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Im Gespräch: Mircea Cartarescu : Das Regime hat mir meine Jugend gestohlen

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„Das Regime wollte die Persönlichkeit des Schriftstellers zerstören”: Mircea Cartarescu Bild: Helmut Fricke

Warum es in Rumänien heute nahezu unmöglich ist, Schriftsteller zu sein: Der 1956 in Bukarest geborene Mircea Cartarescu über Gegenwart und Vergangenheit seines Landes und die Vorbildfunktion von Nobelpreisträgerin Herta Müller.

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          Warum es in Rumänien heute nahezu unmöglich ist, Schriftsteller zu sein: Der 1956 in Bukarest geborene Mircea Cartarescu über Gegenwart und Vergangenheit seines Landes und die Vorbildfunktion von Herta Müller.

          Herr Cartarescu, wie lebt es sich als Schriftsteller im Rumänien des Jahres 2009?

          Es ist nahezu unmöglich, im heutigen Rumänien Schriftsteller zu sein. Die meisten meiner Bücher habe ich im Ausland geschrieben, in Amsterdam, Wien oder in Berlin, wo ich die innere Ruhe, die Zeit und dank verschiedener Stipendien auch die finanziellen Mittel hatte, die ich zum Schreiben brauche. In Rumänien ist das Leben unglaublich chaotisch, alles dort ist schwer und kompliziert, weshalb die Literatur seit der rumänischen Revolution von 1989 sehr gelitten hat. Es klingt paradox, aber vor der sogenannten Revolution standen den Schriftstellern nicht nur mehr Themen als heute zur Verfügung, etwa der Widerstand gegenüber der Diktatur, sie hatten davon abgesehen auch mehr Zeit. Das System war schrecklich, aber es hatte eine Stabilität, und man wusste, was einen am nächsten Tag erwartete. Heute ist es beinahe unmöglich, den nächsten Tag vorherzusehen.

          Welches Ansehen genießen Schriftsteller, die während der kommunistischen Herrschaft ins Exil gegangen sind?

          Einige, wie Norman Manea oder Andrei Codrescu, die in den Vereinigten Staaten leben, sind sehr bekannt und genießen großen Respekt. Das Gleiche gilt für die rumäniendeutschen Schriftsteller, die heute in Deutschland leben. Der Name Herta Müller war den meisten Rumänen, die am kulturellen Leben teilhaben, bekannt, lange bevor ihr der Nobelpreis zugesprochen wurde. Die Situation der rumäniendeutschen Autoren, die das Land wie Müller in den achtziger Jahren oder in den Neunzigern verlassen haben, ist dabei speziell, weil sie nicht nur für die Qualität ihrer Arbeit bewundert werden, sondern auch für ihren Mut, sich der Diktatur zu widersetzen und als Emigranten das Wagnis eines neuen Lebens im Westen einzugehen.

          Herta Müller hat das heutige Rumänien als „postdiktatorisches“ Land bezeichnet, in dem ehemalige Mitglieder der Securitate entweder nach wie vor hohe Positionen bekleideten oder hohe Renten bezögen. Teilen Sie diese Ansicht?

          Herta Müller hat vollkommen recht. Meiner Ansicht nach funktioniert ein großer Teil der Kartelle aus Medien, Wirtschaft und Politik in Rumänien auf der Basis der ehemaligen Securitate. Die meisten rumänischen Milliardäre, die meisten Leute, die im heutigen Rumänien zur parlamentarischen Struktur oder auch zu anderen politischen Strukturen gehören, haben eine fragwürdige Vergangenheit. Die meisten waren nicht nur Informanten, sondern Mitglieder der Securitate.

          Welche Kräfte innerhalb der rumänischen Kultur wirken der Macht dieser Kartelle entgegen?

          Bedauerlicherweise ist diese Art von Opposition im heutigen Rumänien sehr schwach. Die ehemaligen Mitglieder der kommunistischen Partei und der Securitate sind mächtig und sehr gut organisiert, und die Opposition zeichnet sich durch eine große Passivität aus, obwohl es Schriftsteller und Journalisten gibt, die das System angreifen. Ich selbst habe in diesen ersten zwanzig Jahren seit der Revolution ebenfalls in Zeitungen gegen das gegenwärtige Regime angeschrieben. Ich versuche, ein wirklicher Staatsbürger zu sein und mich nicht in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zurückzuziehen.

          Wie nimmt die Regierung Ihre Kritik auf?

          Man schert sich nicht besonders um den Protest einiger Intellektueller. Es gibt in Rumänien vielleicht fünf oder sechs Intellektuelle, die unablässig protestieren, aber einige der größten Zeitungsverlage, Fernseh- und Radiosender sind – ähnlich wie in Russland – in der Hand weniger Mächtiger, die mit der Industrie und der Politik verbandelt sind und die öffentliche Meinung kontrollieren.

          Nach Ihrer Beschreibung wirkt das neue Rumänien wie das alte, lediglich ohne Ceaușescu.

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