenangst. Der Glaube an die Unsterblichkeit ist uns abhanden gekommen, deshalb können wir dem Tod nicht ins Gesicht sehen. Die Rituale sind abgeschafft, also finden die Gefühle, die die gewohnten Grenzen überschreiten, keinen Ausdruck oder einen falschen. Chinesische Spaßmauern werden kreuz und quer durch die Welt gezogen. Der Weltzustand der Verzweiflung, den Walter Benjamin prophezeit, er ist mit Hilfe unserer Angst- und Spaßgesellschaft erreicht.

          Holen Sie mit „Überlebnis“, diesem Buch, das eher persönlich als autobiographisch anmutet, die Trauer nach?

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