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Im Gespräch: Mircea Cartarescu : Das Regime hat mir meine Jugend gestohlen

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Allein die Tatsache, dass wir beide uns heute miteinander unterhalten können, zeigt den Unterschied. Egal, wie sehr wir das, was meines Erachtens lediglich eine Schein-Revolution war, kritisieren, egal, wie sehr wir beanstanden, dass die ehemaligen Mitglieder der Securitate nach wie vor großen Einfluss haben: Einige der Veränderungen seit 1989 sind dennoch real. Die Menschen können reisen, Rumänien ist Teil der europäischen Strukturen und der Nato, und die eigentliche Revolution ereignete sich, als Rumänien 2007 der EU beitrat. Die rumänischen Intellektuellen bereisen heute die ganze Welt, wir haben ein sehr gutes Kulturinstitut, das Verbindungen zu ausländischen Institutionen, Schriftstellern und Künstlern herstellt, und für mich ist das eine der größten Errungenschaften des Systemwechsels.

Wie haben Sie unter Ceaușescu in Rumänien gelebt?

Ich war Lehrer, aber auch damals habe ich nur für die Literatur gelebt. Damals habe ich Lyrik geschrieben und gehörte zu einem Kreis von Träumern, die sich für die größten Dichter der Welt hielten. Es war lächerlich, aber auch schön. Zu Beginn der achtziger Jahre entdeckten wir die Autoren der amerikanischen Beat Generation und folgten ihnen in ihrem Angriff auf das Establishment, natürlich ohne uns ihre linke Ideologie zu eigen zu machen. Wir versuchten, uns die innere Freiheit zu bewahren, eine sehr reine, unberührte innere Freiheit, die für das damalige Regime vermutlich die größte Gefahr darstellte. Für Ceaușescu war sogar das Schreiben eines einfachen Liebesgedichtes gefährlich, weil sein Regime die Persönlichkeit eines Schriftstellers und die Einzigartigkeit eines jeden Menschen zu zerstören versuchte.

Was wussten Sie zu dieser Zeit über die exilierten Schriftsteller?

Wir haben natürlich alle Radio Free Europe oder die Sendungen von Voice of America gehört, die uns über Autoren wie Mircea Eliade oder seinen Schüler Ioan Petru Culianu informierten, der 1991 in Chicago ermordet wurde. Wir bewunderten diese Autoren, aber wir hatten mit dieser Generation von Schriftstellern auch unsere Probleme, weil viele von ihnen eine rechte Ideologie vertraten und wie Eliade oder Emil Cioran der Eisernen Garde nahestanden. Wir entledigten uns dieses Teils ihrer Ideologie und akzeptierten die Bücher dieser Autoren als reine Literatur.

Wie stark beziehen Sie sich in Ihren Romanen auf die Vergangenheit Ihres Landes?

Diese Beziehung wird immer enger. Meine Kindheit und Jugend war von abnormer Länge, erst in den letzten fünf Jahren habe ich das Gefühl, etwas älter geworden zu sein. Ich war ein Dichter im klassischen Sinne, zerstreut und idealistisch, und bis zu einem gewissen Punkt interessierten mich nur die ästhetischen Aspekte des Schreibens. Inzwischen bin ich etwas reifer und habe angefangen, mich für Politik und Geschichte zu interessieren. Meine Romantrilogie, deren erster Band – „Die Wissenden“ – auf Deutsch vorliegt, zeichnet sich durch eine zunehmende Politisierung aus, und bei dem letzten Band handelt es sich um eine swiftsche Satire über die rumänische Revolution. In gewisser Weise ist dieses Buch meine Rache für die Jahre meiner Jugend, die mir während des kommunistischen Regimes gestohlen wurden.

Tragen Ihre Bücher dazu bei, dem heutigen Rumänien eine kulturelle Identität zu geben?

Ich bin kein Patriot, aber in gewisser Weise hoffe ich schon, dass alles, was ich schreibe, und damit meine ich auch alles, was ich gegen mein Land sage, nützlich ist und meinen Landsleuten hilft, etwas Neues und Gutes zu errichten. Aber in erster Linie gehört meine Arbeit mir, und meine Romane handeln in erster Linie von mir und nicht von meinem Land. Ich bin kein Autor nationaler Literatur und lehne es deshalb auch ab, als osteuropäischer Schriftsteller, als südosteuropäischer Schriftsteller oder auch nur als rumänischer Schriftsteller kategorisiert zu werden. Ich gehöre zum Lande Mircea Cartarescu, und ich bin sehr stolz darauf, der einzige Bürger dieses Landes zu sein.

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