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Ich und Kempowski IV : Er ging wie angestochen durchs Leben

  • -Aktualisiert am

Ausschnitt des Tagungs-Flyers Bild: Universität Rostock

Ich glaube, das kann man mal wieder machen: Auf der genialen Tagung über Walter Kempowski in Rostock ist evident geworden, dass der Dichter den Rang eines Nationalschriftstellers hat.

          4 Min.

          Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          * * *

          Ich erinnere mich daran, wie ich im Juli 2007, wenige Wochen vor dem Tod des Meisters, mit Kempowski in dem so extrem langen Büchergang von Haus Kreienhoop - „Minutenlang ging man hier an Büchern vorbei“, heißt es in den „Hundstagen“ - saß und er mich, weil ihn die Fliegen störten, bat, „doch mal bitte eben“ die Klatsche aus dem Nebenzimmer zu holen. Das tat ich. Es dauerte allerdings länger, als wir gedacht hatten, denn ich fand das Ding nicht auf Anhieb. Als ich dann später wieder zu Hause war und das Band, das ich zum Mitschnitt unseres Gesprächs laufen gelassen hatte (mit Kempowskis Billigung natürlich), abhörte, stieß ich auf die Stelle mit der Fliegenklatsche und hörte dann, wie Kempowski, während ich im Nebenzimmer hektisch suchte, ganz tief, fast demonstrativ seufzte und mehrmals hintereinander ein „Herrgott!“ hervorstieß. Ich glaube nicht, dass diese Unmutsäußerung seinem bereits sehr hinfälligen körperlichen Zustand galt, über den er gar kein Aufhebens machte, sondern einzig der Tatsache, dass ich mich so dumm anstellte und hier unnötig Zeit, seine Zeit vertrödelte.

          So war er. Mir scheint, dass aus dieser Differenz, diesem Umschlagen von absoluter, mildester Liebenswürdigkeit in den Wutausbruch etwas zu lernen ist: Walter Kempowski war ein Mensch, für den kulturell eingeübte und normalerweise auch geforderte Kategorien wie Beherrschung und Rücksichtnahme äußerst prekäre, störanfällige Gebilde waren. Daraus, aus dem eigenen Bewusstsein, dass es sich bei ihm (leider) so verhält, resultiert, so scheint mir, seine Abgründigkeit. Und sie kam, ohne dass sie ausdrücklich bemüht worden wäre, bei der, man muss schon sagen: genial gelungenen Rostocker Tagung allenthalben zum Vorschein. Das war nur möglich, weil alle, die Referenten und die Zuhörer, einen vollkommen unbetulichen, auch von Rücksichten auf die anwesende Witwe nicht nennenswert eingeschränkten Zugang auf ihren Gegenstand gefunden hatten.

          Ungeheure Energie und Arbeitsleistung

          Wenn man sich ansieht, was bei Tagung herauskam, auf der evident wurde, dass Kempowski den Rang eines Nationalschriftstellers in einem altmodischen, aber irgendwie auch zutreffenden Sinne hat, dann bekommt man einen Begriff für die ungeheure Energie und Arbeitsleistung dieses Mannes, der, wie ein amerikanischer Redner ausführte, so viel (vor allem deutschsprachige) Dichtung in seinem eigenen Werk zitiere oder darauf anspiele wie kein zweiter. Das führte dann automatisch zu der Frage, wie viel dieser Mensch denn überhaupt habe lesen können.

          Eine Germanistin aus Lüttich stand auf und sagte, sie habe einmal einen Selbstversuch gemacht, ob man ans Kempowski-Pensum herankomme, und sich eines Nachts Marie Luise Kaschnitz vorgeknöpft, dabei allerdings irgendwann gegen 1.15 Uhr eingeschlafen. Andere meinten, Kempowski habe, ganz wie ein Professor, auch andere für sich lesen lassen. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit er auch noch vor dem Fernseher verbracht hat - sein „Bloomsday“-Tagebuch von 1997, in dem ein ganzer, zappend durch siebenunddreißig Programme absolvierter Fernsehtag des 16. Juni vermerkt ist, kam ausführlich zur Sprache -, dann muss man sagen, dass Kempowski seine Tage, die ja auch nur vierundzwanzig Stunden hatten, einfach zu nutzen wusste und, wie es einmal im Tagebuch heißt, „wie angestochen durchs Leben“ ging und am liebsten alles gleichzeitig gemacht hätte, pinkeln, Zähneputzen, Haare kämmen, nur, um dann noch mehr Zeit zu haben.

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