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Geschichte Dschiddas : Stadt der Händler

Historische Altstadt von Dschidda: Weit reichten die Handelsverbindungen der vergleichsweise liberalen saudischen Metropole. Bild: dpa

Das saudische Dschidda ist das Tor nach Mekka. Die Historikerin Ulrike Freitag zeigt in ihrem Buch über die Hafenstadt, wie aktuell die Globalisierung bereits vor über hundert Jahren war.

          2 Min.

          Die saudische Hafenstadt Dschidda hat leidvolle Erfahrungen im Umgang mit Pandemien gemacht. Immer wieder haben muslimische Pilger aus aller Welt, deren Ziel das etwas landeinwärts gelegene Mekka ist, Viren eingeschleppt. Bei der großen Choleraepidemie von 1865 starben 30.000 von ihnen. Das Osmanische Reich, dem der Hidschaz damals unterstand, handelte rasch. Erstmals wurden Lazarette für die Pilger errichtet und vor allem Quarantänestationen im Roten Meer vor Dschidda.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nicht immer ging es dabei friedlich zu. Als 1895 abermals die Cholera Dschidda bedrohte und jeder Pilger seine Kleidung desinfizieren musste, entluden sich die Spannungen in Gewalt. Einer ungleich größeren Bedrohung sehen sich Dschidda und Mekka in diesem Jahr mit dem Coronavirus gegenüber. Voraussichtlich wird zum ersten Mal die große Pilgerfahrt, der Hadsch, der Ende Juli stattfinden soll, abgesagt. Mehr als zwei Millionen Pilger waren in Mekka erwartet worden. Die allermeisten wären über Dschidda nach Mekka gelangt.

          Der Suez-Kanal beschleunigte alles

          Allein dieser kleine Exkurs in Ulrike Freitags Buch über die saudische Hafenstadt Dschidda im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert zeigt, wie unverändert die Herausforderungen der globalisierten Welt sind. Der Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient in Berlin ist das farbige Porträt einer Stadt gelungen, die für die mehr als eine Milliarde Muslime das Tor nach Mekka ist und deren Handelsverbindungen früh bis Singapur und Liverpool reichten.

          Dschidda ist eine Stadt, die sich mit ihrer relativen Liberalität noch heute von allen anderen Städten Saudi-Arabiens abhebt. Sie liegt an der Nahtstelle zwischen dem Indischen Ozean und dem Mittelmeer. Die Eröffnung des Suezkanals 1869 beschleunigte ihre Integration in den Welthandel. Die Autorin setzt mit dem Jahr 1840 ein. Da stellte das Osmanische Reich seine Herrschaft über die Region Hidschaz entlang des Roten Meeres wieder her. Wie in anderen großen Städten des Osmanischen Reichs stießen die Tanzimat-Reformen auch in Dschidda eine Modernisierung an.

          Das Makkah-Tor in Dschidda, der Eingang zur Altstadt.

          Eingang in die Händler- und Pilgerstadt fanden damit auch neue Ideen. Auch in Dschidda wurde, wie in anderen Teilen des Osmanischen Reichs und in Indien, eine geheime Gesellschaft gegründet, die sich zum Ziel setzte, die christlichen Kolonialmächte aus der islamischen Welt zu vertreiben. Zur Jahrhundertwende gab es sogar Ideen für einen unabhängigen Hidschaz und eine Republik der Händler, die sowohl die osmanische Herrschaft als auch die lokale Herrschaft der Scharifen, der Nachkommen des Propheten Mohammed, hätte beenden sollen.

          Mit den Pilgern kam auch der Fußball

          Interessant zu lesen ist, wie groß die Netzwerke der Händlerdynastien waren, die mit Bombay und Kalkutta Handel trieben, in London und Paris Perlen verkauften. Diese Händler engagierten sich auch in kommunalen Angelegenheiten, gründeten Schulen mit einem modernen Curriculum, Bibliotheken, 1908 die erste Zeitung, die unter anderem Namen noch heute besteht. Als Pilger aus Indonesien und Malaysia den Fußball nach Dschidda brachten, gründeten sie 1927 den ältesten, noch heute bestehenden Fußballklub des Landes.

          Ulrike Freitag:

„A History of Jeddah“. The Gate to Mecca in the Nineteenth and Twentieth Centuries.

Cambridge University Press, Cambridge 2020. 404 S., geb., 40,– .

          Da hatte Abd al Aziz Ibn Saud gerade Mekka, Medina und Dschidda erobert und die Scharifen vertrieben. Stattdessen setzten die Briten sie nun im Irak und in Jordanien als Könige ein. Es dauerte bis 1932, bis Ibn Saud den Nadschd, das Innere der Arabischen Halbinsel, mit der Region Hidschaz um Dschidda zum neuen Königreich Saudi-Arabien vereinigte. Zunächst begrüßten die Händler Dschiddas die neue Stabilität unter dem durchsetzungsfähigen Herrscher. Dschidda aber veränderte sich. Erfolg hatte nun, wer sich mit dem neuen König arrangierte. Mit dem Erdöl wurden aus den Händlern nun Industrie- und Bauunternehmer, und mit dem wahhabitischen Islam veränderte sich das Leben: Rauchen und Alkohol waren von nun an verboten, Frauen verschwanden aus der Öffentlichkeit, um Tote durfte nicht mehr getrauert werden, weil das als Vorstufe zur „Vielgötterei“ galt.

          Die Autorin beendet ihre Betrachtungen im Jahr 1947, als die Stadtmauer abgerissen wurde und das krebsartige Wachstum Dschiddas einsetzte. Dabei würde man gerne die Entwicklung bis in die Gegenwart verfolgen und erfahren, welche Impulse von der Gesellschaft der Stadt, deren Lebendigkeit niemals ganz abgewürgt wurde, heute für Saudi-Arabien ausgehen.

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