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Im Gespräch mit Elisabeth Edl : Warum kennen wir Flaubert noch nicht, Frau Edl?

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Ja, es geht ihm nur darum, aus der verhassten kleinbürgerlichen Banalität ein Werk großer Kunst hervorgehen zu lassen durch die Form der Darstellung. Das ist Flauberts Perfektionismus. Aber was für die breite Leserschaft galt, das galt auch für alle deutschen Übersetzungen der „Madame Bovary“, immerhin nicht weniger als dreißig. Die erotische Skandalgeschichte drängte die Aufmerksamkeit für diese durchgearbeitete Form beiseite. Mit dem paradoxen Ergebnis, dass Flaubert zwar als Vater des modernen Romans anerkannt ist, aber „Madame Bovary“ auf Deutsch niemals in einer Form erschienen ist, die diesen Anspruch wirklich nachvollziehbar werden lässt.

Ein hartes Urteil.

Aber man kommt bei Durchsicht der früheren Übersetzungen nicht drum herum. Sie lassen nicht erkennen, was Flaubert mit „Madame Bovary“ tatsächlich erreicht hat: einen spannenden, mitreißenden Roman zu schreiben, in dem jeder Satz so komponiert ist wie der Vers in einem Gedicht. Es ist die Verwirklichung seines Anspruchs, aus dem Roman ein hohes Genre zu machen, so wie es bis dahin nur Gedicht und Drama waren.

An der Ablenkung durch den Skandalwert kann es aber kaum gelegen haben, dass die Übersetzer an diesem Anspruch vorbeiübersetzten.

Nein, das liegt eher an der Übersetzungskunst selbst, an anderen, bescheideneren Ansprüchen. Man hat eben sehr lange eine Geschichte von der einen in die andere Sprache transportiert, und Schluss. Dabei hätte man es natürlich besser wissen können. Früh gab es schon Briefausgaben von Flaubert, in denen man nachlesen konnte, wie er gearbeitet hat. Und eigentlich sieht man ja unmittelbar an jedem Satz, welche Rolle Melodie und Rhythmus spielen, wie kunstvoll alles gebaut ist, oft sogar gegen die Regeln französischer Syntax. Man liest einen Satz, liest ihn noch einmal und merkt: ein Alexandriner - der im Deutschen mitunter gewagte Umstellungen fordert. Diese Kunstgestalt muss eine Übersetzung hörbar machen.

Aber die Schwierigkeiten beginnen ja nicht erst dort, wo ein Alexandriner sich als Statthalter der vers en prose einmischt.

Nein, sie beginnen natürlich schon früher. Etwa bei betonten Worten, auf die Flaubert Sätze und lange Passagen ganz bewusst zulaufen lässt. Zum Beispiel die Hörner am Ende der berühmten Szene der Landwirtschaftsausstellung: Auf der einen Seite Emmas und Rodolphes verliebtes Geturtel zur gründlichen Vorbereitung des Ehebruchs, auf der anderen die bombastischen Reden der Politiker über Vieh und Ackerbau, und die sind natürlich ein fortlaufender höhnischer Kommentar für das triviale Geschwätz in der Verführungsszene. Am Ende stehen dann die Hörner, die der Rindviecher und die des Ehemanns, den Flaubert auch zu einer Art Rindvieh erklärt. Das ist wahnsinnig komisch, böse und unheimlich gekonnt.

Die Bauart dieser Collage ist aber doch kaum zu übersehen.

Eigentlich nicht. Wenn in der landwirtschaftlichen Tonspur dieser Collage das Wort „fumier“ gebrüllt wird, dann sollte man meinen, dass es als knapper Kommentar zum parallel laufenden Süßholzgeraspel erkannt und übersetzt wird, also: „Mist!“ Aber weit gefehlt, fast alle deutschen Übersetzungen wählten „Düngemittel“. Selbst so simple, fast brutale Techniken blieben bisher auf der Strecke.

Nun sind französische Wortstellungen ja an und für sich nicht leicht ins Deutsche zu transportieren. Erst recht, wenn einer wie Flaubert mit ihnen spielt.

Die deutsche Syntax ist widerspenstig. Kaum ist ein Nebensatz eröffnet, klappert ein Verb oder Hilfsverb am Satzende, oder im schlimmsten Fall sogar ein Präfix. Aber wenn man ein solches Buch übersetzt, dann muss es einfach gelingen, Flauberts Satzrhythmus auch im Deutschen hinzukriegen. Das dauert, aber es geht immer.

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