https://www.faz.net/-gqz-81c1a

E-Book-Piraterie : Es kommt die Generation kostenlos

  • -Aktualisiert am

Ist also die Gratismentalität an allem schuld? Die Erklärung greift zu kurz, weil sie übersieht, dass Piraterie ein Geschäftsmodell ist. Eine nicht geringe Zahl an Menschen verdient prächtig an der illegalen Verwertungskette. Viele Uploader stellen etwa die Dokumente nicht einfach in wohltätiger Robin-Hood-Manier ins Netz, sondern erhalten Geld von den Hostern. Der in Deutschland beliebteste Anbieter, uploaded.net, zahlt pro tausend Downloads zehn Euro für eine drei bis hundert Megabyte große und sogar vierzig Euro für eine bis zu einem Gigabyte große Datei, so Andreas Kaspar. Außerdem werde man für neu angeworbene Kunden entlohnt. Die One-Click-Hoster selbst verdienen ihr Geld durch monatliche Beträge, die man als Premiumnutzer entrichten muss.

Weitere Profiteure sind die Werbetreibenden, die auf den illegalen Seiten Banner schalten, die Finanzdienstleister, mit Hilfe derer man die Hoster inkognito bezahlt, und natürlich die Betreiber der Plattformen, auf denen die Downloadlinks veröffentlicht werden. Die Portale sind oft in Ländern wie Belize oder Tonga registriert, in denen nur laxe Regeln bei der Vergabe von Internetdomains gelten. So gelingt es den Betreibern meist, anonym zu bleiben – und die Staaten freuen sich über die Einnahmen. Auch viele OCHs sind dort „zu Hause“; anders als zu vermuten wäre, liegen die illegalen Dateien nicht in der Südsee, sondern auf deutschen, niederländischen oder französischen Servern, wie Kaspar betont. Damit sind weitere Nutznießer der Piraterie benannt – Rechenzentren, die sich den vergebenen Speicherplatz bezahlen lassen.

So bildet das globale Piraterie-Netzwerk ein komplexes System, dem nur mit erheblichen Aufwand beizukommen ist. Dazu bräuchte es zunächst den politischen Willen. Laut Björn Frommer von der Anwaltskanzlei Waldorf Frommer ist dieser seit kurzem endlich vorhanden. Ein Entwurf für eine Änderung des Telemediengesetzes sieht vor, OCHs stärker als bisher für ihre Inhalte haften zu lassen. Darüber hinaus hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters zwischenzeitlich ein Positionspapier zum Urheberrecht veröffentlicht, in dem es heißt: „Künstler und Kreative müssen von ihrer Arbeit leben – und nicht nur knapp überleben – können.“ Eine späte Einsicht, woanders ist man schon weiter.

Verlust des Wertgefühls

„England ist uns mit seiner Anti-Piraterie-Einheit PIPCU weit voraus“, sagt Christian Sprang, der Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Letztlich könne man das Problem aber ohnehin nur über internationale Abkommen lösen, national lasse sich wenig ausrichten. „Wenn wir heute nicht nachweisen können, dass der Täter Deutschland-Bezug hat, lautet die Empfehlung, sich an die Behörden im Ausland zu wenden, also etwa in Russland und der Ukraine.“ Das bleibe naturgemäß ohne Ergebnis.

Für die Zukunft ist Anwalt Frommer pessimistisch: „Nachfolgende Generationen werden es verlernen, Geld für Inhalte auszugeben, denn in ihrer Wahrnehmung ist content kostenlos erhältlich und nur einen Mausklick entfernt. Es wächst eine ganze Generation heran, die den Wert von Kulturerzeugnissen schlichtweg gar nicht mehr beurteilen kann.“

Dieser Auffassung steht die zwar nicht entspannte, aber keineswegs panische Sichtweise der Verlage gegenüber. Der Umsatz der Branche blieb bisher relativ stabil, trotz Amazon, trotz Filesharing. Anders als bei der Musikindustrie ist die Katastrophe ausgeblieben – die Gnade der späten Geburt sieht Christian Sprang am Werk. So bleibt die Digitalisierung zwar weiterhin eine Herausforderung für Buchhandel und Verlage, geentert haben die Piraten das gemeinsame Boot aber noch nicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine Frau vor einem Halbleiterbild auf einer Messe in Schanghai

Dramatischer Chip-Mangel : „Das ist wie Brandbekämpfung“

Weil Halbleiter knapp sind, gerät die Produktion in Not. Doch die Engpässe der Hersteller werden erst in den kommenden Wochen so richtig bei den Kunden ankommen – und das verspricht wenig Gutes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.