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Im Gespräch: Bodo Kirchhoff : War Sisyphos verheiratet, Herr Kirchhoff?

  • Aktualisiert am

Bodo Kirchhoff Bild: Burkhard Neie

Die sieben Fassungen seines neuen Romans „Die Liebe in groben Zügen“ liegen noch immer in Griffweite. Im Interview spricht Bodo Kirchhoff über die Risiken des Schriftstellers und regt eine literarische Bestsellerliste an.

          Herr Kirchhoff, gibt es einen Unterschied zwischen einem Eheroman und einem Liebesroman?

          Oh ja, da gibt es einen deutlichen Unterschied. Im Eheroman geht es immer um die Kategorie der Dauer, ein Liebesroman hingegen kann im Grunde genommen auch einen sehr kurzen, intensiven Zeitraum erzählen. Der Eheroman ist immer verwoben mit dem Lebensganzen der Hauptfiguren. Deshalb stellt sich, wenn es zum Schwur kommt und die Trennung droht, immer die wichtige Frage: Wie viel verliere ich von mir selbst, wenn ich mich trenne, von welcher Substanz meines gelebten Lebens trenne ich mich gleichzeitig? Das ist in der Liebesgeschichte, der Liebesaffäre eher nicht so, dort zählt nur der vorübergehende Schmerz.

          Der Roman des neunzehnten Jahrhunderts schilderte die Ehe vor allem als Unglückszustand. Dann kam das Scheidungsrecht und mit ihm eine Welle von Romanen, für die an der Ehe nur ihr Ende, also der Ausbruch aus dem Ehekäfig, interessant war. Sie blicken jetzt in Ihrem neuen Roman auf eine Beziehung, die dreißig Jahre überstanden hat. Sind wir in einer Phase angekommen, für die jede dauerhafte Ehe etwas Heroisches an sich hat?

          Das glaube ich nicht. Heroisch sind Liebesprojekte wie „Romeo und Julia“ oder „Doktor Schiwago“. Heute ist es anders: Das Heroische ist allenfalls verborgen in der Alltäglichkeit, in dem stillen über sich Hinauswachsen beider - wenn jeder dem anderen seinen Raum zubilligt, der nur ihm gehört. Das bedeutet einerseits einen Zuwachs an Freiheit und andererseits ein höheres Maß an Einsamkeit, man ist dann mit seinem Erleben auch allein und teilt nicht alles geschwisterlich mit dem anderen; der Liebespartner ist kein naher Verwandter. Da helfen uns weder gesetzliche, noch familiäre Rahmenkonstruktionen. Das Liebesprojekt der Wahlverwandtschaften ist zwar nach wie vor ein schönes Ideal, das aber auch, wie das sexuelle Begehren, auf den Prüfstand der Zeit gestellt wird.

          Ist Dauer in der Ehe ein Wert an sich?

          Was überhaupt im Leben stellt einen Wert an sich dar? Für mich gibt es darauf nur drei Antworten: das Leben weiterzureichen durch Kinder oder es weiterzureichen durch Arbeit, sei es künstlerische oder in anderer Form gestalterische. Und auch der Einsatz für andere Menschen stellt einen Wert dar, der über die eigene kleine Existenz hinausreicht - etwas, das bis in die Ehe hineinreicht, wenn man nur an das Alter, an die gegenseitige Pflege denkt.

          In Ihrem Roman, der die Geschichte des Ehepaares Renz und Vila erzählt, legen Sie das Hauptgewicht auf Vila. Es ist ja nicht ohne Risiko, wenn ein männlicher Autor die Perspektive einer weiblichen Hauptfigur einnimmt. Warum ist „Die Liebe in groben Zügen“ in erster Linie Vilas Buch?

          Weil ich im Laufe meines Lebens viel mehr mit Frauen als mit Männern zu tun hatte. Wahrscheinlich kenne ich Frauen einfach besser als Männer. Und deshalb kenne ich auch mich im Verhältnis zu Frauen besser, als ich mich in meinem Verhältnis zu Männern kenne. Vila ist aber auch eine Liebeserklärung an meine Frau, und ihr gerecht zu werden, war nebenbei gesagt die große schriftstellerische Herausforderung.

          An Herausforderungen kann man scheitern. Brauchen Sie den Reiz, der von dieser Gefahr ausgeht?

          Ich lebe nun seit 33 Jahren vom Schreiben, und ich lebe immer mit der Gefahr, dass ich mit einem Buch nicht durchdringe. Damit meine ich nicht das Risiko, dass ich an dem Buch scheitere, sondern nicht die dafür in Frage kommenden Leserinnen und Leser erreiche. Wer wie ich sechs Jahre an einem Roman arbeitet, geht mit seiner Lebenszeit ein hohes Risiko ein. Und dieses Risiko hat in den letzten dreißig Jahren erheblich zugenommen. Der Kuchen der Aufmerksamkeit des Publikums ist nicht größer geworden. Aber die Mittel, sich ein Stück davon herauszuschneiden, werden immer raffinierter, und das Vorgehen dabei immer dreister. Was helfen könnte, wäre die Einführung einer literarischen Bestsellerliste, um nicht länger mit dem ganzen Unterhaltungsschrott konkurrieren zu müssen.

