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Im Gespräch: Fil : Warum sind Berliner Schweine?

Fils größte Helden: Didi & Stulle Bild: Fil

Der Comiczeichner Fil, mit vollem Namen Philip Tägert, zeichnet seit zwanzig Jahren Didi und Stulle, zwei proletarische Schweine aus Berlin. Ein Gespräch über Bücher und Comics, Hitler in der Hölle und das Vulgäre in seinem Humor.

          7 Min.

          Ein typischer Berliner Wintertag. Der Comiczeichner Fil ist leicht erkältet und geschafft von seinem Bühnenauftritt am Abend zuvor. Er berlinert so schön, wie man es von seinen Figuren „Didi und Stulle“kennt. Und er ist ebenso lustig.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit zwanzig Jahren zeichnen Sie Didi und Stulle. Die beiden haben als Berliner Lokalgrößen angefangen, sind über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, aber nicht jeder kennt sie. Wie würden Sie Ihre Figuren beschreiben?

          Didi und Stulle sind sehr gute Freunde, die nur sich selbst haben, weil sie nicht so richtig verankert sind im Leben. Didi passt eigentlich nicht richtig in diese Welt, er ist ein großer Außenseiter, ein Freigeist auf seine verrückte Art, der auf alles eigene Antworten sucht. Stulle ist nicht so richtig definiert, er ist eher ein Raushalter.

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          Im Gespräch: Fil : Warum sind Berliner Schweine?

          Und die beiden sind Schweine.

          Das ist egal. Man sieht es inzwischen auch gar nicht mehr.

          Aber die Nähe dieser empfindsamen Tiere zum Menschen passt doch genial zu Didi und Stulle: Die beiden haben auf den zweiten Blick auch etwas Sensibles und Anrührendes.

          Ich glaube, wir würden uns auf jede Figur einlassen. Es gibt Comics, die nur aus Punkten mit Sprechblasen bestehen. Ich habe einmal das „Filhuhn“ konzipiert, das war nur ein geschlüpftes Ei mit Augen und Mund, aber ohne Arme und Beine, und selbst da funktionierte es. Ich wage zu behaupten: Es ist unmöglich, dass eine Comicfigur nicht funktioniert.

          Eigentlich haben Didi und Stulle typische Berliner Namen: Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski. Wo sind Ihnen die beiden zugelaufen?

          Ich bin im Märkischen Viertel aufgewachsen. Da gab es früher viele Biker. Wir Punks hatten immer etwas Ärger mit denen. Für die Biker war klar: Bestimmte Sachen gibt es nicht, zum Beispiel kurze, hochgestellte Haare. Die waren aber gleichzeitig auch sehr lustig. Auf solchen Typen jedenfalls basieren Didi und Stulle. Erst sollte Didi den kleinen Stulle unterdrücken, Stulle wiederum war als heimliches Genie konzipiert. Mittlerweile aber schlägt mein Herz eher für Didi: Er guckt nie fern, er hat auch kein Handy. Je älter ich werde, desto mehr steht er jenseits der Gesellschaft, wie ein Fels in der Brandung.

          Was beeinflusst Sie: literarische Eindrücke, Begegnungen, U-Bahn-Fahrten?

          Ich wohne jetzt in Prenzlauer Berg, da ist der Input anders als früher in Nord-Berlin. Als ich noch im Wedding oder in Moabit zu Hause war, habe ich gedacht: Das ist hier ist die Hölle, ein verzweifelter Ort. Ich habe damals auch in Fabriken und McDonald's gearbeitet. Nach der Schicht habe ich immer gleich gezeichnet, der Input war viel direkter.

          Wenn Didi zu Stulle „Jawollomatchen, Keulo“ sagt, haben Sie das also vorher irgendwo aufgeschnappt?

          Nee, viel habe ich mir auch immer ausgedacht. Es sollte Berlinerisch klingen, aber ich wollte nichts kopieren, das es schon gibt.

          Und was schnappen Sie heute auf?

          Ich bin heute ein typischer Prenzlauer-Berg-Vater, ich kriege jetzt eher alberne Gespräche von Medienmenschen und Webdesignern mit. Ich habe auch eine Serie über junge Eltern angefangen, aber das machen schon so viele - es ist sehr schwer, nicht das erstbeste Klischee zu bedienen. Deswegen sind meine Geschichten im Moment alle ein bisschen skurril und eskapistisch. Didi und Stulle passen in mein Bohemienleben gar nicht mehr hinein. Ich wünschte mir, dass die sich ums Geldverdienen sorgen müssten, aber das ist nicht mehr mein Leben.

          Sie sagen, dass Sie heute lieber Bücher als Comics lesen. Warum?

          Wenn man ernste Themen behandelt, sind Buch oder Film das stärkere Medium. Der Comic ist für mich ein lustiges Genre, wie Italo-Western. Gerade die Comics aus den sechziger Jahren habe ich geliebt, weil sie so wild und verrückt waren. Heute ist das gar nicht mehr so. Ich habe in den letzten Jahren drei Angebote bekommen, ein Buch zu schreiben. Ich habe jetzt schon vier verschiedene Sachen angefangen, und ich lege es immer wieder zur Seite, weil ich nicht locker bin. Ich habe Ehrfurcht. Bei den Comics und meiner Bühnenshow weiß ich dagegen: Das ist Trash. Nie habe ich gesagt, dass es in irgendeiner Weise Kunst wäre - deswegen bin ich frei. Und diese Freiheit habe ich beim Schreiben nicht.

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