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Im Gespräch: Bodo Kirchhoff : War Sisyphos verheiratet, Herr Kirchhoff?

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Bleiben wir noch einen Moment beim Risiko. In Ihrem Buch steht der Satz: „Das Lieben ist die Karriere der Frauen.“

Ein solcher Satz ist gewagt, das ist mir klar. Aber ich glaube, dass in diesem Satz so viel Wahrheit steckt, dass ich ihn nicht unterdrücken sollte. Außerdem geht dieser Satz ja noch weiter. Da steht nämlich, dass das Lieben die Karriere jener Frauen ist, die von der Beachtung von Männern abhängig sind. Das gilt zum Teil auch für Vila, auch sie ist nicht frei von dieser Abhängigkeit. Aber nicht nur dieser Satz, das ganze Buch ist hochriskant, nicht zuletzt, weil ich es mit manchen äußeren Daten meines Lebens verknüpft habe, ohne dass es meine Geschichte wäre, die hier erzählt wird. Aber ohne ein solches Wagnis hätte ich den Roman gar nicht schreiben können.

Der Satz mag für Vila ja zum Teil stimmen. Aber ist er nicht in Zeiten weiblicher Quotenkarrieren weitgehend überholt?

Das glaube ich nicht. Wer lieben will, muss in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. Das können Frauen meistens besser. Und wenn ich in diesem Zusammenhang von Karriere spreche, dann meine ich eine Karriere, die nach innen geht. Viele Frauen werden im Laufe ihres Lebens immer liebesfähiger, während sich die Männer gerne mit Höherem verbinden, wie auch Franz von Assisi im Roman.

Einige Kritiker haben Ihnen die Saturiertheit Ihrer Figuren vorgeworfen: Ein Haus am Gardasee, anständige Rotweine, man fährt Jaguar. Hat Sie der Vorwurf getroffen?

Die Figuren sind keineswegs saturiert. Ihr Wohlstand, mehr ist es ja nicht, hängt an seidenen Fäden. Da gibt es keine langfristigen Arbeitsverträge, von einer vernünftigen Altersvorsorge ganz zu schweigen. Das habe ich mit meinen Figuren gemeinsam: von der Hand in den Mund leben, aber durch Anstrengung auf einem gewissen Niveau. Ich habe dieses Milieu der Medien und dem relativen Wohlstand darin sehr bewusst gewählt. Die großen Eheromane, nehmen Sie die von Stendhal, Tolstoi oder James Salter, waren immer in einem sehr konkreten bürgerlichen Milieu angesiedelt, und Repräsentanten der Medien sind heute Repräsentanten eines fadenscheinigen Bürgertums. Ich lebe nicht so wie meine Figuren, aber ich kenne die Welt, in der sie sich bewegen.

Sie gehen weder mit diesem Milieu noch mit Ihren Figuren besonders rücksichtsvoll um.

Dass ich die Neigung habe, auf niemanden Rücksicht zu nehmen, das geht wohl aus den meisten meiner Bücher hervor. Und auch bei diesem Roman stellte sich nicht die Frage, wie weit ich gehe, sondern wie ich die richtige Form dafür finde. Da waren mehrere Anläufe nötig, sechs Jahre und insgesamt sieben Fassungen.

Was hat Ihnen dabei am meisten Mühe bereitet?

Mir hat kürzlich jemand gesagt, dass sich meine Bücher läsen, als stieße ich quer durch mich hindurch zu meinen Figuren. Das stimmt wohl und ist oft ein quälender Prozess, und es kann gut sein, dass am Ende dann meine Fleischfetzen an den Figuren hängen und sie lebendig machen.

Ist neben der Schonungslosigkeit vielleicht eine gewisse Lust, sich auszusetzen und angreifbar zu machen, eine der Konstanten in Ihrem Werk?

Doch, durchaus. Ich würde nicht von Masochismus sprechen, aber eine Lust, die offenen Flanken hinzuhalten, die gibt es schon. Ich habe mich nie dafür interessiert, in meinem Schreiben wasserdicht und unangreifbar zu sein.

Eine Kapitelüberschrift Ihrer Poetik-Vorlesung lautet: „Auf dem Weg zu einer Sprache der Sexualität“. Ist das nicht die größte Konstante überhaupt in Ihrem Werk?

Ja, zweifellos, die größte und wichtigste Konstante. Das ist für mich ein Weg, in dem ich mich in kleinen Schritten und in einem kleinen Radius von der Unmittelbarkeit und meiner frühen Befangenheit wegbewegt habe und von der Gegenwart des Erlebten immer mehr zur Erinnerung gelangt bin. Von Sexualität zu erzählen, das hat für mich nichts mit Feuchtgebieten oder Fesselspielchen für Hausfrauen zu tun, sondern da geht es um eine Sprache, in der die Distanz, die in der Erinnerung liegt, und die Präsenz und Gegenwärtigkeit des Erlebten zueinander finden und beides zu seinem Recht kommt.

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