          Bleiben wir noch einen Moment beim Risiko. In Ihrem Buch steht der Satz: „Das Lieben ist die Karriere der Frauen.“

          Ein solcher Satz ist gewagt, das ist mir klar. Aber ich glaube, dass in diesem Satz so viel Wahrheit steckt, dass ich ihn nicht unterdrücken sollte. Außerdem geht dieser Satz ja noch weiter. Da steht nämlich, dass das Lieben die Karriere jener Frauen ist, die von der Beachtung von Männern abhängig sind. Das gilt zum Teil auch für Vila, auch sie ist nicht frei von dieser Abhängigkeit. Aber nicht nur dieser Satz, das ganze Buch ist hochriskant, nicht zuletzt, weil ich es mit manchen äußeren Daten meines Lebens verknüpft habe, ohne dass es meine Geschichte wäre, die hier erzählt wird. Aber ohne ein solches Wagnis hätte ich den Roman gar nicht schreiben können.

          Der Satz mag für Vila ja zum Teil stimmen. Aber ist er nicht in Zeiten weiblicher Quotenkarrieren weitgehend überholt?

          Das glaube ich nicht. Wer lieben will, muss in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. Das können Frauen meistens besser. Und wenn ich in diesem Zusammenhang von Karriere spreche, dann meine ich eine Karriere, die nach innen geht. Viele Frauen werden im Laufe ihres Lebens immer liebesfähiger, während sich die Männer gerne mit Höherem verbinden, wie auch Franz von Assisi im Roman.

          Einige Kritiker haben Ihnen die Saturiertheit Ihrer Figuren vorgeworfen: Ein Haus am Gardasee, anständige Rotweine, man fährt Jaguar. Hat Sie der Vorwurf getroffen?

          Die Figuren sind keineswegs saturiert. Ihr Wohlstand, mehr ist es ja nicht, hängt an seidenen Fäden. Da gibt es keine langfristigen Arbeitsverträge, von einer vernünftigen Altersvorsorge ganz zu schweigen. Das habe ich mit meinen Figuren gemeinsam: von der Hand in den Mund leben, aber durch Anstrengung auf einem gewissen Niveau. Ich habe dieses Milieu der Medien und dem relativen Wohlstand darin sehr bewusst gewählt. Die großen Eheromane, nehmen Sie die von Stendhal, Tolstoi oder James Salter, waren immer in einem sehr konkreten bürgerlichen Milieu angesiedelt, und Repräsentanten der Medien sind heute Repräsentanten eines fadenscheinigen Bürgertums. Ich lebe nicht so wie meine Figuren, aber ich kenne die Welt, in der sie sich bewegen.

          Sie gehen weder mit diesem Milieu noch mit Ihren Figuren besonders rücksichtsvoll um.

          Dass ich die Neigung habe, auf niemanden Rücksicht zu nehmen, das geht wohl aus den meisten meiner Bücher hervor. Und auch bei diesem Roman stellte sich nicht die Frage, wie weit ich gehe, sondern wie ich die richtige Form dafür finde. Da waren mehrere Anläufe nötig, sechs Jahre und insgesamt sieben Fassungen.

          Was hat Ihnen dabei am meisten Mühe bereitet?

          Mir hat kürzlich jemand gesagt, dass sich meine Bücher läsen, als stieße ich quer durch mich hindurch zu meinen Figuren. Das stimmt wohl und ist oft ein quälender Prozess, und es kann gut sein, dass am Ende dann meine Fleischfetzen an den Figuren hängen und sie lebendig machen.

          Ist neben der Schonungslosigkeit vielleicht eine gewisse Lust, sich auszusetzen und angreifbar zu machen, eine der Konstanten in Ihrem Werk?

          Doch, durchaus. Ich würde nicht von Masochismus sprechen, aber eine Lust, die offenen Flanken hinzuhalten, die gibt es schon. Ich habe mich nie dafür interessiert, in meinem Schreiben wasserdicht und unangreifbar zu sein.

          Eine Kapitelüberschrift Ihrer Poetik-Vorlesung lautet: „Auf dem Weg zu einer Sprache der Sexualität“. Ist das nicht die größte Konstante überhaupt in Ihrem Werk?

          Ja, zweifellos, die größte und wichtigste Konstante. Das ist für mich ein Weg, in dem ich mich in kleinen Schritten und in einem kleinen Radius von der Unmittelbarkeit und meiner frühen Befangenheit wegbewegt habe und von der Gegenwart des Erlebten immer mehr zur Erinnerung gelangt bin. Von Sexualität zu erzählen, das hat für mich nichts mit Feuchtgebieten oder Fesselspielchen für Hausfrauen zu tun, sondern da geht es um eine Sprache, in der die Distanz, die in der Erinnerung liegt, und die Präsenz und Gegenwärtigkeit des Erlebten zueinander finden und beides zu seinem Recht kommt.

