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Hörbuch „Ans Ende kommen“ : Die höhere Gelassenheit

  • -Aktualisiert am

Dieter Wellershoff aus der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009. Bild: Röth, Frank

Das Besondere dieses Hörbuchs: Der Autor Dieter Wellershoff erzählt mündlich, liest also keinen fertigen Text vor. Es geht um Altern und Sterben, lakonisch und gelassen. Es lohnt sehr, die Hörprobe zu machen.

          Die Hörbücher des Supposé-Verlags folgen einem eigensinnigen Konzept. Hier wird Mündlichkeit nicht nur vorgetäuscht, hier wird kein fertiger Text vorgelesen, vielmehr lässt man Schriftsteller und Wissenschaftler möglichst frei erzählen von dem, was sie um- und antreibt. Es gibt ein „Drehbuch“ des Gesprächs, aber die Fragen des Interviewers werden anschließend herausgeschnitten, ebenso störende Schlacken der freien Rede. Komprimiert und sublimiert, entstehen so aus den Originaltönen im besten Fall Extrakte der Spontanität, Redeströme von faszinierender persönlicher Nähe und literarischer Dichte zugleich, wie „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“, wo Herta Müller von ihrer „Kindheit im Banat“ erzählt.

          Nicht alle Supposé-Plauderstunden erreichen diese herausragende Qualität. Wenn der Schriftsteller Dieter Wellershoff jetzt über Altern und Sterben erzählt, wirkt das anfangs etwas assoziativ und beliebig. Eine Kindheit im Banat haben die wenigsten; Altern und Sterben dagegen sind Themen, die alle Menschen betreffen und bei denen sich Allgemeinplätze kaum vermeiden lassen. Trotzdem hört man der vom Alter geprägten, manchmal etwas brüchigen, aber immer noch markant-markigen Stimme Wellershoffs gern und gespannt zu. Es geht schließlich ans Essentielle, und dieser Schriftsteller hat eine unverschnörkelte Lebensphilosophie zu bieten.

          Der Wunsch, die Anderen zu überleben

          Der Zweite Weltkrieg ist für ihn über sieben Jahrzehnte die prägendste Erfahrung geblieben. Es war der Ernstfall des Existentialismus: die Erfahrung der absoluten Kontingenz und des In-den-Dreck-Geworfen-Seins. Ein Schlüsselerlebnis war dabei die Nacht, in der das Maschinengewehr des jungen Soldaten Wellershoff klemmte und er von einem russischen Stoßtrupp umzingelt und mit Handgranaten beworfen wurde. Rings um ihn prasselten die Splitter. Dass der Neunzehnjährige überlebte: nein, es sei kein Wunder gewesen, keine Fügung, sondern reiner Zufall wie die ganze menschliche Existenz als Produkt genetischen Würfelspiels.

          Danach jedenfalls habe er sein weiteres Leben als Zugabe und Geschenk empfunden; von Rechts wegen hätte er ja tot sein müssen, wie vierzig Prozent der Männer seines Jahrgangs 1925. Das klingt demütig, ist es aber doch nicht ganz. Denn im Überleben habe er auch den Kitzel der Vitalität verspürt. Wer den Krieg heil überstanden hatte, konnte vom Frauenüberschuss profitieren. Wellershoff erzählt, wie er als Noch-niemand eine erfolgreiche, attraktive Frau heiraten konnte, die ihn unter anderen Umständen womöglich gar nicht beachtet hätte.

          Ein Überlebender ist Wellershoff im hohen Alter zum zweiten Mal geworden. Mit achtundachtzig Jahren hat er von den verbliebenen sechzig Prozent der Männer seines Jahrgangs noch einmal den größten Teil überdauert. Wiederum macht sich der „Kitzel der Vitalität“ geltend, wenn er berichtet, wie der große Freundes- und Bekanntenkreis seiner Frau inzwischen weggestorben sei, und nonchalant hinzufügt: „Wir machen noch ein bisschen weiter . . .“

          Hat es nicht etwas von Genugtuung? Aufrecht stehen bleiben inmitten des „Massakers“, als das Philip Roth das Altern bezeichnet hat? Es ist die Klarsicht und Ehrlichkeit, die an Wellershoffs Äußerungen fesseln. Auch wenn er nicht ganz so weit geht wie Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ schrieb: „Der Wunsch nach einem langen Leben bedeutet in Wirklichkeit, dass man die eigenen Altersgenossen überleben will . . . Man will da sein, wenn andere nicht mehr da sind.“

          Das humane Ritual

          Solch gallige Schärfe liegt Wellershoff fern, er überzeugt durch die Gelassenheit, mit der er das Unvermeidliche in den Blick nimmt. Das Altern beschreibt er als heiklen Balanceakt von Mehr- und Weniger-Werden. Einerseits: mehr Jahre, mehr Erfahrung; andererseits: das Schwinden der Kompetenzen und die Verwüstung des Körpers. Man lebt im Zeichen des „Immer-noch“. Immer noch kann man etwas, was andere in dem Alter nicht mehr können. Leben als Dasein zum Tode - die abstrakte existentialistische Formel wird heute für viele Hochbetagte zur konkreten Langzeiterfahrung.

          Rang, Ruhm, Referenzen, ein Bücherregal mit eigenen Werken - das sind für einen Schriftsteller Alters-Zuwächse einer gelingenden Biographie, die dem Wunschbild einer aufsteigenden Lebenslinie entsprechen. Was aber, wenn man das Alter erreicht, ohne etwas erreicht zu haben? Oder wenn plötzlich ein „schrecklicher Sturz in die Bedeutungslosigkeit“ erfolgt und die von der Gesellschaft erwartete Kontinuität der Biographie einen starken Knacks bekommt?

          Wellershoff, in seinen Romanen ein psychologischer Erzähler, der sich für die Schrecken des Scheiterns interessiert, erinnert sich auch in diesem Hörbuch an schmerzliche Situationen der Entwürdigung und des Bedeutungsverlusts, die er bei Verwandten und Bekannten beobachten konnte: jähe Momente des Alterns, der „Entthronung“.

          Unvermeidlich kommen die Krankheiten, „man sieht sich herumschleichen und -schlurfen“, hält aber innerlich ein imaginäres Bild des souveränen Selbst aufrecht. In der Großvater-Rolle sieht sich Wellershoff dagegen nicht so gern. „Man will ja nicht als Zuschauer für kleine Kinder leben. Eine Stunde ist es gut, aber dann sollen sie mal gehen.“ Das Zeitkonto der Kleinen ist noch erschreckend gut gefüllt, während der Alte, statistisch gesehen, bereits den Überziehungskredit in Anspruch nimmt. Wenn auch der ausläuft, bleibt ein Wunsch: Dass einem in der Todesstunde ein naher Mensch die Hand halten möge. „Diese Hand, die einen berührt, ist sozusagen das humane Ritual schlechthin.“

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