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Im Gespräch: James Ellroy : Warum sind Sie so auf Sex aus, Mr Ellroy?

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James Ellroy, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: Burkhard Neie

Seit der Ermordung seiner Mutter hat den amerikanischen Thriller-Autor James Ellroy das Kriminelle nicht mehr losgelassen, und seine Neugier auf verborgene Geschichten ist ungestillt. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seine beiden Leidenschaften: Sex und Schreiben.

          7 Min.

          James Ellroy sieht nett und vollkommen harmlos aus. In der schicken Vinothek eines Hamburger Designerhotels sitzt der amerikanische Thriller-Autor an einem großen Tisch und bekommt nicht einmal ein Glas Wasser.

          In Ihrem 1994 veröffentlichten Essay „Sex, Glitzern und Gier“ bezeichnen Sie den Mordfall O. J. Simpson als „gigantischen, nach Los Angeles verlegten russischen Roman“, als „eine mikrokosmische, kaleidoskopische, von zahlreichen Standpunkten aus geschilderte Geschichte, die einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in miteinander verbundene Nebenerzählstränge fasst, die niemals aufhören wollen“. Ist das nicht zugleich eine treffende Beschreibung der „Underworld U.S.A.“-Trilogie, deren abschließenden Band Sie jetzt veröffentlicht haben?

          Ich muss Ihnen erst einmal sagen, wie sehr es mich rührt, hier in Deutschland zu sein. Sehen Sie sich um - dieses Hotel ist doch wirklich phänomenal. Weiß man deutsches Design in Deutschland eigentlich zu schätzen?

          James Ellroy bei seiner Lesung aus „Blut will fließen” in Stuttgart

          Wenn es sich so französisch gibt wie hier, auf jeden Fall.

          Verdammt genial, vor allem, was deutsche Autos angeht. Ich bin geradezu besessen von deutschen Autos und durfte einige sogar mein Eigen nennen. All diese Porsches, die ich so liebe, obwohl sie natürlich viel zu klein für mich sind.

          Eine meiner anderen Obsessionen ist die deutsche Musik des neunzehnten Jahrhunderts, und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Den größten Einfluss auf mein Werk hat nicht etwa die Literatur, sondern das unergründlichste Genie, das die Zivilisation oder Gott je hervorgebracht hat - Ludwig van Beethoven. Ich liebe die symphonische Musik des neunzehnten und auch des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, ich liebe groooooße Kunstwerke. Ich mag lange Filme lieber als kurze, lange Romane lieber als kurze.

          Tolstoi also lieber als Tschechow?

          Die habe ich beide nicht gelesen, aber ein Buch, auf das ich immer wieder zurückgreife, ist „Verdammt in alle Ewigkeit“, der Roman von James Jones über das Soldatenleben auf Hawaii vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Darin verkapselt Jones ebenfalls eine ganze Welt und erforscht sie in großer Länge. Das Gleiche tue ich in „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Albtraum“ und „Blut will fließen“, den drei Bänden meiner „Underworld U.S.A.“-Trilogie.

          Der Thrill bestand für mich darin, mit größter Prägnanz auf großer Leinwand zu arbeiten - eine harmlose Form von Größenwahn, die mir sehr entspricht. Kennen Sie die Entstehungsgeschichte der Trilogie? Sie geht auf meine Lektüre von „Libra“ zurück, Don DeLillos Roman über das Attentat auf John F. Kennedy. Haben Sie das Buch gelesen?

          „Das Glück findest du, wenn du an dem Kampf teilnimmst, bei dem es zwischen deiner eigenen privaten Welt und der Welt im Allgemeinen keine Grenze gibt.“

          Das schreibt Lee Harvey Oswald an seinen Bruder - zitiert in „Libra“. Ich kenne DeLillos Roman in- und auswendig.

          Wie sieht es mit dem Verhältnis zwischen Ihrer eigenen privaten Welt und der Welt im Allgemeinen aus?

          Im Allgemeinen ignoriere ich die Welt, und weil ich äußerst egozentrisch und immer sehr mit mir selbst beschäftigt bin, gehe ich mit ihr so nachsichtig um wie möglich. Weil ich andere Menschen im Großen und Ganzen ignoriere, bin ich gut im Umgang mit denen, die mir zufällig über den Weg laufen. Ich bin dankbar für den Erfolg und die Anerkennung, die mir zuteil werden, aber damit hat es sich auch schon, was mein Verhältnis zu der Welt betrifft, in der ich lebe.

          Auch die Geschichte der Vereinigten Staaten existiert für mich nur, damit ich meine Romane schreiben kann, und wenn Sie mich jetzt fragen, ob es mich nicht deprimiert, ein schreckliches Ereignis wie die Ermordung John F. Kennedys oder die Leben dieser entsetzlichen Männer nachzuleben, die Martin Luther King umgebracht haben, antworte ich: Es versetzt mich in Hochstimmung. Es macht Spaß, so etwas zu schreiben. Ich bin zweiundsechzig Jahre alt: Ich könnte Ihr Vater sein, richtig?

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