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Hörbücher : Brutaler Preiskampf

Das Rauschen der Buchstaben: Hörbücher verkaufen sich so gut wie noch nie. Bild: dpa

Hörbücher verkaufen sich so gut wie nie. Bestseller werden aber nur Titel wie „“Shades of Grey“ oder „Zwetschgendatschikomplott“. Warum stecken manche Verlage und Vorleser trotzdem so viel Herzblut in die Produktion?

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          Wenn man einen Text über Hörbücher schreibt, wenn man verstehen will, was das Medium so faszinierend macht und warum es gerade einen solchen Aufschwung erlebt, dann muss man nur zuhören. Man kann am Schreibtisch sitzen bleiben und jene Sprecher anrufen, die es seit Jahrzehnten prägen, Burghart Klaußner zum Beispiel oder Christian Brückner. Sobald ihre Stimmen durch den Telefonhörer rauschen, sobald man hört, mit welchem Rhythmus sie ihre Sätze aufsagen, spielt das Gesagte kaum noch eine Rolle.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wir vertrauen ihnen schon deshalb, weil wir ihnen gerne zuhören. Das ist sicher ein Grund für den Erfolg des Mediums Hörbuch: 2014 wurden in Deutschland 14,3 Millionen CDs verkauft, ein Rekordergebnis, obwohl seit Jahren auch die Zahl der Downloads steigt. Noch immer werden 80 Prozent aller Hörbücher hierzulande in physischer Form gekauft, 20 Prozent in digitaler Form. Der Anteil der Hörbücher am Buchmarkt wächst kontinuierlich, im vergangenen Jahr betrug er 4,2 Prozent.

          Hörbücher sparen Zeit

          Dieses Wachstum lässt sich damit erklären, dass Hörbücher keine ungeteilte Aufmerksamkeit fordern. Man kann sie während der Autofahrt anhören oder beim Joggen. Je verbreiteter das Smartphone ist, desto bequemer erscheint es, sich beispielsweise „Krieg und Frieden“ anzuhören statt immer nur Musik. Wenn wir ein Hörbuch abspielen, statt ein Buch aufzuschlagen, sparen wir Zeit. In den Vereinigten Staaten wurden Hörbücher deshalb lange Zeit mit einem Slogan beworben, der ganz im Sinne wirtschaftlicher Rationalisierungslogik steht: „Double your time“.

          Zugleich weiß jeder, der schon einmal in die Klangwelt eines Hörbuchs eingetaucht ist, dass es um mehr geht, als Zeit zu sparen. Amadeus Gerlach, Geschäftsführer von „Der Audio Verlag“ (DAV) mit Sitz in Berlin, erklärt es so: Jeder habe einen Freund, der gut Witze erzählen könne. Und zwar unabhängig von der Pointe. „Sie lachen schon, wenn der anfängt zu erzählen. Deswegen würden sie sich aber trotzdem nie ein Buch mit Witzen kaufen. So ist das mit dem Hörbuch auch: Wenn sie einen guten Sprecher haben, hören sie mehr, als sie lesen könnten.“

          Ein dreistelliger Betrag pro CD

          Ein Text bedarf unserer Interpretation. Eine Stimme ist schon Interpretation. Hörbücher können deshalb besonders zu jenen Werken, deren Sprache sich uns nicht mehr erschließen mag, einen neuen Zugang schaffen. Der Sprecher agiert wie ein Mediator; er ist der Kenner, der verstaubten Sätzen neues Leben einhaucht. „Eine Stimme hat immer eine Erotik“, sagt Gerlach. „Wenn man ihr gerne zuhört, nimmt man ihr auch mehr ab. Dann versteht man auch mehr. Rudolf Noelte, der Regisseur, hat einmal gesagt: Die Wahrheit des Ausdrucks ist nicht teilbar.“ Das erklärt, wie entscheidend die Wahl des Sprechers ist. Für die Kinderbibel von Margot Käßmann erscheint Jürgen von der Lippe ideal; seine Bassstimme ist noch in jedem deutschen Wohnzimmer beheimatet. Wenn hingegen Christian „The Voice“ Brückner, der deutsche Synchronsprecher von Robert De Niro, den amerikanischen Postmodernisten Don DeLillo liest, klingt das, als wäre man in New York, Los Angeles und Las Vegas gleichzeitig. Brückner könnte vermutlich auch die Kinderbibel lesen. Nur Jürgen von der Lippe nicht unbedingt Don DeLillo.

          Trotzdem kann man sich fragen, warum so viele Schauspieler gleichzeitig als Hörbuchsprecher arbeiten; das Einlesen von Büchern ist immerhin sehr zeitaufwendig. Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ etwa füllt eingelesen 30 CDs. Die Antwort ist zum einen: Geld. Stefan Kaminski, durch seine Sendung „On Air“ einem breiteren Publikum bekannt, bekommt für eine eingelesene CD nach eigenen Angaben etwa 200 bis 800 Euro. Die Stars der Branche können auch höhere vierstellige Summen verdienen. Ob das eine gute Bezahlung ist, hängt von der Zeit ab, die ein Sprecher investiert. Kaminski ist ein eher schneller Leser, für „Der Schwarm“ hat er neun Tage gebraucht. In der Regel verbringt er sechs Stunden am Tag im Studio.

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