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Ian McEwan im Gespräch : Wo liegen die Tore zum Paradies, Mr McEwan?

  • -Aktualisiert am

Ian McEwan Bild: Illustration Burkhard Neie

Mit Büchern wie „Amsterdam“, „Abbitte“ und „Saturday“ ist Ian Russell McEwan berühmter und erfolgreicher geworden als alle anderen britischen Schriftsteller seiner Generation. Julika Griem hat ihn in seinem Haus im Westlondoner Stadtteil Fitzrovia getroffen.

          Mit Büchern wie „Amsterdam“, „Abbitte“ und „Saturday“ ist Ian McEwan berühmter und erfolgreicher geworden als alle anderen britischen Schriftsteller seiner Generation. Wir haben ihn in seinem Haus im Westlondoner Stadtteil Fitzrovia getroffen.

          Sie haben sich einmal als „Zeitungs-Junkie“ beschrieben. Was lesen Sie an einem normalen Morgen wie diesem?

          Ich bin tatsächlich ein zwanghafter Zeitungsleser. Ich lese den „Guardian“, die „Herald Tribune“, und ich durchforste das Internet. Da meine produktivste Arbeitszeit der Vormittag ist, sind die Zeitungen aber natürlich auch der Feind des Schreibens; das ist immer ein Kampf.

          „Saturday“, Ihr letzter Roman, spielte ganz in der Gegenwart der alltäglichen Schreckensmeldungen nach 9/11. Warum gehen Sie mit Ihrem neuen Roman „Am Strand“ zurück in die frühen sechziger Jahre?

          Das war keine bewusste Entscheidung. Es hat sich irgendwann aus dem Material ergeben. Ich wollte unbedingt über eine Hochzeitsnacht schreiben, weil dieses Ereignis eine so schön abgeschlossene Qualität hat; es verkörpert die Einheit von Raum und Zeit besonders überzeugend. Als ich zu recherchieren begann, war ich überrascht, dass es gar nicht so viele Romane und Erzählungen gibt, die eine Hochzeitsnacht in den Mittelpunkt rücken. Nachdem ich mich für dieses Sujet entschieden hatte, fand ich es reizvoll, mein Paar Anfang der sechziger Jahre heiraten zu lassen, weil Verdrängung und soziale Nervosität, wichtige Phänomene dieser Zeit, vielversprechende literarische Themen sind: Sie erlauben es zu erkunden, wie Menschen ihre Motive und Gesten missverstehen; wie sie oft nicht einmal ihre eigenen Ängste und Probleme in Worte fassen können. Aus diesen Überlegungen hat sich dann der historische Schauplatz des Romans ergeben.

          Ist „Am Strand“ ein besonders privates Buch geworden, oder lädt der Roman eher dazu ein, das Politische im Privaten zu entdecken?

          Es ist sicherlich kein besonders politischer Roman. Es gibt aber natürlich einen sozialen Hintergrund der Figuren, der auch Politisches erkennen lässt. Mir ist durchaus bewusst, dass das Buch als soziologische Diagnose gelesen werden könnte - Edward und Florence, die Frischverheirateten, die sich in ihrer Hochzeitsnacht so furchtbar missverstehen, könnten als repräsentative Typen des Jahres 1962 betrachtet werden. Mich hat aber gerade die Spannung zwischen diesen beiden individuellen Leben interessiert, ihr Entscheidungsspielraum und die Kräfte, die ihn einschränken. Deswegen ist auch Florence mit ihrer ganz besonderen Furcht, mit ihrem Ekel vor dem Sexuellen mehr ein Individuum als die Stellvertreterin einer Generation. Romane leben nicht von Verallgemeinerungen. Ihnen kann es nicht um Statistiken, um Soziologie gehen, sondern sie müssen sich für das einzelne, private, gefühlte Leben interessieren.

          Sie zeigen die Jungverheirateten aber auch als Angehörige einer Klassengesellschaft. Mich hat Ihre Analyse der feinen Unterschiede in den Szenen beeindruckt, in denen der junge Ehemann, der aus einfachen Verhältnissen stammt, im Elternhaus seiner Verlobten Joghurt und Oliven zu essen bekommt, Dinge, die ihm exotisch erscheinen und die er nur mit Mühe herunterbekommt. Haben sich diese Klassengegensätze nicht längst verflüchtigt?

          Nein, sie sind natürlich nicht verschwunden, das kann man am eigenen Leib erfahren. Auch heute noch lassen viele Kinder aus der Unterschicht, die fast nie frisches Obst essen, einen Rucolasalat angewidert stehen. Die Schwester meiner Frau hat selbst einen gewissen sozialen Abstieg durchmachen müssen, und ihre Kinder leben von Pizza und Burgern. Wenn meine Frau ihnen manchmal ein paar Vorräte vorbeibringt, konfrontiert sie die zwölf, dreizehn Jahre alten Kindern mit etwas absolut Neuem. Die kulinarischen Distinktionserfahrungen meines Helden könnten also auch heute noch gemacht werden - denken Sie nur an Jamie Olivers Projekt zur Verbesserung des Essens an englischen Schulen. Da treten Klassenkonflikte wieder einmal besonders deutlich hervor: Dieses Land lernt nur sehr zögerlich mit der Einsicht umzugehen, dass die Privatisierungsoffensive sowohl Thatchers als auch Blairs die Schulmilch durch Cola-Automaten ersetzte, dass das Profit-Interesse längst den Schulhof erreicht hat.

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