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Im Gespräch: Donata Elschenbroich : Wie sollten Kinder aufwachsen, Frau Elschenbroich?

  • -Aktualisiert am
Die Autorin und Forscherin Donata Elschenbroich hat drei erwachsene Kinder
          6 Min.

          Sie haben Musik und Literatur des Mittelalters in München und London studiert. Wie kommt es, dass Sie eine Expertin für die ersten Jahre der Kindheit wurden?

          Sich in der Welt des zwölften Jahrhunderts zu bewegen war wunderbar, diese Literatur spricht zu mir. Ich war in den sechziger Jahren eine von nur sechs Prozent Frauen eines Jahrgangs, die studierten. So konnte es aber nicht ein Leben lang weitergehen. Nach dem Magisterexamen habe ich mich in Berlin umgesehen, in der geteilten Stadt, die damals schäbiger und beschädigter war als Städte im Westen, und habe das Märkische Viertel entdeckt: dreißigtausend Bewohner, viele davon aus ihren sanierungsbedürftigen Kreuzberger Hinterhöfen versetzt in zehngeschossige Hochhäuser. Ein Einkaufszentrum, ein paar Schulen gab es, die größte Schule war von vorne-herein als Sonderschule vorgesehen. Aber keine Cafés, keine Kindergärten, Spielplätze. Eine Lücke - und eine Chance.

          Was haben Sie dort gemacht?

          Einige Eltern hatten einen abgestellten Bauwagen entdeckt. Wir haben ihn auf ein leeres Grundstück geschoben, das war der erste Kindergarten. Das Bezirksamt Reinickendorf gab mir ein paar hundert Mark für Spielzeug. Von früher Bildung, wie man es heute nennt, hatte ich keine Ahnung. Kinderbücher kaufen - da konnte man nicht viel falsch machen. Aber ich komme ja aus einer Musikerfamilie, also Musik für Kinder! Dafür habe ich Orff-Instrumente angeschafft. Viel zu teuer, zu empfindlich, und ich wusste nicht, wie man damit umgeht. Immerhin haben wir viel gesungen. Aber wie man von Tag zu Tag zwölf Kinder bei der Stange hält, das musste ich mir jeden Tag neu ausdenken.

          Lernten Sie damals in Berlin die Erziehungs- oder Nichterziehungskonzepte der Kinderläden und Kitas kennen?

          Ja, wegen meines ältesten Sohns. Eine öffentliche Kita kam für mich überhaupt nicht in Frage. Die Kinderläden haben uns Eltern viel Arbeit gemacht, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir gejammert hätten. Wahrscheinlich hatten wir doch mehr Zeit als junge Eltern heute. Im Deutschen Jugendinstitut hat Jürgen Zimmer mit seiner Arbeitsgruppe damals den sogenannten Situationsansatz entwickelt. Er hat aufmerksam gemacht auf Themen, die die Kinder selbst interessieren, jenseits der eingespielten Routinen in den Kindergärten. Mit den Kindern gemeinsam den Alltag als Bildungsort entdecken, würde man heute sagen. Dieses Curriculum ums „soziale Lernen“ sollte in den siebziger Jahren in den Kindergärten quer durch die alte Bundesrepublik erprobt werden. Im Auftrag des Jugendinstituts habe ich mit diesem Konzept einige Jahre von Marburg aus die nordhessischen Kindergärten bereist. Die Erzieherinnen waren meist junge Frauen, sie spürten das Emanzipative in dem Ansatz, und sie wollten ja für sich selbst vieles anders.

          War dieses Projekt der Beginn Ihrer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut?

          Ja. Das Institut in München hatte in den siebziger Jahren noch wenige Mitarbeiter. Wir sind das Forschen damals unverfroren angegangen. Wir fanden, es sei an uns, Ideen zu entwickeln und dann die Ministerien von der Finanzierung zu überzeugen. Heute werden dem Institut die Themen stark von oben vorgegeben, und dann werden die Aufträge abgearbeitet. In den achtziger und neunziger Jahren wurde es allerdings merkwürdig still um die Kindheit. Da waren jetzt die Mütter im Blick, die Frauen, die um ihren Platz in der Arbeitswelt kämpften, und Kinder erschienen dabei oft nur noch als ein Organisationsproblem. Als ich Mitte der neunziger Jahre in der Geschäftsführung des Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung gearbeitet habe, und alles lesen musste, was jahrelang über Kindheit in Deutschland geforscht worden war, konnte ich kaum fassen, wie ideenarm und wie leblos das alles klang.

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