          Der öffentliche Diskurs über Sexualität hat sich mehrfach gewandelt in den vergangenen Jahrzehnten. Sexualität war Instrument der Befreiung, Leistungssport, Konsumartikel und anderes mehr. Inwieweit hat dieser Diskurs Ihr Scheiben beeinflusst?

          Ich habe unendlich öfter über Sexualität nachgedacht, als sie praktiziert. Aber es ging mir vor allem um meinen eigenen Entwicklungsprozess, meine eigene Geschichte, unabhängig von irgendwelchen Diskursen, und ich hoffe, dass mir in meinem Schreibleben noch das Buch gelingen wird, das die Summe aus dieser intimen Entwicklung zieht. Die Summe meines Lebens mit einem anderen Menschen, mit einer Frau, habe ich mit „Die Liebe in groben Zügen“ für mich und den Leser gezogen. Natürlich spielt auch in diesem Roman Sexualität eine Rolle, aber nicht die abgründige Sexualität, die einen verschlingt, wo das Laster zum Ich-Ersatz wird.

          Sie haben einmal gesagt: „Schreiben ist Handwerk plus eigener Abgrund, das eine ohne das andere ist nichts.“ Stimmt es, dass Sie diese Maxime allen ans Herz legen, die an den Schreibkursen teilnehmen, die Sie regelmäßig zusammen mit Ihrer Ehefrau Ulrike in Ihrem Haus am Gardasee anbieten?

          Ja, das ist richtig. Wer nur korrekte Sätze aneinanderreiht und ja nichts falsch machen will, wird nur langweilige Bücher schreiben, während das reine Ausagieren eigener Abgründe in der Regel zu gar keinem Buch führt.

          Aber was machen Sie, wenn Sie feststellen, dass da vielleicht jemand zu Ihnen gekommen ist, der gar keinen eigenen Abgrund hat? Kann man Abgrund lernen?

          Nein, da darf man niemandem etwas vormachen. Die Kunst liegt schon in der Paradoxie, dass man zum Schreiben die Disziplin ebenso braucht wie die Fähigkeit, sich fallen zu lassen. Das ist es ja, was das Schreiben so anstrengend macht und so beglückend, wenn es gelingt. Talent hat, wer beides in sich trägt. Das kann man erkennen. Wenn unsere Kursteilnehmer ihre Texte vortragen, interessiert mich im Grunde nur der eine wirklich gute Satz, der mich an einem Text überrascht. Und dann rede ich meistens sehr lange darüber, warum dieser Satz gut ist und mache ihn zu einer Schanze, von der der weitere Text einen Sprung machen kann.

          „Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.“ So lautet der erste Satz Ihres neuen Romans. Was macht ihn so gut?

          Ich habe eines Nachts stundenlang wachgelegen und mir den Kopf mit der Frage zermartert, worin eigentlich die Quintessenz meines Stoffes besteht. Dieser Satz sagt es, und als ich ihn hatte, ging es nur noch darum, diesen Satz zu erzählen, nach und nach, mit allen Details. Dann war der Roman geschrieben.

          Sie sprechen nicht von der Liebe, sondern von der Sehnsucht nach Liebe, als handelte es sich um einen unerfüllbaren Wunsch.

          Ich denke, dass Liebe zum großen Teil aus der Sehnsucht nach Liebe besteht und aus der Erinnerung an sie. Liebe in der Gegenwart hat vor allem etwas mit gemeinsam verbrachter Zeit zu tun - der Höhepunkt ist die Dauer, heißt es an einer Stelle in meinem Roman. Was ist denn die Liebe, außerhalb ihrer Idee? Sie ist oft nur ein schöner Moment, und im nächsten Moment erinnern wir uns schon an ihn.

          Müssen wir uns also Sisyphos als einen verheirateten Mann vorstellen?

          Das ist eine wundervolle Frage. Ja, ich denke, wir sollten uns Sisyphos als einen lange verheirateten Mann vorstellen.

          Zur Person

          Bodo Kirchhoff wird 1948 in Hamburg geboren. Er wächst im Schwarzwald und nach der Scheidung der Eltern in einem Internat am Bodensee auf.

          Das Pädagogikstudium in Frankfurt am Main schließt er mit einer Dissertation über Jacques Lacan ab.

          Die Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“, das literarische Debüt, erscheint 1979. Mehrere Bücher folgen, bis 1990 mit dem Roman „Infanta“ der Durchbruch gelingt.

          Von nun an veröffentlicht Kirchhoff neben Romanen, Erzählungen und Drehbüchern alle zehn Jahre ein großes Buch: 2001 erscheint „Parlando“; in diesem Herbst „Die Liebe in groben Zügen“.

          Zusammen mit seiner Frau Ulrike Bauer gibt er seit zehn Jahren Schreibkurse im gemeinsamen Haus am Gardasee.

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