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Im Gespräch: Bodo Kirchhoff : War Sisyphos verheiratet, Herr Kirchhoff?

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Der öffentliche Diskurs über Sexualität hat sich mehrfach gewandelt in den vergangenen Jahrzehnten. Sexualität war Instrument der Befreiung, Leistungssport, Konsumartikel und anderes mehr. Inwieweit hat dieser Diskurs Ihr Scheiben beeinflusst?

Ich habe unendlich öfter über Sexualität nachgedacht, als sie praktiziert. Aber es ging mir vor allem um meinen eigenen Entwicklungsprozess, meine eigene Geschichte, unabhängig von irgendwelchen Diskursen, und ich hoffe, dass mir in meinem Schreibleben noch das Buch gelingen wird, das die Summe aus dieser intimen Entwicklung zieht. Die Summe meines Lebens mit einem anderen Menschen, mit einer Frau, habe ich mit „Die Liebe in groben Zügen“ für mich und den Leser gezogen. Natürlich spielt auch in diesem Roman Sexualität eine Rolle, aber nicht die abgründige Sexualität, die einen verschlingt, wo das Laster zum Ich-Ersatz wird.

Sie haben einmal gesagt: „Schreiben ist Handwerk plus eigener Abgrund, das eine ohne das andere ist nichts.“ Stimmt es, dass Sie diese Maxime allen ans Herz legen, die an den Schreibkursen teilnehmen, die Sie regelmäßig zusammen mit Ihrer Ehefrau Ulrike in Ihrem Haus am Gardasee anbieten?

Ja, das ist richtig. Wer nur korrekte Sätze aneinanderreiht und ja nichts falsch machen will, wird nur langweilige Bücher schreiben, während das reine Ausagieren eigener Abgründe in der Regel zu gar keinem Buch führt.

Aber was machen Sie, wenn Sie feststellen, dass da vielleicht jemand zu Ihnen gekommen ist, der gar keinen eigenen Abgrund hat? Kann man Abgrund lernen?

Nein, da darf man niemandem etwas vormachen. Die Kunst liegt schon in der Paradoxie, dass man zum Schreiben die Disziplin ebenso braucht wie die Fähigkeit, sich fallen zu lassen. Das ist es ja, was das Schreiben so anstrengend macht und so beglückend, wenn es gelingt. Talent hat, wer beides in sich trägt. Das kann man erkennen. Wenn unsere Kursteilnehmer ihre Texte vortragen, interessiert mich im Grunde nur der eine wirklich gute Satz, der mich an einem Text überrascht. Und dann rede ich meistens sehr lange darüber, warum dieser Satz gut ist und mache ihn zu einer Schanze, von der der weitere Text einen Sprung machen kann.

„Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.“ So lautet der erste Satz Ihres neuen Romans. Was macht ihn so gut?

Ich habe eines Nachts stundenlang wachgelegen und mir den Kopf mit der Frage zermartert, worin eigentlich die Quintessenz meines Stoffes besteht. Dieser Satz sagt es, und als ich ihn hatte, ging es nur noch darum, diesen Satz zu erzählen, nach und nach, mit allen Details. Dann war der Roman geschrieben.

Sie sprechen nicht von der Liebe, sondern von der Sehnsucht nach Liebe, als handelte es sich um einen unerfüllbaren Wunsch.

Ich denke, dass Liebe zum großen Teil aus der Sehnsucht nach Liebe besteht und aus der Erinnerung an sie. Liebe in der Gegenwart hat vor allem etwas mit gemeinsam verbrachter Zeit zu tun - der Höhepunkt ist die Dauer, heißt es an einer Stelle in meinem Roman. Was ist denn die Liebe, außerhalb ihrer Idee? Sie ist oft nur ein schöner Moment, und im nächsten Moment erinnern wir uns schon an ihn.

Müssen wir uns also Sisyphos als einen verheirateten Mann vorstellen?

Das ist eine wundervolle Frage. Ja, ich denke, wir sollten uns Sisyphos als einen lange verheirateten Mann vorstellen.

Zur Person

Bodo Kirchhoff wird 1948 in Hamburg geboren. Er wächst im Schwarzwald und nach der Scheidung der Eltern in einem Internat am Bodensee auf.

Das Pädagogikstudium in Frankfurt am Main schließt er mit einer Dissertation über Jacques Lacan ab.

Die Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“, das literarische Debüt, erscheint 1979. Mehrere Bücher folgen, bis 1990 mit dem Roman „Infanta“ der Durchbruch gelingt.

Von nun an veröffentlicht Kirchhoff neben Romanen, Erzählungen und Drehbüchern alle zehn Jahre ein großes Buch: 2001 erscheint „Parlando“; in diesem Herbst „Die Liebe in groben Zügen“.

Zusammen mit seiner Frau Ulrike Bauer gibt er seit zehn Jahren Schreibkurse im gemeinsamen Haus am Gardasee.

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